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Frauenfußball in Deutschland vor über 50 Jahren

Frauenfußball wurde in Deutschland vor 50 Jahren vom DFB erstmals zugelassen. Das feiert der Verband im Jahr 2020. Dabei existierte auch in Deutschland vor 1970 schon Frauenfußball. Das zeigt sich schon allein daran, dass der DFB 1955 Frauen verbat, Fußball zu spielen. Warum hätte er etwas verbieten sollen, was es damals praktisch nicht gab?

Provokativ formuliert: Der DFB sollte nicht „50 Jahre Frauenfußball“ feiern, sondern „vor 50 Jahren waren wir offen genug, um Frauenfußball zuzulassen“. Aber … Auch das ist nicht wahr. Skepsis, Hänseleien und Aversionen waren ab dem 31. Oktober 1970 nicht plötzlich Geschichte.

Der DFB hatte vor 50 Jahren das Verbot aufgehoben, weil er um seinen Einfluss fürchtete. Denn das Verbot von 1955 bedeutete keineswegs, dass in diesen 15 Jahren keine Frauen Fußball spielten. Ganz im Gegenteil.

Frauenfußball in Deutschland 1970

Ende der 1960er Jahre wuchs der Druck auf den DFB immer mehr. Da sich in diesem Bereich getrennte Verbände und Strukturen entwickelt hatten, war der DFB gezwungen, umzuziehen, wenn er die Sache nicht endgültig aufgeben wollte.

Man stelle sich vor: Der Stausee war voll, aber die Mauer war alt und die ersten Risse waren entstanden. Und kurz bevor die Mauer brechen konnte (Gründung eines deutschen Verbandes für die weiblichen Fußballteams), öffnete der Verband ein kleines Tor, um den Druck abzubauen (Machtverlust).

Der DFB wollte der Gründung eines solchen Verbandes zuvorkommen und die Zügel in die Hand nehmen bzw. behalten, solange es noch möglich war. Deshalb beschloss er auf seiner Bundestagssitzung am 31. Oktober 1970 in Travemünde, das Verbot „aufgrund der eingetretenen Entwicklungen“ aufzuheben. Allerdings zunächst mit Einschränkungen: Frauen durften fortan im Jugendfußball nur noch mit einem Ball spielen, der leichter als der Männerball war, ein Spiel dauerte nur noch zweimal 30 Minuten und die Damenschuhe durften keine Stollen haben. Weitere Kleidungsvorschriften, darunter ein „Brustpanzer“, wurden ebenfalls diskutiert, aber letztlich nicht umgesetzt. Die Skepsis gegenüber Fußball spielenden Frauen blieb insgesamt enorm, wie ein Auszug aus dem Aktuellen Sportstudio von 1970 zeigt, und vermutlich nahm der DFB ihn nur in seinen Reihen auf, um einen Machtverlust zu verhindern.

Frauenfußball in Deutschland vor 1955

Für die Zeit vor 1920 gibt es keine Belege für Frauen, die Fußball in Deutschland spielten. Abgesehen von jener Spielart, bei der Frauen im Kreis stehend sich gegenseitig den Ball zuspielen – und selbst diese galt als moralisch verwerflich.

In der Zeit zwischen den Weltkriegen ist vielleicht Lotte Specht ein Begriff, die 1930 einen Fußballclub gründete. Aber auch sie war nicht die erste.

Für Deutschland begann der Fußball im Ersten Weltkrieg zu boomen und ebenso führte die Kriegszeit auch zu einer Emanzipierung der Frau (nicht nur in Deutschland). So überrascht es nicht, dass in dieser Zeit erste weiblichen Fußballteams gegründet wurden. Wobei sich die Frauenfußball in Deutschland im Gegensatz zu Ländern wie England und Frankreich kaum in den Vordergrund drängten. Aber es entwickelte sich in den frühen Zwanzigern der Typ des Sportgirls: Junge Frauen unter 21 Jahren, die diverse Sportarten für sich ausprobierten. Fußball wurde hier vor allem von Studentinnen gespielt.

1921 sind Teams in den sächsischen Städten Chemnitz, Dresden und Radebeul belegt, 1922 spielten weibliche Studenten bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften Fußball – nach den regulären Laws of the Game – und 1923 hatte der „Studentinnen-Sport-Verein“ der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität eine „Damen-Fußball-Mannschaft“.

Im deutschen Arbeiter-Turn- und Sportbund gab es 1925 ersten (wenigen) Frauen, die Fußball spielten. Der Verband argwöhnte, denn er fand Fußball von Frauen verpönt. Allerdings nicht wie der DFB und weite Teile der Gesellschaft aus medizinischen oder ästhetischen Gründen, sondern auch kommerziellen: Man konnte sich nicht vorstellen, dass eine Frau von sich aus auf die Idee käme Fußball zu spielen. Dahinter muss ein kommerz-gieriger Mann stecken, so die Vermutung.

Lotte Specht

Sie darf in keiner Geschichte des deutschen Fußballs fehlen. Ähnlich wie Nettie Honeyball 1884 in England veröffentlichte Charlotte „Lotte“ Specht, 19 Jahre alt, eine Anzeige in der Zeitung. Die Anzeige wurde von 35 jungen Frauen im Alter von Lotte Specht beantwortet.

Im März 1930 wurde der 1. DDFC, der Erste Deutsche Damen-Fußballclub, in ihrem Elternhaus, dem „Steinhaus“ in Frankfurt am Main, gegründet. Sie spielten in improvisierten Trikots, kurzen Hosen, übergroßen Stiefeln und Baskenmützen als Kopfschutz.

Der Verein existierte jedoch nur wenige Monate, und dies hatte vor allem zwei Gründe. Erstens gab es keine Gegner. Zu Beginn spielte der Verein gegen Männerclubs. Aber – und das ist der zweite Grund – es gab immer mehr Konfrontationen und Beleidigungen der Frauen beim Fußballspielen und auch im Alltag. Am Ende spielten die Frauen immer nur gegen sich selbst. Und auch dann hörten die Aversionen nicht auf. Die Mutter von Lotte Specht tolerierte den Sport ihrer Tochter, der Vater nur sehr eingeschränkt. Die Kunden seiner Metzgerei beschwerten sich über seine Tochter und blieben ihr fern. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise führte dies zu ernsthaften Bedenken.

So dauerte der 1. DDFC nur kurze Zeit und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Lotte Specht eine regional bekannte Kabarettistin und Schauspielerin, die 1955 die erste Dialektbühne gründete.

Im Interview erzählte sie über das Jahr 1930:

„Wir waren keine Revolutionäre, wir hatten einfach Spaß am Fußball. […]

Meine Idee entsprang nicht nur meiner Liebe zum Fußball, sondern vor allem den Rechten der Frauen, ich sagte: ‚Was Männer tun können, können wir auch tun‘. Das war meine Grundidee, einen Frauenfußballclub zu gründen. […]

Sie haben sogar Steine nach uns geworfen. Und die Zeitungen schimpften und schwärmten die ganze Zeit über uns. Sogar im Laden, in der Metzgerei, sagten die Leute: Herr Specht, dass Sie solche Dinge tolerieren, das ist schrecklich. Und dann gab es uns nur ein Jahr lang. Die Presse arbeitete gegen uns, und nach einem Jahr war der Traum vorbei.“

Auch Spielerkollegin Käthe Stumpf erinnerte sich an die Schikanen:

„Wir dribbelten und machten Starts, schnelle Starts, ja, Überholen oder Angriff, Kopfball … das alles haben wir gelernt. Wir trainierten morgens, am Sonntagvormittag, aber da waren die Männer schon auf dem Fußballplatz und heulten. Das war nicht schön.“

Die Interviews wurden als Dokumentation von Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza veröffentlicht: Frauenfußball – Eine Emanzipationsgeschichte, 2011, auf dem Radiosender SWR 2. Sie können die Folge hier im Internet hören, sie ist aber auch als Podcast-Episode und als Manuskript open access verfügbar.

1955: Das Verbot von Frauenfußball in der BRD

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland geteilt. Daher müssen wir die Entwicklungen getrennt voneinander betrachten. Außerdem ist es wichtig zu wissen, dass der Deutsche Fußball-Bund der Fußballverband für die Bundesrepublik Deutschland war (und ist). Das heißt, dass sein Verbot 1955 und die Aufhebung 1970 keinen Einfluss auf Fußball spielende Frauen in der Deutschen Demokratischen Republik hatte.

Nach dem Sieg der Weltmeisterschaft des Bundes-deutschen Teams war die Begeisterung für den Fußball groß. Bärbel Wohlleben schoss als erste Frau ein Tor des Monats. Denn im September 1974 gewann sie mit ihrem Verein, dem TuS Wörrstadt, die erste (bundes-)deutsche Meisterschaft der Frauen. Zu diesem Zeitpunkt spielte sie schon fast 20 Jahre Fußball. Sie begann kurz nachdem der DFB Frauen das Fußballspielen verboten hatte. 1957. In der schon oben verlinkten Radio-Dokumentation erinnert sie sich:

„Ich musste da ganz besondere Prüfungen ablegen, die Jungs hatten mich aufgefordert gegen sie Ringkämpfe auszutragen in der Weitsprunggrube, und da ich dann einige Jungs besiegt habe, war ich anerkannt und hatte seitdem vier Jahre in der C-Jugend in Ingelheim mitgespielt.“

Sie hatte vom Südwestdeutschen Fußballverband eine Ausnahmegenehmigung bekommen. Das war entgegen des Verbots des DFB: Es durfte keine Frau mehr in einem Verein spielen, der Mitglied im DFB war. Und kein DFB-Mitglied durfte seinen Sportplatz für ein Spiel von Frauen zur Verfügung stellen. DFB-Schiedsrichtern und Schiedsrichter-Assistenten war es verboten, Fußballspiele von Frauen zu leiten.

Denn am 30. Juni 1955 hatte der DFB auf seinem Verbandstag beschlossen, dass der Verband Frauenfußball in Deutschland (BRD) nicht mehr unterstützt, sondern behindern will. Ein Verbot innerhalb des Verbandes.

Begründet wurde das Verbot vorrangig mit vermeintlichen gesundheitlichen Folgen für die Frau sowie das Ansehen der Damen, das durch diese Bewegungen leide, auch, weil eine Frau nicht kämpfen könne. So bezeichnete der DFB das Fußballspiel von Frauen als „Zurschaustellen des Körpers“ und verbreitete beispielsweise, dass es sich negativ auf die Gebärfähigkeit der Frauen und auf die Seele und die „weibliche Anmut“ auswirken würde.

„Der Damenfußball würde doch grundsätzliche Dinge berühren und nicht ohne Regeländerungen auskommen (leichterer Ball, Rempeln usw.). Fußball wäre kein echter Kampfsport mehr. Organisatorisch gibt es wohl kaum eine geschlossenere Sportart als den Fußball – vielleicht, weil keine Frauen dabei sind…“

– DFB-Jugend-Obmann Prof. Dr. Zimmermann, Kicker, 9. Mai 1955.

oder

„Wir werden uns mit dieser Angelegenheit nie ernsthaft beschäftigen. Das ist keine Sache für den DFB. […] Wenn in einigen Städten ein Dutzend Frauen zusammenkommen und einen Fußballklub gründen, ist das ihre Angelegenheit. Es bleibt aber immer die Frage offen, wo diese Mannschaften spielen wollen. Die Sportplatznot in den größeren Städten zwingt die Vereine ohnehin bereits, ihre Jugendspiele vorwiegend auf samstags zu verlegen.“

– DFB-Präsident Peco Bauwens, Neue Ruhr Zeitung 7. Mai 1955.

Frauenfußball in Deutschland

Frauenfußball in Deutschland ist gut 100 Jahre alt.

1955-1970: Frauenfußball in Deutschland (BRD) formiert sich trotz Verbot

Zwar hielten sich die Vereine im DFB an das Verbot ihres Verbandes, nicht verhindern konnte man aber die Gründung regionaler Verbände für Frauenclubs: 1956 wurde der Westdeutsche Damen-Fußballverband durch Willi Ruppert und 1957 die Deutsche Damen-Fußball-Vereinigung durch Josef Floritz gegründet. Beide Verbände stellten ein eigenes Auswahlteam als Nationalelf und beide zusammen spielten zwischen 1956 und 1965 circa 220 Länderspiele. Diese fanden vor allem gegen England, die Niederlande und Österreich statt, deren Frauennationalmannschaft auf dem gleichen guten Niveau wie die deutsche spielten.

Das allererste dieser Länderspiele organisierte der Westdeutsche Damen Fußballverband für den 23. September 1956. Es fand im privaten Stadion der Mathias-Stinnes-Zeche in Essen statt. Vor 17.000 Zuschauer*innen gewannen die Spielerinnen, die alle aus dem Ruhrgebiet und dessen direkter Umgebung spielten und sich zum Teil kurz vor dem Spiel zum ersten Mal sahen, gegen die niederländische Frauennationalmannschaft mit 2:1. Das Spiel fand nach FIFA-Regeln, aber mit verkürzter Spielzeit statt.

1957 wurde dann in Nürnberg auch noch das Gegenstück zur FIFA gegründet: die International Ladies Football Association. Sie fasste Verbände aus England, Österreich, der Niederlande und Deutschland zusammen und hatte ihren Sitz in Luxemburg.

Sehr zu empfehlen ist das Dossier der Zentrale für politische Bildung.

Frauenfußball in der Deutschen Demokratischen Republik

Dieser Abschnitt ist etwas kurz, weil der Frauenfußball in der Deutschen Demokratischen Republik für mich noch relatives Neuland ist. Ich habe mir aber bereits zwei Bücher bestellt, um mehr zu erfahren.

In der DDR spielten Frauen seit dem Ende der 1950er Jahre Fußball, jedoch nicht in Vereinen. Wie in der Bundesrepublik Deutschland waren auch hier die Funktionäre skeptisch oder ablehnend, wenn es um die Frage ging, ob Frauen Fußball spielen konnten und sollten.

Wieder war Sachsen ein Zentrum: 1968 wurde im Verein BSG Empor Dresden-Mitte ein Team gegründet, die nach anfänglichem Argwohne die Spielberechtigung erhielt. Weil im gleichen Jahr weitere Teams gegründet wurden fand ebenfalls 1968 einen Wettbewerb für Frauenfußball statt. Zunächst aber nur regionale Wettbewerbe auf Bezirksebene.

1971 – ein Jahr nach der Aufhebung des DFB-Verbots – reagierte der Deutsche Fußballverband (Fußballverband der DDR) und nahm Fußball von Frauen in die offizielle Spielordnung als Volkssport auf. Das gab dem Sport einen kräftigen Schub, der dazu führte, dass die Entwicklung der DDR-Frauenteams noch bis in die 1980er Jahre jener in der BRD voraus war. Turbine Potsdam ist einer dieser Teams und zudem jenes, das bis heute zu den Topteams in Deutschland gehört.

Mehr über Frauenfußball in UK hier.

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