Schiedsrichter um 1930

Schiedsrichter um 1930

Was ist die Pflicht von Schiedsrichtern? Wie sollten sie auftreten, wie agieren? Dass sich die Ratschläge an sie aber auch das Verhalten von Spielern in den letzten 90 Jahren (und tatsächlich auch darüber hinaus) nicht wirklich verändert hat, zeigen beiden folgenden Fundstücke aus der Beilage der Zeitschrift „Die Sportwoche“,  „Der Fußballspieler – Technischer Teil“. Diese Zeitschrift war das Organ des Arbeiter-Turn- und Sportbundes, dass sich mit der Fußballberichterstattung der Arbeiterfußballvereine widmete.

Hier zunächst „Der Schiedsrichter“ von einem nicht genannten Autor auf Seite 34 aus Jahrgang 10 (1928) (hier auch als pdf) und „Seelenkunde auf dem Spielfeld. Zweckmäßigkeit in der Spielleitung“ von Anton Froschmayr auf den Seiten 21 bis 22 aus Jahrgang 11 (1929) (hier auch als pdf). Zu letzterem nimmt auch ein Artikel in der Danziger Volksstimme vom 17.11.1930 Bezug („Ist eine Veredelung des Fußballspiels möglich? Man sagt ja.“ – hier als pdf).

Der Schiedsrichter

Autor: anonym
Quelle: Die Sportwoche. Der Fußballspieler – Technischer Teil 10,5 (1928). S. 34.

„Der Schiedsrichter steht im Mittelpunkt des Fußballsportes. Seine Arbeit ist mühevoll und wird meist nicht gelohnt.

Woher kommt das? Erstens ist die freiwillig übernommene Arbeit mit viel Undank verbunden. Die tüchtigsten Schiedsrichter lassen sich öfter, kleiner Ursachen wegen, im Spiel anflaumen[sic!]. Da läuft manchmal dem gutmütigsten Schiedsrichter die Galle über. Zweitens fehlt dem älteren Schiedsrichter die körperliche Eignung. Sie kommen dem flotten Spiel nicht mehr nach. Weil die eben genannten Punkte den Schiedsrichterbestand verringern, sollten alle Mittel der Werbung herangeholt werden, um die Zahl zu vergrößern.

Die Verantwortlichkeit, die der Schiedsrichter mit der Übernahme des Spiels zu tragen hat, ist groß. Das kann nur der ermessen, der schon größere Spiele geleitet hat. Außer den 22 Spielern gilt der Schiedsrichter als derjenige, der die umsichtigste und schwerste Arbeit zu verrichten hat. Von seiner Leitung hängt vorwiegend der reibungslose Ausgang des Spiels ab. Die Entscheidungen, die er trifft, sind endgültig. Sie können weder durch den Schiedsrichter selbst, noch am Verhandlungstisch abgeändert werden. Er steht als Richter über den Parteien. Das Bedeutsame liegt darin, daß jede Regelverletzung oder sonstige Verfehlung gegen das sportliche Sittengesetz sofort erfaßt und blitzschnell durchgeführt sein muß. Der Schiedsrichter hat sozusagen die Macht eines Diktators. Davon soll aber kein Spieler etwas spüren. Er soll vielmehr wie es vorsorglicher Vater die Spieler in seinen Bann ziehen. Er muß eine Persönlichkeit darstellen. Das alles macht ihn erst zum Meister der Pfeife. Um überall bestehen zu können, ist Regelkenntnis eine der wichtigsten Voraussetzungen. Er darf nur pfeifen was er selbst genau gesehen hat. Zurufe der Spieler oder Zuschauer dürfen ihn nicht aus der Ruhe bringen.

Auf das Auftreten vor und nach dem Spiel kommt sehr viel am. Wie der Spieler sein Schuhzeug und seine Kleidung mitbringen muß, so darf der Schiedsrichter die Schiedsrichterpfeife und Sportanzug nicht vergessen. Die Uhr wird meist vom bauenden Verein gestellt. Trotzdem sollte der Schiedsrichter seine Uhr immer mitbringen. Als Kleidung des Schiedsrichters ist der Sportanzug vorzuziehen. Man schiedsrichtere nie im Straßenanzug. Am gebräuchlichsten sind kurze Hose, Jersey oder Sportjacke. Im Winter bei Kälte sind lange Trikot- oder Brecheshosen zu empfehlen. Man achte darauf, daß die Kleidung des Schiedsrichters sich von der der Spieler unterscheidet.

Mit den Spielführern und den Spielern verkehre man in freundschaftlicher Weise. Bietet sich Gelegenheit, auf Anfragen über Schiedsrichterangelegenheiten zu antworten, so soll das im aufklärenden Sinne geschehen. Man soll seiner Freude Ausdruck verleihen, daß sich das Gespräch auf die Schiedsrichterbewegung gerichtet hat. Abfällige Redewendungen über nicht anwesende Schiedsrichter unterlasse man.
Wenn der Schiedsrichter in der obengeschilderten Weise handelt, so wird ihm das Achtung einbringen. Obendrein wird das auf die Spieler einen nachhalten Eindruck hinterlassen. Der Schiedsrichter kann also durch sein Verhalten selbst viel dazu beitragen, das Verhältnis zwischen ihm und den Spielern zu einem freundschaftlichen und genössischen zu gestalten. In diesem bestreben sind wohl alle Schiedsrichter mit uns einig.“

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Seelenkunde auf dem Spielfeld. Zweckmäßigkeit in der Spielleitung

Autor: Anton Froschmayr
Quelle: Die Sportwoche. Der Fußballspieler – Technischer Teil 11,2 (1929). S. 21-22.

„Der Fußball-Schiedsrichter ist und bleibt – vorausgesetzt, daß er diese Bezeichnung verdient – der Mittelpunkt eines Fußballspieles. Unter seiner Leitung muß sich der Wettkampf wechselvoll, belebt, freudig und spannend gestalten. Er trägt die Verantwortung für die glatte Durchführung eines Spieles, nicht zuletzt durch sein umsichtiges Verhalten, Wirken und Auftreten. Er muß eine ‚Seele‘, muß eiserne Nerven haben. Mit der Beherrschung des „Regelwortlautes“ allein ist also noch nichts gemacht. Entschlußfähigkeit, rasches Erfassen einer jeden Lage – schon bevor sie überhaupt geschaffen ist -, muß jeden Spielleiter auszeichnen. Umsicht, Tatkraft und Beweglichkeit, das sind alles Dinge, die von einem guten Schiedsrichter verlangt werden. Seine Nerven müssen frisch und unverbraucht sein, sein Körper muß gestählt und durchtrainiert sein. Er muß aber auch die Seelenzustände der Spieler und Zuschauer kennen. Alles, was sich um ihn auf den Spielfeld und unter den Zuschauern abspielt, muß er meistern und überschauen; er muß entscheiden, eingreifen bevor ein Spiel ausartet, er muß alle Mittel erschöpfen, um ein hartes, entscheidendes Spiel ohne Unterbrechungen und Ausfälle ordnungsgemäß zu Ende zu führen. Er darf sich durch Einflüsse von außen – Pfeifen und Rufe der Zuschauer – nicht beirren lassen. Er soll wegen Nebensächlichem nicht immer gleich unterbrechen. Er muß die große Linie einhalten.

Es ist schon gesagt worden, daß sich der Schiedsrichter in die Seele des Spielers einleben muß. Blitzschnell muß er erfassen, was war die Ursache, die seelische Veranlassung zu diesem Vorgang. Lag zu einer ‚Roheit‘ bewußte Absicht, eine Handlung in der Erregung, oder ein sonstiger Grund vor.

Bei jedem Spiel ist zu beachten, um welchen Einsatz es geht. Geht es um den Aufstieg, geht es um den Abstieg oder ist es ein Freundschaftstreffen. Danach richtet sich die Einstellung des Spielers. Ein Freundschaftsspiel wird nie die Stimmungen hervorrufen wie ein wichtiges Serien- oder Meisterschaftspiel, wo es vielleicht um den Bestand einer Mannschaft, eines Vereins geht. Es liegt in dem Spiel begründet, daß der Schiedsrichter in der Spielleitung wechselseitig bald vor schwierigeren, bald vor leichteren Aufgaben und Tatsachen steht. Hierbei ist wiederum wesentlich und auch erschwerend, wenn es sich um zwei ungleiche Mannschaften handelt, von denen die eine ein harten, forsches, die andere ein weiches, mehr auf Technik aufgebautes Spiel vorführt. Spielauffassung, Taktik, Spielaufbau und Technik spielen hier eine ausschlaggebende Rolle. Es ist und darf für den Spielleiter nicht schwer zu erkennen sein, ob die Gereiztheit eines Spielers durch Verhaltendes Gegners, des Schiedsrichters [also ihm selbst] oder gar durch eine seelische Beeinflussung (Zurufe, Anfeuerung) Außenstehender verursacht wird.

Der Spieler weiß, daß ihn der Schiedsrichter schützen muß. Geht das Vertrauen, das man in den Schiedsrichter setzt, in einem Fall verloren, so wird der Spieler, der sich benachteiligt glaubt, sofort versuchen, auf den Schiedsrichter einzuwirken, ihn anzurufen oder sich durch Gesten und Bewegungen bemerkbar zu machen. Das darf nun der Schiedsrichter keineswegs als absichtliche Unsportlichkeit auslegen, weil es sich in solchen Fällen sehr oft um einen ganz natürlichen seelischen Vorgang handeln kann.

Hierbei ist die so gerne angewandte Taktik des Verteidigers zu erwähnen, die, falls sie sich überspielt glauben, beide Arme in die Höhe heben und laut protestierend „Abseits“ rufen, ohne sich vollkommen darüber klar zu sein, ob ihr Einspruch berechtigt ist.

Ein guter Schiedsrichter darf sie nie auf Aussprachen und Unterhaltungen mit den Spielern oder Zuschauern einlassen. Sind Entscheidungen nicht gleich [S. 22] verständlich – was ja vorkommen kann -, so kann der Schiedsrichter durch kurze Andeutungen, wie ‚Hände‘, ‚Abseits‘, ‚Freistoß‘, ‚Strafstoß‘ usw., seine Entscheidung erläutern, ohne darüber einen ‚Vortrag‘ halten zu müssen.

Das erste Auftreten des Schiedsrichters wird ihm die erforderliche Freundschaft der Spieler und Zuschauer einbringen. Ausschlaggebend für den Verlauf des Spieles wird sich auch auswirken, wenn der Schiedsrichter vor Beginn des Spieles bei der Begrüßung der beiden Spielführer den richtigen, verbindlichen Ton findet, wenn er es versteht, durch einige wohlgeformte, vielleicht herzliche und belehrende Worte kurz und bündig die beiden Spielführer zu sich und untereinander in gegenseitiges Vertrauen zu bringen. Es wird genügen, wenn er z. B. darauf aufmerksam macht, daß er das Spiel peinlich genau leiten wird, daß er nicht die geringsten Roheiten durchgehen lasse, daß er nur unzweideutig absichtliches Händespiel bestraft, daß er gegen jedes rohe Spiel, Unterlaufen usw., unnachsichtlich einschreiten wird. Auch soll er gleich betonen, daß er nicht die geringsten Einsprüche dulde und daß das Spiel würdig der Arbeitersportbewegung durchgeführt werden müsse um zu ‚werben‘.
Wird so gehandelt und auch das Versprochene eingehalten, dann wird das Spiel zweifellos einen für alle Teile zufriedenstellenden Verlauf nehmen.

 

Credits für das Beitragsbild:

DHM Berlin – John Langenus- Belgian football referee, who officiated for FIFA in three World Cup competitions, including the first ever Final match in 1930. https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AJohn_Langenus_The_football_arbitrator_a_judging_first_final_of_the_World_championships_1930_year.jpg (Letzter Zugriff: 26.07.2017). Public Domain.

Cite this article as: Petra: Schiedsrichter um 1930. In: Nachspielzeiten, 26. Juli 2017. URL: http://nachspielzeiten.de/schiedsrichter-um-1930/ (zuletzt aufgerufen: 14. Dezember 2017).
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