Am 2. März 2019 wird das IFAB über die Regeländerungen für die Saison 2019/20 abstimmen. Die Tagesordnung gibt nur kurz wider, für welche Regeln Änderungsvorschläge eingegangen sind. Welche es genau sind, hat u.a. Chaled Nahar für die Website der ARD Sportschau beschrieben. Und ich möchte noch einen historischen Blick auf die möglichen Regeländerungen bieten.

Das IFAB

Das IFAB kam zum ersten Mal am 2. Juni 1886 zusammen und bestand aus den nationalen Fußballverbänden von England, Schottland, Wales und Irland (seit 1921 Nordirland). 1914 kam die zehn Jahre zuvor gegründete FIFA hinzu und hatte zunächst zwei Stimmen (konnte so von den vier britischen Verbänden überstimmt werden). Mittlerweile haben die vier UK-Mitglieder vier Stimmen und die FIFA vier Stimmen, wobei die FIFA einstimmig wählen müssen.

Für Näheres und Weiteres siehe die schon erschienen Artikel Die Entstehung des IFAB und seine Regelwerkänderungen sowie Das IFAB 1886-1914.

 

Law 8 – The Start and Restart of Play: Dropped ball

Dropped ball ist der englische Begriff für den Schiedsrichterball. Nach Wunsch des diesjährigen Vorschlags soll sich an seiner Ausführung und an der Ursache für seinen Einsatz nichts ändern. Ändern soll sich, dass die Mannschaft den Ball als erstes berühren soll, die vor der Spielunterbrechung zuletzt den Ball berührt hatte.

Der Schiedsrichterball wurde 1888 durch das IFAB eingeführt: Der Schiedsrichter lässt den Ball aus seinen Händen fallen, er wirft ihn weder hoch noch nach unten. (Das erwähne ich, weil verschiedene deutsche Fußballregelwerke, die vor Gründung des DFB veröffentlicht wurden, anmerken, dass der Ball bei einem Schiedsrichterball hochgeworfen wird.) Er wird an der Stelle ausgeführt, an der sich der Ball befand, als das Spiel unterbrochen wurde.

1901 wurde ergänzt, dass es bei Regelwidrigkeiten einen Freistoß gibt, wenn der Ball im Spiel ist (Bodenberührung) oder eine Wiederholung, wenn er noch nicht im Spiel ist (also noch im Fallen war). Ebenfalls die Wiederholung des Schiedsrichterballs wurde 1902 verordnet, wenn der Ball ohne Berührung durch eine:n Spieler:in ins Feldaus ging.

Die nächste und bislang letzte Änderung zum Schiedsrichterball kam 1985: Wenn sich der Ball zuletzt in einem der Torräume befand, dann wird der Ball auf der parallel zur Torlinie verlaufenden Torraumlinie fallengelassen – und zwar an dem Punkt, der dem Ort am nächsten liegt, an dem der Ball bei der Spielunterbrechung war.

 

Law 12 – Fouls and Misconduct

Hier geht es um die in den letzten Wochen so stark diskutierte Handspielregel. Das Regelwerk sagt deutlich: Nur ein absichtliches Handspiel ist strafbar. Aber wie erkennt man Absicht? Um es eindeutiger und gleichwertiger zu beurteilen und zu bestrafen, wurden Begriffe wie unnatürliche Handbewegung bzw. Handhaltung lanciert (nicht aber in den Laws of the Game) oder die zum Ball gehende Hand. Die beiden Vorschläge zur Änderung der Handspielregel empfehlen, a) den Begriff der unnatürlichen Handbewegung (= Hand und Arm oberhalb der Schultern) zu ergänzen und b) jedes Handspiel, dass eine Torchance oder Tor kreiert, zu bestrafen. 

Das Handspiel war im Fußball nicht immer verboten. Das gilt insbesondere für die Regelwerke aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, die an das Rugbyspiel erinnern. Aber auch die frühen Regelwerken, die das Handspiel nicht erlaubten als in auch den FA Rules selbst gab es zwei Arten von Handspiel, das erlaubt war bzw. ist.

Eines davon ist auch heute noch erlaubt: Das Handspiel des Torhüters / der Torhüterin. Wenngleich es erst 1871 in die FA Rules aufgenommen wurde, war vermutlich schon vorher erlaubt. In den nächsten Jahrzehnten wurde die Regeln immer genauer definiert: Man darf den Ball nicht tragen (1873), man darf in für zwei Schritte tragen (1920) [vier Schritte wurden erst in der Nachkriegszeit erlaubt]. Man darf ihn in nur der eigenen Hälfte mit den Händen berühren (1882), man darf ihn im eigenen Torraum mit den Händen berühren (1903), man darf ihn im eigenen Strafraum mit den Händen berühren (1912).

Das andere erlaubte Handspiel war der Fair Catch, den es bis heute im Rugby und American Football gibt. Er wurde 1871 verboten. Ein Fair Catch ist das Fangen eines Balles, bevor dieser den Boden berührt. Hat man im Rugby und American Football dann die Wahl zwischen Fair Catch (Arm heben (früher mit Ferse Markierung in den Boden ritzen), dann Freistoß von dieser Stelle) und dem Laufen mit Ball im Arm, wurde im Fußball nur der Fair Catch übernommen. Es war auch nur über den Fair Catch möglich, einen Freistoß zu erlangen. Erst ab 1874, also drei Jahre nach dem Verbot des Fair Catch, wurde der Freistoß bei Regelverletzungen als Strafe für die missachtende Mannschaft eingeführt.

Das Handspiel von Feldspieler:innen war, wie schon gesagt, immer verboten. Seit 1902 wird jedoch laut Regeltext zwischen absichtlichem und unabsichtlichem Handspiel entschieden und nur das absichtliche unter Strafe gestellt. Seitdem wurde die Handspielregel nicht mehr verändert. Lediglich 2015 schlug der walisische Verband vor, Handspiel grundsätzlich zu verbieten und nicht mehr zwischen absichtlichem und unabsichtlichem Handspiel zu unterscheiden. Eine Entscheidung wurde damals vertagt.

 

Other changes

Regel 13 – Freistoß & Regel 16 – Abstoß

Der Ball muss nicht mehr bei Abstoß und Freistoß im eigenen Strafraum direkt aus selbigem geschossen werden und ist erst im Spiel, wenn er diesen verlassen hat. Grund für die Regeländerung ist die Minimierung des Zeitspiels, wenn Ball – absichtlich oder unabsichtlich – vorher berührt wird. 

Diese Regeln wurden 1936 (Abstoß) und 1937 (Freistoß) eingeführt und sorgten in Deutschland für viel Gegenwind seitens der Deutschen Schiedsrichter-Zeitung. Denn es war in Deutschland (die DSZ sagt: Festland, aber das kann ich nicht überprüfen) üblich, den Abstoß als Volleyschuss oder Dropkick auszuführen oder durch das Lupfen des Balles durch eine:n Feldspieler:in in die Armes des Torhüters / der Torhüterin in 9,15 Meter Entfernung. (Btw: Lupfen wurde damals in Deutschland zugabeln genannt.) Jetzt müsse der lange Abstoß trainiert werden, wie er beispielsweise in England üblich war, beklagte man sich. Grund für die Änderung war der Schutz des Torhüters / der Torhüterin „vor wilden Angriffen und. Verletzungen“1)Vgl. Koppehel, Carl: Wieder Regeländerungsanträge. Ballgewicht, Freistoß im Strafraum und Schiedsrichterball. In: DSZ 19 (1937), Nr. 9. S. 97-99, hier S. 98. Weitere Berichte zur Änderung der Abstoßregel 1936: 1) Koppehel, Carl: Klarheit um die Abstoßregel. In: DSZ 19 (1937), Nr. 1. S. 1-2, hier S. 1. 2) Hülsmeier, H.: Des „Wippertjes“ Ende. In: DSZ 19 (1937), Nr, 1. S. 11., wenn diese:r den Ball zugelupft bekam. Es war nämlich noch bis in die Nachkriegszeit hinein üblich, den Torhüter / die Torhüterin bei Ballkontrolle mit dem Ball in den Armen fair (= mit angelegten Armen) ins Tor zu rempeln. Das war auch der Grund, weshalb Torhüter:innen empfohlen wurde, den Ball wegzufausten und ihn nur dann zu fangen und zu halten, wenn es unbedingt notwendig war.

Und was für den Abstoß galt, wurde ein Jahr darauf für den Freistoß im eigenen Strafraum eingeführt. Die DSZ, namentlich Heinz Wesp2)Wesp, Heinz: Verfehlte Regeländerungen. Betrachtungen zur neuen Regel 7. In: DSZ 19 (1937), Nr. 17. S. 186-187., war verärgert, dass nicht stattdessen die Änderung der Abstoßregel zurückgenommen wurde oder einfach das Zulupfen des Balles verboten wurde. Die Kritikpunkte an der Regel beziehen sich aber nicht auf das mögliche Zeitspiel, dass nun zum Zurücknehmen der Regel führen könnte, sondern Schwierigkeiten, wenn der Freistoß oder Abstoß nahe der Strafraumlinie ausgeführt wird. Denn mitunter ist es schwierig zu sehen, ob der Ball nun beim Foulspiel außerhalb des Strafraums war (Ball muss 68 cm zurücklegen) oder innerhalb des Strafraums (Ball muss direkt aus dem Strafraum). Und wenn es denn nahe der Strafraummarkierung ist, können so aus den üblichen 68 cm, die sich der Ball bewegen muss, um im Spiel zu sein, nur noch wenige Zentimeter werden. Wesp benennt zwei Möglichkeiten, die die Regel grotesk wirken lassen (die 10 cm sind von Wesp nur beispielhaft gewählt worden):

  • Fall 1: Wenn der Freistoß 10 cm außerhalb des Strafraums stattfindet, kann man Ball dem / der im Strafraum stehenden Torhüter:in zulupfen, nicht aber, wenn man 10 cm im Strafraum steht.
  • Fall 2: Wenn der Freistoß 10 cm innerhalb des Strafraums stattfindet, braucht er sich nur 10,1 cm zu bewegen, bis er im Spiel ist, nicht aber 68 cm (= eine Umdrehung des Balles).

Dennoch blieb die Regel 82 bzw. 83 Jahre bestehen und da das Zulupfen des Balles seltener wurde, wurden auch Wespe Einwände praktisch gegenstandslos.

 

Regel 3 – Spieler: Auswechslungen

Um ein Zeitschinden durch Auswechslungen möglichst zu minimieren, sollen Auswechselspieler:innen den kürzesten Weg ins Seitenaus nehmen.

Auswechslungen wurden erst in der Nachkriegszeit für internationale Wettbewerbsspiele erlaubt und auch in den meisten nationalen Wettbewerben waren Auswechslungen vor dem 2. Weltkrieg verboten. Eine Ausnahme scheinen die skandinavischen Länder gewesen zu sein. Lediglich vor Freundschaftsspielen war es möglich, sich vor dem Spiel darauf zu einigen, verletzte Spieler:innen auswechseln zu können. Grund für die Ablehnung war die Sorge, dass nicht nur tatsächlich, sondern auch vermeintlich verletzte Spieler:innen ausgewechselt werden, um so noch nicht müde Spieler:innen aufs Feld zu schicken oder gar die Taktik einer Mannschaft während des laufenden Spieles zu ändern. Letzteres wurde in Deutschland als Unsportlichkeit betrachtet. Das auch nicht verletzte Spieler:innen ausgewechselt werden dürfen, wurde zunächst 1966 in England, 1968 dann IFAB-weit erlaubt.

Der schottische Verband versuchte in der Nachkriegszeit mehrfach, die Auswechslung von verletzten Torhüter:innen erlauben zu lassen (1948, 1949, 1955, 1956, 1957), doch der Vorschlag wurde entweder abgelehnt oder vertagt. 1957 wurde es dann jedem Land freigestellt, die Auswechslung von verletzten Spieler:innen zu erlauben, nachdem es bereits seit den Qualifikationsspielen zur WM 1954 erlaubt war, eine:n verletzte:n Spieler:in bei internationalen Wettbewerbsspielen auszuwechseln.

1972 wurde dann zusätzlich festgelegt, dass Ein- und Auswechselspieler:innen an der Mittellinie das Feld verlassen bzw. betreten müssen.

Es folgten Regelergänzungen, ab wann ein:e Spieler:in aktiv am Spiel teilnimmt, Angaben, wie Auswechselspieler:innen dem Schiedsrichter zu melden sind und wie viele Spieler:innen bei Wettbewerbsspielen gewechselt werden dürfen:

  • 1968-1987: maximal zwei (1971 Zusatz: die zwei werden aus fünf zuvor nominierten ausgewählt),
  • 1987-1994: jeder Wettbewerb kann die erlaubte Maximalanzahl an Auswechslungen festlegen,
  • 1994-1995: 2+1-Regel d.h. zwei Feldspieler:innen und ein:e Torhüter:in,
  • 1995-heute: maximal drei (die drei werden aus fünf zuvor nominierten ausgewählt). In Deutschland ist es außerdem möglich, eine:n vierte:n Spieler:in in der Verlängerung des DFB-Pokal einzuwechseln (Pilotprojekt des IFAB).

 

Regel 12 – Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen: Strafen für Offizielle

Mannschaftsoffizielle sollen auch gelbe und rote Karten gezeigt bekommen, damit ihnen deutlicher signalisiert werden kann, ob sie verwarnt oder des Feldes verwiesen werden.

Die gelbe und rote Karte wurde zur WM 1970 in Mexiko erstmals eingesetzt und es scheint, dass sie bei der Olympiade 1968 ebenfalls in Mexiko getestet wurden. 1974 wurden sie dann in der Bundesliga eingeführt. Es scheint für viele erschreckend gewesen sein, wie viele gelbe Karten gegeben wurden, zeigen Medienberichte. 1991 wurde die gelb-rote Karte als Signal für wiederholtes Foulspiel und daraus resultierendem Feldverweis eingeführt. Ein Spiel Sperre gab es von 1978 bis 1993 nach vier gelben Karten, seitdem nach fünf gelben Karten innerhalb einer Saison.

 

Regel 14 – Strafstoß

Der Torhüter / Die Torhüterin muss nur noch mit einem Fuß auf Höhe der Torlinie sein, nicht mehr mit beiden Füßen.

Der Bewegungsradius des Torhüters / der Torhüterin hat sich seit Einführung des Strafstoßes 1891 mehrfach geändert:

  • 1891-1902: alle Spieler:innen dürfen sich bis auf 6 Schritte / 5,5 Meter dem Ball nähern, d.h. auch der Torhüter / die Torhüterin konnte sich soweit aus dem eigenen Tor nähern,
  • 1902-1929: der Torhüter / die Torhüterin muss auf der Torlinie oder dahinter stehen,
  • 1929: der Torhüter / die Torhüterin „must stand on his [her] goal line“ -> verursacht unterschiedliche Auslegungen: In England musste der Torhüter / die Torhüterin regungslos auf der Linie stehen, in Deutschland musste er / sie auf der Torlinie stehen, konnte sich aber nach rechts und links bewegen,
  • 1930-(1997/2002): der Torhüter / die Torhüterin muss auf der Torlinie still stehen (= darf Füße nicht bewegen),
  • (1997/2002)-heute: der Torhüter / die Torhüterin muss auf der Torlinie stehen, darf sich aber nach rechts und links bewegen.

 

Das Beitragsbild ist ein Screenshot aus der publizierten Tagesordnung des IFAB für die Sitzung am 3. März 2019.

Fußnoten   [ + ]

1. Vgl. Koppehel, Carl: Wieder Regeländerungsanträge. Ballgewicht, Freistoß im Strafraum und Schiedsrichterball. In: DSZ 19 (1937), Nr. 9. S. 97-99, hier S. 98. Weitere Berichte zur Änderung der Abstoßregel 1936: 1) Koppehel, Carl: Klarheit um die Abstoßregel. In: DSZ 19 (1937), Nr. 1. S. 1-2, hier S. 1. 2) Hülsmeier, H.: Des „Wippertjes“ Ende. In: DSZ 19 (1937), Nr, 1. S. 11.
2. Wesp, Heinz: Verfehlte Regeländerungen. Betrachtungen zur neuen Regel 7. In: DSZ 19 (1937), Nr. 17. S. 186-187.