Im frühen 19. Jahrhundert zogen in England  zahlreiche Arbeiter an den Rand der Städte (die so genannte Urbanisierung), wohnten häufig in den gleichen Straßenzüge und Quartieren, meist in Reihenhaussiedlungen und suchten nach ihrer Identität. Auch in den Fabriken blieben sie anonym. Die Straße wurde ein wichtiger Sozialisationsort für die Arbeiter, denn sie gab ihnen Identität. Und die noch nicht völlig regulierte, aber gewalttätigere Form des Fußballs war ein bewährtes Mittel zum Abbau von Aggressionen.

Die Spiele (oder Kämpfe) fanden meistens an freien Tagen statt, so beispielsweise an Boxing Day oder Neujahr. Hier liegt auch der Ursprung der Derbys, wobei Derby nur eine der Städte war, in der diese Straßenfußballkämpfe stattfanden. Die besitzende Oberschicht unterstützte die Kämpfe zunächst mit Essen, Trinken und anderen Siegerpreisen, bis Derbys ab 1815 mehr und mehr verboten wurden. Anschließend musste regelmäßig Kavallerie anrücken, um den Spielen Einhalt zu gewähren. Der Straßenfußball verlagerte sich nun außerhalb der Stadttore, doch da die Wiesen und Felder kein Gemeingut waren, währte der Fußball außerhalb der Stadt nur für kurze Zeit und es kam zu riots. 1)Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 56-58.

Ein weiterer Sozialisationsort wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts public houses. Neben Gewalt war auch der Alkoholkonsum ein probates Mittel, um von dem physisch und psychisch anstrengenden Job unter Tage oder dem stupiden und getriebenen Arbeitsalltag in einer Fabrik abzulenken. Aber es förderte natürlich auch stark den Alkoholismus.2)Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 49-51. Vgl. ebenso: Birley, Derek: Land of sport and glory: sport and British society, 1887-1910 (= International studies in the history of sport). Manchester/New York 1995. S. 35. So bat am Ende des 19. Jahrhunderts, 1891, der Vorstand von Aston Villa seine supporters nach den sehr schlechten Spielen an Boxing Day und Neujahr, nicht die Spieler zum Trinken zu animieren.3)Vgl. Birley, Derek: Land of sport and glory: sport and British society, 1887-1910 (= International studies in the history of sport). Manchester/New York 1995. S. 35.

Später wurden auch die Stadien solche Sozialisationsorte, an denen man mit unbekannten, aber gleichgesinnten Menschen in Kontakt kam und eine Gemeinschaft und Netzwerk jenseits von Pub und Straße begründen konnte.4)Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 61.

Die Pubbesitzer erkannten schnell, welche wirtschaftlichen oder auch repräsentativen Vorzüge die Popularität der football-Formen bot. Schon in den Frühen Neuzeit (bis etwa 1800) organisierten sie Tierkämpfe, Kegelspiele und anderes und förderten die Wettkultur. Football war daher nur eine weitere Möglichkeit, ihren Umsatz oder als Mäzene ihre gesellschaftliche Darstellung öffentlichkeitswirksam zu steigern – so trugen sie zur Kommerzialisierung des Fußballs bei und zu seinem Werden zu einer Popkultur. Und neben Wettmöglichkeit boten sie einen Resultatservice für die an, die nicht das Spiel besuchen konnten. Via Telegrafen wurden die Ergebnisse durchgegeben und per Zettel die Pubbesucher darüber informiert. Das steigerte dann nochmals das Interesse an Fußball.
Neben Pubbesitzer erkannten auch viele Brauereibesitzer und Fabrikbesitzer ihre Chance, für den Fußball als Mäzen aufzutreten.

Und nannten sich die Fußballgruppen zuvor nach Straßen oder Quartiere, war es nur die logische Konsequenz, dass sich die neueren Gruppen, nun Clubs, nach Pubs nannten. Insbesondere in der Sheffield FA hatten auffallend viele Clubs Pubs als Postadressen.5)Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 51-52. Häufig, nicht nur in Sheffield, waren die Pubbesitzer auch die Präsidenten der Clubs und gleichsam ihre Mäzene.6)Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 52-53.
Das Verbot der FA von hauptberuflichen Vorsitzenden führte zu einer gesellschaftlichen Schere entsprechend der Erfahrungen und des Besitzes der Vorsitzenden. Daraus resultierte eine gegenseitige Abneigung.7)Vgl. Birley, Derek: Land of sport and glory: sport and British society, 1887-1910 (= International studies in the history of sport). Manchester/New York 1995. S. 40.

Im Bemühen, Konkurrenten zu schlagen, zahlten sie sehr guten Spielern immer höhere Handgelder und bald auch Löhne. Zu diesen spielstarken Fußballspielern gehörten insbesondere Schotten, die ab den 1880er Jahren mit Geld nach England gelockt wurden. Middlesbrough Ironopolis stellte binnen drei Tagen eine neue Mannschaft zusammen, um die ca. 100 Meilen entfernten Kontrahenten in Huddersfield und Preston in der Spielstärke ebenbürtig zu sein. Clubs wurden auch zu Aktiengesellschaften umgewandelt. Es wurden auch Aktien von fünf bis zehn Schilling angeboten, damit sich auch Arbeiter sie leisten konnten und so ihre Verbundenheit mit dem Club zeigen konnten. Reich werden konnte man so nicht.8)Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 61-62.

Beispiele für Fußballmäzene waren der Brauereibesitzer Davies, der Manchester United 1902 vor dem Ruin rettete, 1907 in eine Aktiengesellschaft umwandelte und 1908 den Bau von Old Trafford finanzierte. Oder Brauereibesitzer Suddell und Preston North End. Oder Werksbesitzer Hills, der sehr sozial eingestellt war und einen Werksfußballclubs gründete – West Ham United.
Und natürlich noch der Großbrauereibesitzer und Hotelier John Houlding: Er war der Stereotyp eines antikatholisch, antiirischen, eigenwilligen und populistischen self-made-man, der seine Reputation durch die Förderung eines Vereins öffentlich sichtbar machen wollte. Er machte Everton FC bis 1890 zu einem der erfolgreichsten Clubs Englands. Dabei war er nicht nur Anteilshaber des Spielfeldes von Everton FC, sondern auch Besitzer des nahegelegenen Sandon Hotels und hielt die Konzession für den Verkauf der Erfrischungsgetränke bei Spielen des Clubs. Als er 1891 die Pacht für das Spielfeld von 100 Pounds auf 250 Pounds erhöhte, erntete er scharfe Proteste bei den Mitgliederversammlungen im Januar und März 1892, vor allem von den führenden Everton-Aktieninhabern. Letztere entschieden, einen neuen Spielplatz in der Nähe des Goodison Parks zu kaufen.9) Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 53-55. Houlding gründete daraufhin einen neuen Club, der auf dem ehemaligen Everton-Spielplatz an der Anfield Road spielte, warb zahlreiche sehr gute schottische Spieler gegen Lohn an  und beanspruchte den Namen Everton Athletics. Dies verbat jedoch die FA und so entschied Houlding sich, seinen neuen Verein Liverpool FC zu nennen.10)Vgl. Birley, Derek: Land of sport and glory: sport and British society, 1887-1910 (= International studies in the history of sport). Manchester/New York 1995. S. 39-40.

 

Fotocredits

Cartoon im Liverpool Review vom 15. März 1892 mit der Überschrift „Don’t went, ‚King John'“. Zeichner unbekannt.

Cite this article as: Petra: Englischer Fußball und Pubs. In: Nachspielzeiten, 9. Februar 2018. URL: https://nachspielzeiten.de/englischer-fussball-und-pubs/ (zuletzt aufgerufen: 15. August 2018).

Fußnoten   [ + ]

1. Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 56-58.
2. Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 49-51. Vgl. ebenso: Birley, Derek: Land of sport and glory: sport and British society, 1887-1910 (= International studies in the history of sport). Manchester/New York 1995. S. 35.
3. Vgl. Birley, Derek: Land of sport and glory: sport and British society, 1887-1910 (= International studies in the history of sport). Manchester/New York 1995. S. 35.
4. Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 61.
5. Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 51-52.
6. Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 52-53.
7. Vgl. Birley, Derek: Land of sport and glory: sport and British society, 1887-1910 (= International studies in the history of sport). Manchester/New York 1995. S. 40.
8. Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 61-62.
9. Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 53-55.
10. Vgl. Birley, Derek: Land of sport and glory: sport and British society, 1887-1910 (= International studies in the history of sport). Manchester/New York 1995. S. 39-40.