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Fußballprofi – und danach?

In diesem Blogartikel geht um Profifußballspieler zwischen 1885 und 1914 in England: Über ihren Lohn, ihre Arbeitsstelle, ihre Zukunft nachdem Profifußball. Seitdem hat sich manches verändert und manches nicht.

 

Servant & Master

Die Beziehung zwischen dem Fußballspieler und dem director, der meist sowohl Trainer als auch Manager des Vereins war, war die klassische Hierarchie zwischen einem Meister („master“) und einem Bediensteten („servant“. Diese Begriffe verwendete die zeitgenössische Presse, um Hierarchien zu beschrieben und zementieren. Tatsächlich hatte der Fußballer wenig bis keine Kontrolle auf Arbeitspläne oder Konditionen des Vertrags. Alles wurde von director ihm vorgegeben, der Spieler war nur Ausführender. Im Grunde war es nicht anders wie zwischen einem Arbeiter und dem Unternehmer, nur war der Fußballer zugleich Maschine und Bediener der Maschine. Er erhielt seine Identität über die Position auf dem Spielfeld.

Die meisten Profifußballer der ersten Jahrzehnte kamen aus einem eher prekären Familienverhältnis und ein möglicher Verdienst von 4 Pounds pro Woche lockte viele. Ungelernte Arbeiter verdienten meist weniger als 2 Pounds/Woche. Dass sich die meisten Vereine die Ausgaben von 4 Pounds wöchentlich an jeden Spieler gar nicht leisten konnten und 1894 nicht mehr als sechs Profivereine noch zahlungsfähig waren, wurde von den jungen Sportlern ausgeblendet. Ebenso, dass nur die directors über ihre Vereinszugehörigkeit, Wechsel und deren Konditionen verhandelten.

Viehhandel und Entfernungen

Schon damals wurde diese Gepflogenheit mit dem Viehhandel verglichen.

1913 stammten die Spieler von Aston Villa FC im Schnitt 154 km, von Sunderland FC 186 km von ihrem Heimatort entfernt. Das entspricht etwa der Entfernung von Frankfurt am Main bis Köln. Mit dem Unterschied, dass man für die Strecke keine 60 Minuten benötigte, sondern das drei- bis vierfache. Hinzu kam das Beförderungsentgelt für die vierte Klasse, denn eine höhere Klasse werden sich die meisten Spieler kaum haben leisten können. Automobile fuhren anfangs übrigens nur maximal 15 km/h, nicht 50 km/h, wie die Dampflok.

Die größte Entfernung von Spielern von dem Wohnort ihrer Familie zu der Stadt ihrer Vereis lag bei 335 km (Aston Villa FC) bzw.441 km (Sunderland FC).

Es gab nur Jahresverträge und die Verträge der Spieler wurden nur so lange verlängert, wie sie dem Verein und seinen Zielen von Nutzen waren. Die Karriere eines Spielers hing also von seiner Verfügbarkeit als Spieler und seiner Kapazität, die ihm gestellten Aufgaben zu erfüllen, ab. Das führte dazu, dass auch verletzte Spieler spielten, denn ein Ausfall bedeutete den Verlust des Stammplatzes. Rotation war nicht üblich. Zwischen den Jahren 1888 und 1913 wurden im Schnitt 4-5 Spieler pro Saison ersetzt, d.h. 4-5 Spieler waren so stark verletzt, dass sie den Verlust ihres Stammplatzes in Kauf nehmen mussten. Dass sie unter allen Umständen spielen wollten, ja, mussten, hatte natürlich zur Folge, dass die Spieler so lange spielten, bis sie schwerer verletzt waren, ja womöglich dadurch ihre Karriere beenden mussten.

Späte(re) Existenzsorgen

Meist wurden sehr junge Männer, meist gerade aus der Schule gekommen, als Spieler angeworben. Denjenigen, die es wagten, neben ihrem Job als Fußballspieler eine weitere Ausbildung zu beginnen, wurden meist Steine in den Weg gelegt. Die meisten Fußballspieler kamen also mit ca. 30 Jahren als gänzlich ungelernte Arbeiter auf den mit Facharbeitern schon völlig übersättigten Arbeitsmarkt, fanden nur schwer eine Ausbildungsstelle oder neue Anstellung und verdienten als Ungelernte einen Bruchteil von Gleichaltrigen, die kein Profifußballer wurden.

Sicher, ein Teil von den Fußballern war berühmt und reich geworden, doch es war nur ein kleiner Teil von ihnen. Die meisten lebten nach ihrer Fußballerzeit unterhalb des Existenzminimums. Vielleicht auch mit einer körperlichen Verletzung, sodass sie gar nicht jede Arbeit erledigen konnten.

John Cameron, der zeitweise mit Tottenham Hotspur FC im Profigeschäft verkehrte, sich dann aber dem Amateurfußball verschrieb, riet in seiner Schrift, erst eine Ausbildung zu machen und dann Profifußballer zu werden. Viele, die er kennt und die sich nicht auf die Zukunft vorbereitet hat, „verhungert“ nun.1)Vgl. Cameron, John: Association Football and How to play it. London [1908]. S. 55. „Beachten Sie den Preis, [den es kosten wird], bevor Sie es tun.“ 2)Vgl. Cameron, John: Association Football and How to play it. London [1908]. S. 55., mahnte Cameron, der ebenso empfiehlt, nicht Profifußballer zu werden.

 

Literatur

  • Cameron, John: Association Football und How to play it. London [1908]. S. 55-58.
  • Tischler, Steven: Footballers and Businessmen: The Origins of professional soccer in England. New York/London 1981. S. 90-102.

Fotocredits: A Trip. Where’s the Referee? — image from the book „Football: The Association Game“ (1906), opposite p.62. https://en.wikisource.org/wiki/File:A_Trip._Where%27s_the_Referee%3F.png

Fußnoten   [ + ]

1. Vgl. Cameron, John: Association Football and How to play it. London [1908]. S. 55.
2. Vgl. Cameron, John: Association Football and How to play it. London [1908]. S. 55.
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Petra Tabarelli, studierte Historikerin, leitet ein Stadtarchiv und schaut Fußball seit ihrem dritten Lebensjahr. Neben der Landesgeschichte ist die Fußballgeschichte ein großes Interessengebiet. Ihr Schwerpunkt ist Entstehung der Fußballregeln und des Schiedsrichterwesens in England und Deutschland.

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