Teil 2 der Reihe „Ein Spiel im Wandel von 50 Jahren„.

Die schon erschienenen Teile: 18631883189319031913.

 

1873

Das rechteckige Spielfeld von (gerundet) 183 x 91 m muss mit je einer Fahne in einer Ecke gekennzeichnet werden. Manchmal ist das Feld zusätzlich mit einer Linie aus Kreideschlamm oder eine V-förmigen Furche markiert.

Die Spieler kommen auf das Feld; es sind üblicherweise elf in jeder Mannschaft, obwohl eine Anzahl nicht in den Regeln festgeschrieben ist. Ein Spieler wird von dem Mannschaftskapitän nicht auf das Spielfeld gelassen, da aus seinem Schuh ein Eisenstück ragt. Er muss seine Schuhe wechseln, darf dann am Spiel teilnehmen.

Die Kapitäne geben sich die Hand, einer von ihnen wirft eine Münze in die Luft. Zuvor haben sie sich geeinigt, wer welche Seite nimmt. Die Münzseite, die der Kapitän der Mannschaft A ausgewählt hat, zeigt nach oben. Er hat die Wahl zwischen der Seitenwahl oder dem Anstoß. Er möchte die Seiten tauschen. Damit hat Mannschaft B den Anstoß.

Der Ball ist eine mit aneinandergenähten Lederstücken umhüllte Tierblase. Das Spiel beginn mit einem Schuss vom Mittelpunkt des Spielfeldes, wobei der anstoßende Spieler sich die Richtung aussuchen kann. Alle gegnerischen Spieler müssen 9,15 m vom Ball entfernt sein, bis dieser im Spiel ist. Und er ist im Spiel, wenn er sich einmal um die eigene Achse gedreht hat.

Das Spiel geht munter los; einer der Stürmer dribbelt auf das Tor und versucht, den Ball möglichst lange zu spielen. Alle anderen Spieler laufen hinter ihm her, um im Verlustfall den Ball zurückgewinnen zu können. Ein Spieler der Mannschaft B stellt sich dazwischen und lenkt den Ball ab. Er geht über die Seitenlinie ins Aus. Ein Spieler der Mannschaft A hat Einwurf von dem Punkt, an dem der Ball ins Seitenaus ging. Er muss den Ball im rechten Winkel einwerfen und darf den Ball erst wieder berühren, wenn ein anderer Spieler ihn berührt hat. Beim Einwurf müssen alle Spieler der Mannschaften A und B (gerundet) 5,5 m Abstand vom Ball haben. Er ist im Spiel, wenn er sich einmal um seine Achse gedreht hat.

Mannschaft A stürmt weiterhin auf das Tor, d.h. einer der Stürmer dribbelt, während alle anderen ihm folgen. Er schießt auf das (gerundet) 7,32 m breite Tor, doch der Ball wird abermals von einem Spieler der Mannschaft B abgelenkt – nun ins Toraus. Mannschaft A erhält einen Freistoß (Abstoß) von _dem_ eigenen Torpfosten, der dem Punkt näher ist, über den der Ball ins Toraus ging. (Hätte ein Spieler der Mannschaft B ihn als erstes berührt, hätte diese Mannschaft einen Freistoß (Eckstoß) von der nächsten Eckfahne erhalten, bei dem alle anderen Spielen mindestens (gerundet) 5,5 m entfernt von dem Ball stehen.)

So schießt nun ein Spieler der Mannschaft A den Ball vom gegnerischen Torpfosten natürlich nur ein Stück weit, damit der Ball nicht dem eigenen Tor zunahe kommt. Ein Spieler der Mannschaft A nimmt ihn an, doch er verspringt ihm etwas. Ein Mitspieler kann ihn jedoch berühren und hat nur noch drei Gegenspieler vor sich. „Abseits!“ rufen die gegnerischen Spieler, aber sind im Unrecht. Im Moment der Ballabgabe hatte der Spieler drei Gegenspieler vor sich. Erst ab weniger als drei Gegenspielern wäre es Abseits gewesen.

Mannschaft A ist weiterhin am Zug und tankt sich Stück für Stück vor das gegnerische Tor. Ein Spieler zieht ab und schießt den Ball in sechs Meter Höhe zwischen den Torpfosten ins Toraus – und damit leider weit über das Band, das die Torhöhe auf (gerundet) 2,44 m begrenzt. Es steht weiterhin 0:0.

Es gibt wieder einen Abstoß von der Mannschaft A. Kurz danach stellt ein Spieler der Mannschaft A seinem Gegenspieler ein Bein und hält ihn, Mannschaft B beschwert sich. Sowas macht ein Gentleman nicht! Man einigt sich aber irgendwie, denn in den Regeln ist für diesen Fall nichts vorgegeben.

Mannschaft B kommt nahe vor das Tor A. Der bisherige Spieler, der am nächsten zum Tor stand, der Torhüter, agiert mittlerweile als Stürmer. Der nun dem Tor am nächsten steht und daher als Torhüter gilt, fängt zur Verteidigung seines Tores den Ball mit den Händen. Wieder Protest, aber dem Torhüter ist es erlaubt, zum Schutz seines Tores den Ball mit den Händen zu berühren (nicht aber zu tragen).

Der Torhüter schießt den Ball weiter in das Spielfeld.Diesen Schuss fängt ein Spieler der Mannschaft B mit den Händen, ohne, dass der Ball zuvor etwas oder jemand anderes berührt hat. Protest, denn es ist ein unerlaubtes Handspiel. Ein Mitspieler der Mannschaft B bittet den Ballfänger, künftig den Ball mit dem Kopf versuchen zu spielen, denn einen Fair Catch gibt es bereits seit zwei Jahren nicht mehr. Es wird aber noch Jahrzehnte dauern, bis das Kopfballspiel für alle üblich wird.) Es gibt einen Freistoß für Mannschaft A zur Bestrafung für die Regelverletzung von Mannschaft A (wo und wie ist nicht festgelegt).

Ein Spieler der Mannschaft A dribbelt den Ball wieder nahe vor das Tor, alle Mitspieler folgen ihm im Windschatten. Doch drei Meter vor dem gegnerischen Tor wird er von einem Gegenspieler unfair von den Beinen geholt. Wieder besprechen sich die Kapitäne und einigen sich auf irgendeine Weise.

Einige Minuten später gibt es wieder einen Protest. Ein Spieler der Mannschaft A beteuert, dass er den Ball völlig unabsichtlich mit der Hand gespielt habe. Bei der Bewegung passiere es eben mal, dass der Arm etwas in der Luft ist. Dass in diesem Moment der Ball dagegen kommt, sei nicht seine Absicht gewesen. Doch alle Beteuerungen helfen nichts, denn der Kapitän der Mannschaft A pocht auf das Regelwerk. Hier wurde wiederholt betont, dass es unter jeglichen Umständen verboten sei, den Ball mit der Hand zu berühren und es nebensächlich sei, ob es sich um eine absichtliche oder unabsichtliche Berührung handle. Es folgt ein Freistoß für Mannschaft A.

Der weitere Verlauf des Spieles ist nicht der Rede wert. Nach der vorher von den Mannschaften festgelegten Zeit – üblicherweise sind es 2x 45 Minuten, unterbrochen von einer sehr kurzen Pause – beenden die Spieler diese Begegnung.

Das Spiel endet 0:0.

 

Titelbild: Adrian Roebuck: An early draft of the original hand-written ‚Laws of the Game‘ drawn up on behalf of The Football Association by Ebenezer Cobb Morley in 1863 on display at the National Football Museum, Manchester. Wikipedia.