Alle Artikel in: Fußballgeschichte

Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 18: Als Fußball in Deutschland ein Massenphänomen wurde

In Deutschland war wurde Fußball nach dem Ersten Weltkrieg ein Massenphänomen und zudem Nationalsport. Wie kam es dazu, da Assoziationsfußball vor dem ersten Weltkrieg doch vielerorts noch argwöhnisch beobachtet und als Fußlümmelei verschrien wurde? Generell muss man den integrativen Moment der Fußball wie des modernen Sports betonen: Fußball funktioniert als Integrationsmodell. Besonders Ende der 1910er Jahre, nach dem ersten Weltkrieg, da er keine Beschränkungen für Personen verschiedener Religionen, Konfessionen, politischer Überzeugungen und ihres sozialen Milieus macht. Fußball wirkte und wirkt integrativ, kann über die Verschiedenheiten hinweg einer gemeinsamen Identität stiften. Steigende Anzahl von Spieler, Verbänden. Wehrsport und Ventil. So vervierfachten nicht nur die Zahl der in Verbänden organisierten Fußballer enorm, sondern auch die Zahl der Verbände und der ausgespielten Meisterschaften. Der größte Verband war zweifelsohne der DFB, gefolgt vom Arbeiter-Sport und Turn-Verband. Viele von ihnen haben Fußball als Wehrsport im Krieg kennengelernt, sodass nach dem ersten Weltkrieg die „Grenze zwischen Militär- und Zivilsport […] bis zur Unkenntlichkeit verwischt“ war. [1]Eggers, Erik: Fußball in der Weimarer Republik. In: Stadion. Internationale Zeitschrift für Geschichte des Sports 25 …

Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 17: Die ersten Sportzeitschriften

Die Fußballberichterstattung kam in Deutschland wie in Österreich in den 1890er Jahren auf. Sportjournalisten gehörten zusammen mit Sportartikelherstellern und -händlern, Bau- und Transportunternehmern, Buchmachern und Getränkeherstellern zu den Personengruppen, die direkt vom modernen Sport profitierten. Die ersten Fachjournalisten waren meistens aktive Fußballer, die versuchten, auf diese Weise den Markt für diese neue Art der Zerstreuung zu erschließen. Die allererste Sportzeitschrift erschien aber bereits im Oktober 1792. „The Sporting Magazine, or Monthly Calendar of the Transactions of the Turf, the Chase and every other Diversion interesting to the Man of Pleasure, Enterprize, and Spirit“ ging es allerdings um die damals beliebtesten Sportarten der Oberschichten: Jagd und Pferderennen.[1]Behringer, Wolfgang: Kulturgeschichte des Sports. Vom antiken Olympia bis zur Gegenwart. München 2012. S. 236. Hier stelle ich die beiden Sportzeitungen Sport im Bild von Andrew Pitcairn-Knowles und Spiel und Sport von John Bloch vor.   Sport im Bild Andrew Pitcairn-Knowles (1871-1956) war einer der ersten Sportjournalisten im Deutschland des späten 19. Jahrhunderts und bezeichnenderweise Engländer. Er wuchs als Sohn eines Wollhändlers in der Wiesbadener Engländerkolonie auf und studierte später …

Die Spielpositionen am Anfang des 20. Jahrhunderts

In den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entwickelte sich das Fußballspiel von einer von den Massen argwöhnisch beobachteten zu einer die Massen begeisternden Sportart. Obgleich sie noch einige Jahre ein reiner Amateursport blieb, wollte man dennoch mit anderen Ländern wettbewerbsfähig werden. Welche Vorbereitung es dazu bedarf und welcher Spieler besser als Torwart oder als Außenläufer geeignet ist, das beschrieben auch schon Richard Girulatis und Johannes Scharfe in ihren theoretischen Werken zum Fußballspiel. Was verlangte man von Spielern um die Jahrhundertwende oder in den 1920er Jahren? Wie sah ein Training in dieser Zeit aus? Was wurde eingeübt? Auf was wurde geachtet? Nach Girulatis und Scharfe sollten alle Fußballspieler einmal wöchentlich einen Kilometer im mittleren Tempo laufen, 50 m über hohe Hürden springen und die Ballbehandlung mit den Füßen und dem restlichen Körper, Sprinten, Atmenholen, Kombinationsspiel, Entschlusskraft und die Schulung des Auges regelmäßig üben. Dazu kam ein gesunder Lebensstil mit möglichst wenigen Genussmitteln. Neben der eine taktisch sinnvollen Aufstellung, die sich am Können der eigenen Spieler und der Spielweise des Gegners orientiert und neben einem gesunden …

Minzöl und H2O2 – Hygienetipps nach Girulatis

Nicht nachmachen. „Während dieser Zeit [10 min Halbzeitpause] wird der Trainer Mundspülwasser für die Mannschaft zurechtgemacht haben. Es ist nämlich ganz unnötig, ja sogar direkt schädlich, heißen Kaffee oder gar Selterswasser zu genießen. Eine ausgiebige Mundspülung, welche den im Rachen und in der Mundhöhle angesammelten Schleim beseitigt, bringt schon die ersehnte Kühlung des Mundes und beseitigt das Verlangen nach Getränken. Gibt man dann noch eine Scheibe Zitrone, so wird jeder Spieler erfrischt sein. Ein gut desinfizierendes, dabei billiges Mundwasser wird hergestellt aus 1 Teil Wasserstoffsuperperoxyd und 5 Teilen Wasser.“ [1]Girulatis, Richard: Fußball. Theorie, Technik, Taktik. Leipzig 4^[1923]. S. 95. Wasserstoff(super)peroxid ist ein starkes Bleich- und Desinfektionsmittel, dass aber üblicherweise als 0,3% Lösung als Mund- und Rachenwasser benutzt wird. Girulatis empfiehlt aber eine 16,67% Lösung – eine Konzentration, für die man heute im Handel eine Endverbleibserklärung braucht und den Kauf melden muss. Selbstaluhutnahe Websites nutzen „nur“ 3% Lösung, dann aber sogar als innere Einnahme, da es sauerstofffördernd ist (es teilt sich bei der Reaktion in Wasser und Sauerstoff). Manch einer, der Girulatis‘ Empfehlung umsetzte, dürfte sich über …

Die Entstehung von Fußball außerhalb des UK und des deutschen Kaiserreichs

„Die Gründerväter der FA hatten damit aus einem alten Kampf- und Wett-Spiel ihrer Standeskultur einen rational organisierten Sport gemacht, der überall und von jedermann […] ausgeübt werden konnte.“.[1]Eisenberg, Christiane: Einführung. In: Christiane Eisenberg (Hg.): Fußball, soccer, calcio. Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt. München 1997. S. 7-21, hier S. 9. In fast allen hier untersuchten Ländern waren es englische Geschäftsleute, Ingenieure, Studierende und Reisende, auch Botschaftsnagehörige, die in Deutschland nicht auf Fußball verzichten wollten und ihn hier indirekt und ungewollt bekannt machten – meistens um die 1880er Jahre.[2]Vgl. Eisenberg, Christiane: Einführung. In: Christiane Eisenberg (Hg.): Fußball, soccer, calcio. Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt. München 1997. S. 7-21, hier S. 9. Fußball schlug dann Wurzeln, wenn es seinen aktiven und passiven Kennern gelang, das Spiel mit konkreten Dingen aufzuladen; das war fast überall das Militärische durch den übersteigerten Nationalismus und den Hegemonialfantasien der Großmächte.[3]Vgl. Eisenberg, Christiane: Einführung. In: Christiane Eisenberg (Hg.): Fußball, soccer, calcio. Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt. München 1997. S. 7-21, hier S. 9. Durch …

Der feine Sportlikör „Hahohe“

Kurz stutzte ich, als ich in der wöchentlich erschienenen Arbeitssport-Zeitschrift namens Freie Sport-Woche die Überschrift „Wer kennt den feinen Sportlikör ‚Hahohe‘?“ las. Werbung? – Nein. Kommt daher der Ruf der Hertha-Fans? – Nein, den gab es schon vorher und gab dem Likör den Namen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es sich bei dem Artikel um die Wahrheit oder eine Verulkung des „bürgerlichen Fußballsports“ durch die Arbeitssport-Zeitschrift handelt. „Bürgerlich“ bezeichnet diese Zeitschrift Vereine, die zum DFB gehörten und professionell und kapitalistisch agierten – im Gegensatz zum Arbeitersport. Vielleicht kennt jemand den Likör oder weiß, dass es nur eine Verspottung ist. Ergänzung: Dank @blauesgehirn weiß ich nun, dass Willi Kirsei kein Unbekannter, sondern eine Legende war, die Hertha zur Meisterschaft 1930/31 führte. Was einen bei der Lektüre des Artikels noch mehr schmunzeln lässt. @ClioMZ Dopingskandal… — Blaues Gehirn (@blauesgehirn) 24. Mai 2017   Wie auch immer – hier der gesamte Artikel aus: Freie Sport-Woche. Zeitschrift für Spiel und Sport 12 (1930). S. 209-210 (= Nummer 13, 31. März 1930).   Wer kennt den feinen Sportlikör „Hahohe“? Wilh. …

„Viel von seinem Reiz wird verschwinden, wenn es im Lichte der Bogenlampen gespielt wird“

Über nachfolgenden Artikel stolperte ich vor kurzem. Aus: Freie Sport-Woche. Zeitschrift für Spiel und Sport. 12 (1930). S. 306 (= Nummer 16, 22. April 1930). Fußball bei Nacht? In England ist das erste Fußballspiel bei künstlicher Beleuchtung vor sich gegangen; die Meinungen darüber gehen in der englischen Tages- und Sportpresse auseinander. Das sozialistische Organ, der „Daily Herald“, bemerkt dazu: „So verführerisch die Idee des Nachtfußballspiels ist, so zweifelhaft ist es aber, ob sie einen praktischen Wert hat. Als vorübergehende Sensation mag sie die Phantasie der Masse anregen, aber als Dauereinrichtung wird sich das nächtliche Fußballspiel wohl nicht behaupten können. Fußball ist ein Spiel für den hellen Tag, viel von seinem Reiz wird verschwinden, wenn es im Lichte der Bogenlampen gespielt wird; es wird bei künstlicher Beleuchtung zu einem künstlichen Spiel werden. Dann ist Fußball auch ein Sport für den Winter. Fußball bei Nacht müßte sich aber, um finanziell ertragreich zu sein, den Sommer über hinziehen und würde so eine Konkurrenz für den Sommersport bilden. Die frische Luft des Wintertages gibt dem Fußballspieler eigentlich erst das Leben …

Fußballgesang in Deutschland vor 1933 – Ein erster Einblick

Was Fußballfangesänge und Wallfahrtslieder gemein haben? Sie werden auf schon bekannte Melodien gesungen, denn so muss nur der neue Text und nicht auch noch die Melodie gelernt werden. Das trifft nicht nur auf die heutigen Lieder, die auf die Titelmelodie des A-Teams, Pippi Langstrumpf oder „Seven Nation Army“ von den White Stripes gesungen, sondern auch schon zur 20. Jahrhundertwende, als der „Assocation Football“ als „Fußball ohne Aufnehmen des Balles“ bekannt wurde. 90 deutsche Fußballfanlieder habe ich im volksliederarchiv.de gefunden, allesamt aus den drei Fußballliedsammlungen „Fußball Sang und Klang“, „Fußball-Liederbuch“ und „Sport-Liederbuch“, die bis 1933 in mehreren Auflagen erschienen sind. Aus den Liedtexten habe ich Wordles kreieren lassen. Bevor zu den Wordles komme, noch ein paar einleitende Worte. (Am Schon-mal-kurz-runterscrollen hindere ich euch nicht, falls ihr allzu neugierig seid.) Mir ist bewusst, dass das keine äußerst representative Auswertung ist. 90 Lieder sind wahrscheinlich nur ein kleiner der zwischen 1895 und 1933 kursierenden Liedern Ich habe nur im Volksliederarchiv gesucht und nur nach dem Stichwort „Fußball“ (dass das ß auch zu ss auflöst und Wörter findet, in dem …