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„Sport umfasst einen Begriff, den wir nicht durch eine Erklärung zu verdeutlichen im Stande sind.“

Dieser Satz ist aus dem Handbuch des Damen-Sports von Leopold v. Heydenbrand, 1886 in Wien gedruckt (Seite 1).

Er ermuntert vielleicht im ersten Moment zu einem leichten Schmunzeln, vielleicht auch zu einem verwunderten Zucken der Augenbrauen.

Das Wort Sport gab es nicht vor der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde dann aber sehr schnell in die deutsche Sprache übernommen und nicht eingedeutscht. Das ist schon verwunderlich, da zur gleichen Zeit Konrad Koch und der Zentralausschuss zur Förderung der Volks- und Jugendspiele in Deutschland erfolgreich für die Einführung deutscher Begriffe im Fußball plädierten.

Und die Enzyklopädien, Lexika und Handbücher des 19. Jahrhunderts versuchten sich in Übersetzungen, um das unbekannte Wort zu erklären. Etymologisch gesehen trafen sie mit den Begriffen Liebhaberei, Vergnügen, Belustigung, Zeitvertreib, Unterhaltung oder Scherz auch durchaus ins Schwarze, denn „sports“ leitet sich vom mittelenglischen „disport“ und dieses wiederum vom altfranzösischen „desport“ bzw. altitalienischen „diporto“ ab: Belustigung, Freude, Vergnügen.

Aber Sport nur mit Vergnügung oder einem Zeitvertreib zu übersetzen ist und war zu kurz gegriffen und so fügten besonders die Handbücher noch Umschreibungen hinzu. Diese reichten von „Tätigkeiten, bei denen nicht bloß der Körper, sondern auch der Geist seine Rechnung findet“, über „Leibesübungen und Vergnügungen, die Geschicklichkeit, Kraft und Kühnheit erfordern“, „Vergnügungen, zu denen Kraft und Gewandtheit gehört“, „Beschäftigung von Körper und Geist ohne ernsten Zweck“ und „mehr [als] Spiel und doch nicht Arbeit“. Zusammengefasst: Die Verbindung von Bewegung, Geschwindigkeit, Körperlichkeit und Geistesgewandtheit in einem reglementierten Rahmen. Und er ist identitätsstiftend:

Auf der Ebene der Geselligkeit ist Sport vor allem ein Spiel. Sport ist aber auch Bestandteil der Gesellschaft, die er prägt und von der er geprägt wird; so wirkt er auch unabhängig und identitätsstiftend und verbindet Gleichgesinnte über ihre sonstigen Verschiedenheiten hinweg. Dank Ritualen, Zeremonien und Mythen, die das Identitätsstiftende über die Verschiedenheiten unterstützen. Und gerade dieser Aspekt begünstigt den Vergleich von Sport mit Religion.

 

Wenngleich Sport nicht eingedeutscht, sondern in den deutschen Sprachgebrauch übernommen wurde, erfuhr der Begriff nach Christiane Eisenberg in Deutschland eine spezifische Anreicherung, sodass es für englische Muttersprachler/innen nach dem ersten Weltkrieg problematisch wurde, den deutschen Sportbegriff zu verstehen. Durch die gegenseitige Verwicklung von Fußball und Gesellschaft entwickelte sich der Sportbegriff unterschiedlich. Während er in England immer in der gleichen Sportspektrum blieb, verbreiterte er sich in Deutschland. Dort war sports bald allgegenwärtig in der Alltagssprache und wurde auch von denen genutzt, die keinerlei Sport ausübten oder ihm zusahen.1)Näheres dazu: Eisenberg, Christiane: „English Sports“ und deutsche Bürger: eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939. Paderborn 1999. S. 11 und folgende Seiten.

Tatsächlich handelte es sich nicht nur bei England – Deutschland um einen klassischen Kulturtransfer, sondern die Entwicklung in allen Ländern. Aber er traf im deutschen Kaiserreich traf er auf fruchtbaren Boden. Einerseits durch den geltenden Ehrenkodex. Robert Hefner betont im DFB-Jahrbuch von 1913, dass der Sport zwei unterschiedliche Ziele verfolgt, die sich bestenfalls ergänzen: Einmal der Wettkampfcharakter, der immer mit dem Bedürfnis der Überbietung verbunden war. Denn ein Wettkampf werde um der Ehre willen ausgetragen und der Ehrbegriff erfordere den Willen zum Sieg, d. h. das ständige Streben danach, besser zu sein als der andere. Dazu kam nach Hefner die Wirkungen von Sport auf Gesundheit, Psyche und Verhalten. Und dieser letzter Punkt ähnelte so sehr der zur der Zeit aktuellen Lebensreform: sich Aufhalten in der Natur, die Wirkung von Licht auf die Psyche, eine gesunde Lebensführung und Kleidung. Wer Sport nicht in der Halle, sondern im Freien ausübte, hatte Spaß, tat gleichzeitig ungemein viel für seine Gesundheit und hatte genug Platz um sich. Mens sano in corpora sano.

Gut, davon waren noch in den ersten Jahren des 20. Jahrhundert nicht viele überzeugt und waren überrascht über die Bewegungen oder angewidert ob der kurzen Hose und Oberkleidung. Es kam auch vor, dass Polizisten Leichtathleten hinterherrannten, da bislang nur die rannten, die etwas aufgefressen hatten. Pech für einen Polizisten, als er eine Leichtathletengruppe anhielt und darin einen preußischen Prinzen erkannte.

Die Olympischen Spiele, die seit 1896 wieder ausgetragen wurden, waren ein entscheidender Faktor, dass Sport für die breite Masse nicht mehr abstoßend und schlicht verrückt war. Nachdem Deutschland bei den Olympischen Spielen 1912 nur drei Goldmedaillen gewann. Um es mit Hefners Worten zu sagen: Die deutsche Ehre war damit angekratzt, dass sie in diesem Wettkampf so wenig erfolgreich war und so begann man, mehr Möglichkeiten, Sport auszuüben, zu schaffen, um dann zu gewinnen. Man wollte schließlich das beste Bild abgeben, da die Olympischen Spiele 1916 in Deutschland stattfinden sollten. Stattdessen fanden andere Ereignisse in Verdun und Somme statt.

 

 

Tür 21 öffnet sich morgen auf 120minuten. 

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Cite this article as: Petra: Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 20: What about sports?. In: Nachspielzeiten, 20. Dezember 2017. URL: https://nachspielzeiten.de/advent-in-den-blogs-der-fussball-weihnachtskalender-tuer-20-sports/ (zuletzt aufgerufen: 15. November 2018).

Fotocredits

Eintrag „Sport“ im Meyers großen Konversationslexikon von 1909, Band 18, S. 777-778, hier S. 777. Faksimile auf zeno.org. Direktlink: http://www.zeno.org/nid/20007507607 (letzter Zugriff: 20.12.2017).

Fußnoten   [ + ]

1. Näheres dazu: Eisenberg, Christiane: „English Sports“ und deutsche Bürger: eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939. Paderborn 1999. S. 11 und folgende Seiten.