Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 18: Als Fußball in Deutschland ein Massenphänomen wurde

Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 18: Als Fußball in Deutschland ein Massenphänomen wurde

In Deutschland war wurde Fußball nach dem Ersten Weltkrieg ein Massenphänomen und zudem Nationalsport. Wie kam es dazu, da Assoziationsfußball vor dem ersten Weltkrieg doch vielerorts noch argwöhnisch beobachtet und als Fußlümmelei verschrien wurde?

Generell muss man den integrativen Moment der Fußball wie des modernen Sports betonen: Fußball funktioniert als Integrationsmodell. Besonders Ende der 1910er Jahre, nach dem ersten Weltkrieg, da er keine Beschränkungen für Personen verschiedener Religionen, Konfessionen, politischer Überzeugungen und ihres sozialen Milieus macht. Fußball wirkte und wirkt integrativ, kann über die Verschiedenheiten hinweg einer gemeinsamen Identität stiften.

Steigende Anzahl von Spieler, Verbänden. Wehrsport und Ventil.

So vervierfachten nicht nur die Zahl der in Verbänden organisierten Fußballer enorm, sondern auch die Zahl der Verbände und der ausgespielten Meisterschaften. Der größte Verband war zweifelsohne der DFB, gefolgt vom Arbeiter-Sport und Turn-Verband. Viele von ihnen haben Fußball als Wehrsport im Krieg kennengelernt, sodass nach dem ersten Weltkrieg die „Grenze zwischen Militär- und Zivilsport […] bis zur Unkenntlichkeit verwischt“ war. 1)Eggers, Erik: Fußball in der Weimarer Republik. In: Stadion. Internationale Zeitschrift für Geschichte des Sports 25 (1999). S. 153-175, hier S. 160. Und nun nutzte das Kriegsministerium als „Ventil zum Austoben und Austollen der Massen“, das half, „diese schlimmste Zeit zu überstehen“2)Johannes Runge: Die Leibesübungen in der Reichswehr. In: C. Diem u.a. (Hgg.): Stadion. Das Buch vom Sport und Turnen, Gymnastik und Spiel. Berlin 1928. S. 432-437, hier S. 435., so Johannes Runge 1918, als auch eine Vermittlungsstelle zwischen Kriegsministerium und Sport sowie der Sportartikelindustrie geschaffen. Gleichzeitig verschmolz Sport und Turnen mit Paramilitarismus. So konnten Vereinsmannschaften ein Training führen, dass dem verbotenen Wehrsport in nichts nachstand.

Immer mehr Zuschauer. Stadien. Medien.

Sehr deutlich stieg die Anzahl der Zuschauer, denn immer mehr Zuschauer, die weder Fußball spielen noch spielten, waren fasziniert von dem Sport und besuchten die Stadien. Zahlreiche neue Stadien wurden gebaut wie das Müngersdorfer Stadion in Köln – nicht nur aus Sportbegeisterung, sondern auch, um Arbeitsplätze für die große Zahl an Arbeitslosen zu schaffen und die Erwerbslosenfürsorge zu entlasten.

Dazu kamen die Medien. Nach dem ersten Weltkrieg schoss eine Unmenge an Sportzeitungen aus dem Boden (1926 waren es etwa 500), von denen aber nur die wenigsten seriös waren. Vielmehr versuchten die Zeitungen mit starken Übertreibungen ihre Zeitungen und Zeitschriften zu verkaufen. Beispielsweise wurde das für Deutschland glückliche 3:3 gegen England als „Wendepunkt in der Sportgeschichte Europas von epochaler Bedeutung“ gepriesen. Unabhängiger, kritischer und qualitativ hochwertiger Journalismus erhielt man nur von wenigen Sportzeitschriften wie dem Kicker, der Berliner Fußball-Woche, Fußball und dem Fachblatt für den Kontinent, die jeweils wöchentlich erschienen. Für Sportinteressierte und das neuartige Medium Radio, dessen Verkaufszahlen sich zwischen 1923 und 1926 verzweitausendvierhundertfachten, war eine Win-Win-Situation: Das Radio beflügelte das Interesse, Sport zu verfolgen und die an Sportinteressierten kauften sich Radios. Umstritten ist, wann das erste Spiel in Deutschland übertragen wurde: War es das Spiel Preußen Münster gegen Arminia Bielefeld am 1. November 1925 oder das vom Rundfunkpionier Bernhard Ernst kommentierte DFB-Endspiel zwischen der SpVgg Fürth und Hertha BSC (Ende 1925)? Der DFB unterstützte zunächst die Rundfunkübertragungen von Fußballspielen, um 1928 stark zurückzurudern: Um nicht die Zuschauerzahlen und damit Einnahmen der Vereine zu gefährden, wurden die Übertragungsrechte nur für das DFB-Endspiel sowie drei Länderspiele vergeben. 3)Der DFB war kein Einzelfall. U.a. auch England und Schweden ließen die Übertragungen ganz (Schweden ab 1931/32) verbieten oder diskutierten über ein generelles Verbot (England). Diese deutlichen Einschränkungen führten zu heftigem Protest der Zuschauer und tatsächlich wurden 1932 mehr Fußballspiele übertragen; vor allem solche Spiele, bei denen eine Reduzierung der Zuschauerzahl nicht zu befürchten war.

 

Weiterführende Literatur vor allem:

  • Eggers, Erik: Die Anfänge des Fußballsports in Deutschland. Zur Genese eines Massenphänomens. In: Herzog Markwart (Hg.): Fußball als Kulturphänomen. Kunst – Kult – Kommerz (= Irseer Dialoge 7). Stuttgart 2002. S. 67-91.
  • Eggers, Erik: Fußball in der Weimarer Republik. In: Stadion. Internationale Zeitschrift für Geschichte des Sports 25 (1999). S. 153-175.
  • Eisenberg, Christiane: „English Sports“ und deutsche Bürger. Eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939. Paderborn 1999. S. 306-339, 367-373.
  • Luh, Andreas: Fußball als Massenphänomen und Faszinosum der Weimarer Zeit. In: Stadion. Internationale Zeitschrift für Geschichte des Sports 37 (2006). S. 119-145.

 

Tür 19 öffnet sich morgen an dieser Stelle.

Der Fußball-Weihnachtskalender ist ein gemeinsames Projekt von @berlinscochise, Zebrastreifenblog, Cavanis Friseur, turus.net, Nachspielzeiten und 120minuten.

Informationen zur Fußballblog-Weihnachtskalender-Idee und eine Liste mit allen bisherigen Türchen, die natürlich fortlaufend aktualisiert wird, findet Ihr hier.

 

Cite this article as: Petra: Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 18: Als Fußball in Deutschland ein Massenphänomen wurde. In: Nachspielzeiten, 18. Dezember 2017. URL: https://nachspielzeiten.de/advent-in-den-blogs-der-fussball-weihnachtskalender-tuer-18-als-fussball-in-deutschland-ein-massenphaenomen-wurde/ (zuletzt aufgerufen: 19. April 2018).

Fotocredits

Fotograf/in unbekannt. Ca. 1920. Lizenz: Public Domain.

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Fußnoten   [ + ]

1. Eggers, Erik: Fußball in der Weimarer Republik. In: Stadion. Internationale Zeitschrift für Geschichte des Sports 25 (1999). S. 153-175, hier S. 160.
2. Johannes Runge: Die Leibesübungen in der Reichswehr. In: C. Diem u.a. (Hgg.): Stadion. Das Buch vom Sport und Turnen, Gymnastik und Spiel. Berlin 1928. S. 432-437, hier S. 435.
3. Der DFB war kein Einzelfall. U.a. auch England und Schweden ließen die Übertragungen ganz (Schweden ab 1931/32) verbieten oder diskutierten über ein generelles Verbot (England).

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