In diesem Beitrag geht es um die Anfänge des combination game im association football – um Kombinationsfußball.

Wer hat’s erfunden? Nun, das ist umstritten: Manche Quellen nennen schottische Fußballspieler, die ihre eigene Idee eines Fußballspiels nach England brachten und mit ihrem Doppelpassspiel andere Mannschaften locker ausspielten. Oder waren es Clubs aus Sheffield, die in ihrer Football Association das auch für Zuschauer attraktivere „backing up and passing on“ spielten? Zudem wurden die Begriffe combination game und scientific game schon Jahrzehnte vorher im Rugby und Cricket verwendet und bezeichnete immer eine neuartige Spielweise. Der Assoziationskombinationsfußball wird schlicht an mehreren Orten in den 1870er und 1880er Jahren entstanden sein. Grund dafür ist auch die erste Veränderung der Abseitsregel 1866 (London Association) bzw, 1871 (Sheffield Association).

Bis 1866 gab es eine sehr restriktive Abseitsregel: Abseits ist, wer von den angreifenden Spielern vor die Balllinie kam. Es blieb also als spielerische Möglichkeit nur, den Ball immer nach vorne zu treiben. Wie sollte sie unter diesen Umständen ein Passspiel etablieren können? Das war gar nicht möglich.

1866 wurde die Abseitsregel in der London Football Association reformiert. Abseits war ein angreifender Spieler nun, wenn er beim Zuspiel dem Tor näherstand als zwei oder weniger Gegenspieler. (Zur Entwicklung des Abseits habe ich hier bereits ausführlicher gebloggt.) Die Sheffield FA existierte von 1858 bis 1877 und ihr Regelwerk beinhaltete zwar erst 1871 eine freizügigere Abseitsregel, dafür aber unsere heutige („ein oder weniger Gegenspieler“).

Paul Brown berichtet, dass die Wanderers FC (ein Fußballverein aus London) 1875 noch in der alten Spielweise im 1-2-7-System spielten, während der schottische Fußballvereine F. C. Queen’s Park aus Glasgow bereits „scientific football“ spielte und um 2-2-3-3-System antrat. Sie überrumpelten die Wanderers regelrecht.1)Vgl. Brown, Paul: Please do not strain the ropes – a football programme from 1875. In: Goal Post. URL: http://www.goalpostbooks.co.uk/please-do-not-strain-the-ropes/. (Letzter Zugriff: 19.12.2017).

In Deutschland wurde Kombinationsfußball weitgehend erst nach dem ersten Weltkrieg gespielt, wenngleich schon um die Jahrhundertwende anerkennend und staunend über Fußballspiele mit englischer Beteiligung berichtet wurde.

Ein Beispiel: Am 8. Dezember 1899 berichtete die Sport im Wort über ein Spiel zwischen einer englischen und deutschen Auswahl an Fußballspielern:

„Die Spielweise der Engländer war natürlich gänzlich verschieden von der deutschen; die bekannte Exaktheit und Genauigkeit im Passen, das stete Halten des Balles auf dem Boden, die erstaunliche Kombination zwischen Stürmern und Halfbacks [Mittelfeldspieler], alles das, verbunden mit hervorragenden Einzelleistungen im Notfall, sicherte ihnen den Sieg, wie sie ihn wollten.“.

Die deutschen Fußballspieler in der Kaiserzeit waren sehr gute Individualspieler, daher aber gerne eigennützig im Spiel. Man spielte für das Publikum, dribbelt ständig bis zum Ballverlust, schoss den Ball bewusst so hoch in die Luft wie möglich und handelte anderweitig eigennützig.2)Vgl. Eisenberg, Christiane: „English Sports“ und deutsche Bürger: eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939. Paderborn 1999. S. 190. Das ist mitunter ein Grund dafür, dass Kombinationfußball – oder „wissenschaftliches Spiel“3)Vgl. Sport & Spiel 3 (1893), 01.04.1893, S. 2. als wortwörtliche Übersetzung von scientific game – erst in der Weimarer Republik gelehrt wurde, beispielsweise von Richard Girulatis. In seinem immer wieder aufgelegten Werk „Fußball. Theorie, Technik, Taktik“ (erstmals 1919 erschienen) beschreibt er an mehreren Stellen, was Kombinationsfußball ist und was seine Voraussetzungen sind: Es sind Spielübersicht, sofortiges Hindern des Gegenspielers bei Ballverlust, Ballabgabe im Lauf bei Angriffen und vor allem aber der harmonische Zusammenhalt der Mannschaft und gegenseitiges Unterstützen.4)Vgl. Girulatis, Richard: Fußball. Theorie, Technik, Taktik. Leipzig 4^[1923]. S. 8, 10, 15-16, 51, 66, 72, 74. Also Doppelpassspiel, Pressing, Konter und Nachrücken bei Angriffen, ein enger Verbund der Spieler untereinander, Ballkontrolle und Geschwindigkeit und Exaktheit auch beim Lauf mit dem Ball. Die theoretische Basis für das Kombinationsspiel war damit gelegt und in den folgenden Jahrzehnten durch Ausbildung von verschiedenen Taktiken und Spielsystemen ständig weiterentwickelt. (Siehe zur System-Entwicklung auch das Ende des Blogartikels über die Spielpositionen.)

„So hoch anzuschlagen in manchen Fällen die persönliche Einzelleistung des Mittelstürmers auch ist, die Entwicklungsstufen und Wandlungsformen des Spielverlaufs verlangen mehr. Sie verlangen ein feines Spielverständnis, planmäßige Aufbauarbeit, Uneigennützigkeit und vor allem: Berechnung und Überlegung. Erst dann entsteht jedes wundersame Körperfließen und -gleiten, welches wir so sehr bei einzelnen Meistermannschaften bewundern. Ein flaches, raumgewinnendes (modernes!) Zusammenspiel bedingt reife Ballkultur, Anpassungsvermögen, organisches Werden und eine ideale Körperbeherrschung.“. (Richard Haupt aus Eisenach in: Freie Sport-Woche. Zeitschrift für Spiel und Sport vom 26. Januar 1931. S. 45.)

 

Tür 20 öffnet sich morgen an dieser Stelle.

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Cite this article as: Petra: Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 19: Wissenschaftliches Spiel – Kombinationsfußball. In: Nachspielzeiten, 19. Dezember 2017. URL: https://nachspielzeiten.de/advent-in-den-blogs-der-fussball-weihnachtskalender-tuer-19-wissenschaftliches-spiel-kombinationsfussball/ (zuletzt aufgerufen: 25. September 2018).

Fotocredits

Driolar – Defence Strategy in Ancient Soccer. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Soccer_Ancient_Defence.gif, CC-BY SA 3.0 (letzter Zugriff: 19.12.2017).

Fußnoten   [ + ]

1. Vgl. Brown, Paul: Please do not strain the ropes – a football programme from 1875. In: Goal Post. URL: http://www.goalpostbooks.co.uk/please-do-not-strain-the-ropes/. (Letzter Zugriff: 19.12.2017).
2. Vgl. Eisenberg, Christiane: „English Sports“ und deutsche Bürger: eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939. Paderborn 1999. S. 190.
3. Vgl. Sport & Spiel 3 (1893), 01.04.1893, S. 2.
4. Vgl. Girulatis, Richard: Fußball. Theorie, Technik, Taktik. Leipzig 4^[1923]. S. 8, 10, 15-16, 51, 66, 72, 74.