Abseits, Regelgeschichte
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Die Achillesferse des Fußballs

Nicht erst dieser Tage fragen sich manche, worin der Sinn und Zweck der Abseitsregel ist. Auch schon 1924 fragte sich Felix Schmal, Leser der Deutschen Schiedsrichter-Zeitung genau das. Kurz bevor die Abseitsregel etwas geändert wurde (aus „weniger als drei Gegenspieler“ wurde „weniger als zwei Gegenspieler“), schreibt er mit ordentlich Pathos über „Die Achillesferse des Fußballs“:

„‚Wozu, fragen wir, ist eigentlich die ’Abseits’-Regel gut? Ist ihr Nutzen wirklich so groß, daß er die unleugbaren Nachteile aufwiegt? Fast könnte man meinen, die Regel sei eine Erfindung des Teufels und nur zu dem Zwecke geschaffen, Spieler zu Verzweiflung zu bringen, Zuschauer zu Skandalen aufzureizen und Schiedsrichtern zu Prügel zu verhelfen. Zweifellos ist keine andere Regel so sehr wie diese geeignet, Anlaß zu Irrtümern zu geben, und zwar aus dem einfach Grunde, weil die Frage schwer theoretisch noch schwerer aber praktisch zu lösen ist, und es nur wenige Schiedsrichter gibt, die die schier übernatürliche Eigenschaft haben, die Regel fast fehlerlos zu handhaben. Wozu sind nun die Fußballgesetze mit dieser unglückseligen Regel belastet, die schon soviel Unheil angerichtet hat?’.“

Die Abseitsfalle – taktisch geschickt oder Foulspiel?

Schmal erkennt durchaus an, dass eine Abseitsregel notwendig ist,

„Das Spiel würde verwildern, das hinterlistige, unritterliche Lauern vor dem Tor fördern und wenig befriedigende Erfolge zeitigen. Die relative Leichtigkeit, Treffer zu erzielen, würde ihren Wert mindern, und das Spiel zu einer Farce gestalten.“

wünscht sich aber eine Abänderung wegen „Methoden“, die sich „in den letzten Jahren […] eingebürgert haben“ – und so das Kombinationsspiel zunichte machen, dass sich durch die letzte Änderung 1866 erst entwickeln konnte.
Er meinte das One-Back-System, das „Ein-Verteidiger-System“: Teams spielten mit nur einem Verteidiger und stellten so die Gegner bewusst ins Abseits.
Diese Abseitsfalle ermöglichte die alte Abseitsregelung, wonach ein angreifender Spieler abseits war, wenn er sich zwischen Ball und gegnerischem Tor befand und zudem weniger als drei Gegenspieler vor sich hatte: In diesem Fall einen Torhüter und einen Verteidiger.

„Die allzu zahlreichen Unterbrechungen hemmen den Schwung des Spieles, zerstören die Kombination im Keime und vernichten durchaus reelle Chancen. Die negative, zerstörende Arbeit triumphiert über die produktive, aufbauende Tätigkeit.“

Aus diesem Grunde hoffte Schmal, dass die Abseitsregel geändert werde und künftig nur „wenn weniger als zwei Gegenspieler“ sich vor dem angreifenden Spieler befinden, eine Abseitsstellung möglich sei.

Kein One-Back-System – keine Abseitsfalle?

Zwar erhielt dieser Vorschlag auch 1924 nicht die erforderliche Mehrheit, aber 1925. Aber wir wissen, dass diese Änderung nicht die Diskussionen beendete. Weder über den Sinn und Zweck der Abseitsregel oder über passive und aktive Abseitsstellungen noch die Debatte, ob eine Abseitsfalle fair oder unfair sei.

„Dem Einverteidigersystem würde durch die neue Bestimmung der Todesstoß versetzt werden. Keiner Mannschaft wird es dann einfallen ihr letztes Refugium, das Tor den Angriffen der Gegner freizugeben, die Verteidiger würden wieder das werden was sie sein sollen: Verteidiger und keine Schauspieler.“

Falsch gedacht.

Der Artikel „Die Achillesferse des Fußballs. Das ‚Abseits‘-Problem.“ findet sich in der Deutschen Schiedsrichter-Zeitung 10/1924 (Mai 1924), S. 45-46.

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