Regel 5: Die Schiedsrichter

Regel 5: Die Schiedsrichter

Schiedsrichter gab es auch schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Schiedsrichter beim Fußballspiel der Privatschulen. Für Eton, die die Rugby-Variante spielten, ist überliefert, dass es eine schlichtende Instanz gab (1845)1)Vgl. Mangan, J. A.: Prologue. In: J. A. Mangan (Hg): Sport in Europe. Politics, Class, Gender. Preston 1999. S. iv-viii, hier S. vii., die außerhalb des Spielfeldes saß und auf Anrufung des Spielkaisers (eine Art Spielertrainermanager) oder später seiner Assistenten reagierte. 1871 (Sheffield FA) bzw. 1877 (Football Association) wurden Schiedsrichter offenbar wieder eingeführt, zumindest erstmals in Regelwerken genannt. Die häufige Reaktion war eindeutig; Entsetzen, Brüskierung. Fußball, eine Sportart der Gentlemen, beruht auf Fairplay. Ihnen einen Schiedsrichter vorzusetzen war gleichbedeutend mit der Annahme, dass sie täuschen versuchen würden – eine ungeheuerlicher Vorwurf2)Vgl. Russell, Dave: Football and the English. A Social History of Association Football 1863-1995. Preston 1997. S. 65..  Zeitweise gab es auch zwei Schiedsrichter, wie 1871-1877 in der Sheffield FA; einen für jede Mannschaft.

Der Passus wurde in den Regelwerken nicht mehr rückgängig gemacht. Im Gegenteil. Etwa zwanzig Jahre nach ihrer Aufnahme in die Regelwerke – Schiedsrichter hatte bereits Fahnen (1875-1877, Sheffield FA) bzw. eine Trillerpfeife (ab 1878, FA), um bessere Aufmerksamkeit zu erreichen – wurde der Schiedsrichter eine neutrale Instanz, die ohne Anrufung agiert und auf dem Spielfeld am Spielgeschehen teilnimmt. Wobei die Einführung von Fahne und Trillerpfeife vor 1891 deutlich zeigt, dass der Schiedsrichter auch unabhängig einer Anrufung am Spielgeschehen teilzunehmen versuchte. Wahrscheinlich wurde hier schnell Recht durch Usus verdrängt und die Regel im Nachhinein aktualisiert.

Das Fußballspiel war Ende des 19. Jahrhunderts weder fairer noch unfairer als heute, ein Schiedsrichter daher nötig. Denn schon in diesem Jahrhundert gab es zahlreiche Versuche, den Schiedsrichter zu täuschen, sei es durch verdeckte Fouls, ständige „Hand!“- und „Abseits!“-Rufe und andere Handlungen, die sich keineswegs verändert haben.

„You know very well that that last shot was not a goal.“, sagte ein nicht näher bekannter Schiedsrichter Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Spieler. Der Spieler antwortetete: „Of course I do, but I didn’t know that you did, and nothing is lost by appealing.“.3)Brown, Paul: How referees are tricked – a Victorian football football[!] ref reveals all. In: Goalpost. URL: www.goalpost.co.uk/how-referees-are-tricked (Letzter Zugriff: 30.06.2017).

Es gab und es gibt zahlreiche Empfehlungen und Richtlinien, wie sich eine Schiedsrichterin bzw. ein Schiedsrichter bestmöglich vorbereitet und während des Spieles agiert. Das führte bereits für über hundert Jahren auch zu Kontroversen. So kritisierte Ludwig Lechner 1897:

„Ich kann die sonst trefflichen Ausführungen des Leitfadens für Jugendspiele von Dr. Eitner in dem Punkte nicht beipflichten, wo er sagt, man könne von einem Spielleiter nicht verlangen, daß er alle Details kenne. Das ist keine übertriebene Forderung; das Material ist kein unübersehbares, und wenn man vom Anfang daran festhält, jedes Spiel in der Zeit seiner Einführung gründlich in allen Phasen und jeder Charge mitzumachen, so erlangt man bald die nöthige genaue Kenntnis, ohne welche ein Eingreifen durch Autorität nicht imponieren kann.“4)Lechner, Ludwig: Schule und Jugendspiele. Teil 1: Leitfaden für Freunde des Jugendspieles und Spielleiter insbesondere. Wien 2^1897. S. 41..

Alle Empfehlungen haben gemein, dass sie Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter dazu anhalten, einen gerechten Mittelweg zwischen Strenge und Fahrlässigkeit zu finden und Menschenverstand walten zu lassen. Das hat zuletzt auch die IFAB erneut betont. Die Schiedsrichterin bzw. der Schiedsrichter braucht Kenntnis des Regelwerks und auch in der Personalführung. Das ist auch nichts Neues, wie Empfehlungen an Schiedsrichter um 1930 zeigen. Ludwig Lechner äußerte sich in seinem eigenen militärischen Jargon folgendermaßen dazu:

„Auch die Beilegung von Differenzen als Schiedsrichter erheischt [von den Lehrern als Spielleiter] große Behutsamkeit. Man bekämpfe in dieser Eigenschaft vor allem durch Wort und Beispiel, aber mit Milde alle Rohheiten; man behandele sie nicht als Übertretungen, sondern als natürliche Erscheinungen eines Instincts, der der menschlichen Natur leider nicht fremd ist, dessen Beherrschung die Erziehung aber anstrebt. Unmuth und Empörung nützen hier weniger – sie vernichten den Feind nicht, sondern treiben ihn bloß aus dem Versteck – als ein glückliches Scherzwort oder in schweren Fällen ein schmerzliches Bedauern; […].“5)Lechner, Ludwig: Schule und Jugendspiele. Teil 1: Leitfaden für Freunde des Jugendspieles und Spielleiter insbesondere. Wien 2^1897. S. 42..

Zu den Aufgaben einer Schiedsrichterin und eines Schiedsrichters gehörte Ende des 19. Jahrhunderts wie heute das Kontrollieren der Spielerausrüstung, das Erlauben, das Spielfeld zu verlassen oder zu betreten und vor allem die Spielleitung mit dem Anzeigen und Bestrafen von Fouls, die gegebenenfalls mit einem Platzverweis zu ahnden sind, oder mit Spielabbruch zu reagieren. Dabei waren und sind die Entscheidungen der Schiedsrichterin/des Schiedsrichters Tatsachenentscheidungen, die nur von ihm revidiert werden können, solange er das Spiel noch nicht wiederangepfiffen hat. Kommt das Spiel ohne ein Foul zum Stehen, wird das Spiel mit einem Schiedsrichterball fortgesetzt – der Ball ist in diesem Falle erst wieder im Spiel, wenn er den Boden berührt hat.
Seit 1906 muss die Schiedsrichterin bzw. der Schiedsrichter zusätzlich ein Spielprotokoll nach Abpfiff anfertigen.

Die Regelungen zu Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern waren einige Jahrzehnte unverändert – abgesehen von dem Versuch, mit zwei unabhängigen Schiedsrichtern Fußballspiele besser führen zu können (1925). Der Versuch wurde noch in der gleichen Saison aus Kostengründen revidiert. Die Ergänzungen begannen in der Nachkriegszeit:

  • Vor 1977 wurde bestimmt, dass eine Spielerin oder ein Spieler mit blutender Wunde das Spielfeld verlassen muss, bis die Blutung gestoppt oder gestillt wurde.
  • Zur EM 1988 bestimmte die UEFA, dass Schiedsrichtergespanne aus der gleichen Nation kommen müssen. Die FIFA übernahm die Regelung 2006.
  • 1991 ergänzen Vierte Offizielle das Schiedsrichtergespann außerhalb des Spielfeldes, kontrollieren die Spielerausrüstung, die Einhaltung der Technischen Zone, nehmen Einwechslungen vor.
  • 1992 wurde das maximale Alter von Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern auf 47 in Deutschland, 45 Jahren bei FIFA-Spielen begrenzt.
  • Seit 1994 müssen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter nicht mehr schwarze Kleidung tragen, sondern können jede Farbe wählen, solange sie sich von den Trikotfarben der Spielerinnen bzw. Spieler unterscheidet.
  • 2012 wurde das bereits vorher in den USA eingesetzte Freistoßspray auch für FIFA-Mitglieder vorgeschrieben, um bei Freistößen die Lage des Balles oder (bei indirekten) auch des gebührenden Abstands auf dem Rasen zu markieren.
Cite this article as: Petra: Regel 5: Die Schiedsrichter. In: Nachspielzeiten, 30. Juni 2017. URL: http://nachspielzeiten.de/regel-5-die-schiedsrichter/ (zuletzt aufgerufen: 25. Februar 2018).
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Fußnoten   [ + ]

1. Vgl. Mangan, J. A.: Prologue. In: J. A. Mangan (Hg): Sport in Europe. Politics, Class, Gender. Preston 1999. S. iv-viii, hier S. vii.
2. Vgl. Russell, Dave: Football and the English. A Social History of Association Football 1863-1995. Preston 1997. S. 65.
3. Brown, Paul: How referees are tricked – a Victorian football football[!] ref reveals all. In: Goalpost. URL: www.goalpost.co.uk/how-referees-are-tricked (Letzter Zugriff: 30.06.2017).
4. Lechner, Ludwig: Schule und Jugendspiele. Teil 1: Leitfaden für Freunde des Jugendspieles und Spielleiter insbesondere. Wien 2^1897. S. 41.
5. Lechner, Ludwig: Schule und Jugendspiele. Teil 1: Leitfaden für Freunde des Jugendspieles und Spielleiter insbesondere. Wien 2^1897. S. 42.

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