Vorschriften zur Ermittlung des Siegers

Vorschriften zur Ermittlung des Siegers

Vor ein paar Wochen habe ich meine Reihe zu den Entwicklungen der einzelnen Fußballregeln mit einem Beitrag über die Entwicklung der Fußballregelwerke beendet. Nun noch ein Nachschlag, der nicht Teil der Regelwerke: Wie wurde in einem Entscheidungsspiel der Sieger ermittelt? Und warum wurde diese Vorschrift nicht in die Laws of the Game aufgenommen?

Die letzte Frage lässt sich schnell und leicht beantworten: Es ist nicht Teil des Spiels. Das mag den oder die ein oder andere verwundern, aber beispielsweise der Münzwurf vor Beginn des Spiels – ich nehme es durch diese Formulierung ja schon vorweg – ist nicht Teil des Spiels und der Münzwurf zur Ermittlung des Siegers war es ebenso wenig.

Fangen wir wieder mal ganz vorne in der Geschichte des modernen Fußballs an: die Cambridge Rules und Uppingham Rules thematisieren diese Entscheidung nicht. (Hier mal wieder der Disclaimer: Nur, weil es nicht im Regelwerk enthalten war, heißt es nicht, dass es keine Bestimmung gab. Sie war evtl. auch so offensichtlich für die Zeitgenossen, dass sie gar nicht ins Regelwerk aufgenommen wurde.) Die Sheffield Rules beschrieben für die Jahre von 1862-1868 das Rouge.

Ich zitiere aus dem letzten Post:

In Sheffield konnte man ab 1862 nicht nur durch die Erzielung von Toren gewinnen, sondern auch durch Rouges. Abgeleitet von den Fußballspielvarianten der privatschulen im frühen 19. Jahrhundert, insbesondere dem Eton Field Game, sollten so die Anzahl der unentschiedenen Spiele reduziert werden. Denn bei Unentschieden – und nur dann – zählten die erzielten Rouges zur Ermittlung des Siegers.
Unter den gleichen Umständen, die heute zu eine Eckstoß führen, wurde der Ball bei allen Spielen der Sheffield FA zwischen 1862 und 1868 „rougeable“, d.h. wenn die verteidigende Mannschaft den Ball ins Toraus bringt oder der angreifende Spieler einen verteidigenden anschießt und der Ball dann ins Toraus abprallt. War ein Ball „rougeable“, rannten Spieler beider Mannschaften zum Ball, um ihn als zu bekommen. Erreichte ein Spieler der verteidigenden Mannschaft zuerst den Ball, gab es Abstoß vom Tor. Andernfalls hatte die angreifende Mannschaft ein Rouge erzielt. Wenn ich es richtig verstanden habe, kann der Ball, der „rougeable“ ist, hinter der Torauslinie auch gefangen werden. Er muss dann nicht erst liegen oder rollen, um das Ziel zu erreichen.

1871-1877, als die Sheffield FA sich mit der Football Association zusammenschloss, wählte sie den Münzwurf zur Entscheidung. 1877 übernahm sie die Vorschrift der Football Association: Hier gab seit ihrer Gründung 1863 bei einem Unentschieden nach 90 Minuten zunächst zweimal 15 Minuten Verlängerung und anschließend den Münzwurf. Und das blieb lange, lange so.

1965 wurde für Entscheidungsspiele mit Hin- und Rückspiel die immer noch aktuelle Auswärtstorregel eingeführt (ab 1969 bei UEFA-Wettbewerben): Tore, die auswärts geschossen wurden, zählen mehr als zu Hause erzielte. Nur bei zwei exakt gleichen Ergebnissen kam und kommt es zu Verlängerung. Ein Beispiel: Geht das Hinspiel von Club A vs. Club B 2:1 aus und das Rückspiel Club B vs. Club A 1:0 steht es in Addition zwar 2:2, aber dennoch kommt Club B weiter, weil es auswärts ein Tor erzielen konnte, Club A aber nicht.

1970 dann die nächste Änderung: Kam es zur Verlängerung und konnte dennoch keine Entscheidung herbeigeführt werden, gab es nun das allseits bekannte Elfmeterschießen. Hierzu gibt es zunächst von jeder Mannschaft fünf Elfmeter, sofern nicht eine Mannschaft uneinholbar vorne liegt. Ist danach keine Entscheidung gefallen, treten immer je ein Spieler der einen gegen einen Spieler der anderen Mannschaft an. Sobald ein Spieler trifft, der andere verschießt, ist die Entscheidung zugunsten der Mannschaft des Torschützen gefallen. Jeder Spieler muss einmal antreten, bevor ein Spieler wiederholt zum Elfmeter antritt. Spieler, die ausgewechselt oder des Platzes verwiesen wurden, dürfen nicht antreten. Der Schiedsrichter achtet darauf, dass vor Beginn des Elfmeterschießens die Anzahl der Spieler je Mannschaft auf beiden Seiten identisch ist.

Zwischendurch gab es durch die Einführung und Abschaffung des Golden Goal (1994-2002, das erste Tor in der Verlängerung entscheidet) und Silver Goal (2002-2004, auch die erste Verlängerungshalbzeit kann schon entscheiden, sofern eine Mannschaft führt) zu kleinen Veränderungen bei der Entscheidungsfindung, aber seit 2004 werden wieder beide Verlängerungshalbzeiten komplett gespielt.

Das Golden Goal wurde übrigens nicht 1994 erfunden. Im Eishockey heißt die Entsprechung Sudden Death und auch im Fußball wurde eine Variante des Golden Goals zur Siegerfindung angewandt: Im Finale des Sheffielder Cromwell Cups 1868. Sheffield Wednesday FC (gegr. 1867) und Garrick FC (gegr. 1866, aufgegeben 1878) standen sich im Finale gegenüber. Da nach 90 Minuten weder ein Tor noch ein Rouge erzielt werden konnte, einigten sich die Kapitäne der Mannschaften darauf, so lange weiterzuspielen, bis ein Tor fällt. Der Sheffield Wednesday FC gewann den Pokal. Der übrigens nach seinem Stifter, Oliver Cromwell, Manager des Alexandra Theatres, benannt wurde und dessen Wettbewerb auch nur 1868 stattfand. Cromwell war selbst Spieler von Garrick FC. Teilnehmen konnten Sheffielder Mannschaften, die maximal seit zwei Jahren existierten – es nahmen insgesamt vier teil. Neben Garrick und Wednesday noch Exchange und Wellington.

 

Fotocredits

Das Foto von Markus Unger, CC-BY 2.0 URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Elfmeterschießen#/media/File:Penalty_kick_Lahm_Cech_Champions_League_Final_2012.jpg (letzter Zugriff: 27.10.2017) wurde als Grundlage gewählt und bearbeitet.

Cite this article as: Petra: Vorschriften zur Ermittlung des Siegers. In: Nachspielzeiten, 27. Oktober 2017. URL: http://nachspielzeiten.de/vorschriften-zur-ermittlung-des-siegers/ (zuletzt aufgerufen: 14. Dezember 2017).
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