Abseits

Abseits – in dubio pro reo?

Während der Diskussionen rund um den Sinn und Zweck der Abseitsregel kurz vor Weihnachten 2019 kam bei Twitter die Frage auf, warum denn nicht mehr wie früher im Zweifel bei Abseits für den:die Angreifer:in entschieden werden würde. Die Antwort ist ziemlich banal.

Leider existiert der Tweet nicht mehr, da der User sich gelöscht hat. Sinngemäß fragte er, warum nicht mehr wie früher „in dubio pro reo“ gelte und wann und warum es nicht mehr gelte, dass im Zweifel „für den Angreifer“ geschieht werde – insbesondere bei Gefühl knappen Abseitsentscheidungen

Tatsächlich gab es noch nie dieses Prinzip, dass im Zweifel der:die Angreifende Recht bekommt, das Spiel also nicht unterbrochen wird. Vielleicht verwechselt man hier dieses Prinzip mit der durchaus existierenden Vorteilsregel. Diese wird allerdings angewendet, wenn ein Team einen Nachteil hat (zum Beispiel ein Foulspiel), aber in Ballbesitz bleibt.

Vielleicht wird damit auch die Regelung der gleichen Höhe gemeint. Und auch die ist noch existent, nämlich seit 1990 auf Vorschlag der FA und der Scottish FA. Sie betrifft aber nur den Fall, in dem der:die Spieler:in des angreifenden Teams auch dann nicht abseits steht, wenn er:sie auf (exakt!) gleicher Höhe mit dem:der vorletzten Spieler:in steht. Außerdem wurde sie auch schon früher auf diese Weise ausgelegt, nämlich 1929 in Deutschland.

Vorschläge zur Änderung der Abseitsregel – neu oder ein alter Hut?

Nicht mehr die gleiche Höhe ist entscheidend, sondern ein Freiraum – festgelegt durch eine fixe oder variable Zentimeterangabe?

Wenn variable, dann unter Berücksichtigung, ob die zu Hilfe genommenen Standbilder von einer Kamera mit 50 oder 150 Frames pro Minute stammen?

Dann benötigt man neben den beiden bisherigen kalibrierten Linien noch eine weitere benötigt, nämlich im Abstand x cm.

„Clear daylight“ Abseits?

Quasi: Was der:die Assistent:in sieht und sonst nichts?

Dann befürchte ich ähnliche Diskussionen um das Wörtchen „klar“ wie rund um VAR-Eingriffe. Und außerdem wird es Fernsehanstalten, Zeitungen und andere Medien und/oder Fans nicht abhalten, vermeintlich genaue Linien anzulegen und es selbst zu überprüfen und ggfs. über Fehlentscheidungen zu protestieren.

  Zum Thema Abseits sei aktuell die
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Zum Abschluss eine Übersicht über diverse Vorschläge zur Änderung der Abseitsregel, die nicht umgesetzt wurden.

Abseits x Meter vor dem Tor?

Vorschläge, dass nur Abseitsstellung in einer gewissen Entfernung vom Tor zu bestraften sind nun exakt 100 Jahre alt, wobei der Abstand zu den Toren je nach Vorschlag und Experiment variiert – ja, tatsächlich wurde damit schon experimentiert. Diese werden vom IFAB genutzt, um den Nutzen für Änderungsvorschläge zu überprüfen. Da keins der Experimente zum Abseits aufschlussreich („conclusive“) genug war, wurde die Regel nicht entsprechend verändert.

  • Abseits nur im Torraum: Dieses Experiment in England fand nicht innerhalb eines FA-Wettbewerbes statt, weshalb keine Erlaubnis seitens des IFAB notwendig war. Stanley Rous, langjähriger FA Secretary, federführend für die erste große Regelreform 1938 zuständig und in der Nachkriegszeit FIFA-Präsident, erwähnt dieses Experiment aber in seinem kurz darauf erschienenen Buch „ A History of the Laws of Association Game“: „This change, in what was admittedly a limited experiment, did not seem to produce a marked increase in the goals scored, but part of this might well be due to the fact that the players concerned had such deeply engrained responses concerning the possibility of off-side that they did not exploit the new freedom to the fullest extent. The judgement of this experiment must be not-proven.“ (Quelle: Rous, Stanley/Ford, Donald: A History of the Laws of Association Game. Zürich [1970er]. S. 138.)
  • Abseits nur im Strafraum: Wurde 1971-1974 wechselnd in England, Nordirland und Schottland getestet, u.a. in der Scottish League Cup und im Dryborough Cup der Saisons 1973/74 und 1974/75. Ein neuerlicher Vorschlag der walisischen FA 2005 fand nicht die erforderliche Mehrheit.
  • Abseits nur außerhalb des Strafraumes: wurde 1972 in England getestet.
  • Abseits nur 18 yd vor dem Tor, d.h. auch seitlich des Strafraumes: wurde 1972 in Schottland, 1991 bei der Männer-U17-WM 1991 in Italien und 1992 in Schweden und Finnland getestet.
  • Abseits nur 25 yd vor dem Tor: Der Vorschlag Schottlands wurde 1920 abgelehnt und ein Experiment in Schottland 1974 nicht erlaubt.
  • Abseits nur 35 yd vor dem Tor: wurde 1978 bis 1981 in den USA getestet.
  • Abseits nur 40 yd vor dem Tor: Entsprechende Vorschläge während der 1920er Jahre seitens Englands und Schottland wurden 1920, 1921, 1922 und 1929 abgelehnt, 1923 bis 1925 vertagt. Ebenso Vorschläge diese Änderung vorerst zu testen.
  • Drittelung des Spielfeldes, Abseits nur in den äußeren Dritteln: Dieser Vorschlag wurde in England „in public trial matches played prior to the opening of their respective playing seasons 1949/50” getestet.

Gar kein Abseits?

Was bereits bei Spielen des Sheffield FC 1858 bis 1867 üblich war, wurde 1972 bei einem nicht weiter genannten englisch-italienischem Wettbewerb getestet. Bereits 1929 diskutierte man auf den britischen Inseln über diese Änderung, die England befürwortete. Schottland fürchtete dagegen die tornahen Zweikämpfe um den Ball durch am Tor lauernde Stürmer.

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