Anderes, Simon Rosenberger

Remind Simon Rosenberger – eine Reminiszenz

Ausschnitt aus der Beitragstitelseite des Artikels über Simon Rosenberger in der DFB-SR-Zeitung 6/2019.

Simon Rosenberger (1885-1931) war ein Pionier und in vielerlei Hinsicht Mann der ersten Stunde: Als Mitglied des MTV München von 1879 war er nur kurz aktiver Sportler, dafür aber bereits mit 15 Jahren in fast allen Sportarten in der Theorie der beste. Der ausgebildete Beamtenbuchhalter gründete u.a. sowohl die Münchener als auch Bayerische Schiedsrichter-Vereinigung, arbeitete und schrieb in den 1910er Jahren für Seybolds „Der Fußball“, 1921-1925 als Redakteur für den Kicker, gab 1926-1931 die neu gegründete DFB-Schiedsrichter-Zeitung heraus und war in zahlreichen Schiedsrichterverbänden tätig, u.a. 1924-1931 im damals neugegründeten Bundesschiedsrichterausschuss des DFB.

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Mit Leib und Seele

Denn sein Schiedsrichter- und Funktionärskollege Carl Koppehel strich ihn bewusst aus der Fußball-Erinnerung. Vor allem wegen persönlicher Animositäten Koppehels gegenüber Simon Rosenberger. Aber Rosenbergers (+1931) jüdischer Glaube half, ja, legitimiert Koppehels Verhalten. Dabei tilgte Koppehel nicht nur Rosenberger aus der Sport-Geschichte durch Nichterwähnung, sondern auch viele andere jüdische Sportler und Clubs. Carl Koppehel war ein Technokrat während der NS-Zeit und auch noch nach der NS-Zeit vom totalitären System der Nationalsozialisten überzeugt.

Neid und Missgunst gegen Simon Rosenberger

Die Erinnerung an das Erbe Simon Rosenbergers, das man so sicher geglaubt hat, ist begraben. Aber es ist nicht verloren.

Der erste Artikel über ihn ist bereits in der DFB-Schiedsrichterzeitung erschienen, und ich schreibe zur Zeit eine Biographie in deutscher Sprache für und über Rosenberger. Sie wird voraussichtlich Anfang 2021 erscheinen. Bei entsprechender Nachfrage wird sie auch ins Englische übersetzt werden.

„Gerade dieses Bild des immer Unermüdlichen wird wohl nachhaltender als alle anderen in unserem Gedächtnis haften bleiben“

„Infolge nicht ausrottbarer Korpulenz brachte ich es in der Aktivität niemals zu besonderen Leistungen (bis auf das Dauerschwimmen, aber das fiel mir nach dem archimedischen Prinzip nicht schwer). Dagegen konnte ich in allen Sportarten sehr bald theoretisch mitsprechen und -schreiben, aus welchem Grunde ich seit meinem 15. Lebensjahre in Vereins- und Verbandsausschüssen ‚mein Licht leuchten lassen konnte‘.“
– So erzählte Simon Rosenberger über sich und seine bisherige Entwicklung als Sportler.

Simon Rosenberger war Pionier im deutschen Schiedsrichterwesen der Weimarer Republik. Er war ein Schiedsrichter aus Leib und Seele und setzte sich in den 1920er Jahren für die Popularität des Fußballspiels in Deutschland, gut ausgebildete Schiedsrichter und eine deutschland-weite einheitliche Regelauslegung ein.

Dies war in den 1920er Jahren ein großes Problem, denn nicht nur die vom DFB veröffentlichte Version der Spielregeln wich von den internationalen Regeln ab. Nein, auch die Auslegung der DFB-Regeln variierte von Landesverband zu Landesverband und auch von Schiedsrichter zu Schiedsrichter.

Als er mit 46 Jahren für viele überraschend starb, waren sich alle bekannten deutschen Fußballstars in ihren Nachrufen sicher, dass Simon Rosenberger immer in Erinnerung bleiben würde.

Doch dem war nicht so.

Damnatio Memoriae aus Missgunst und Niedertracht

„Herr Koppehel sieht bis heute noch nicht ein, dass es ein Fehler war, bei den Nazis mitgemacht zu haben.“
– Notiz der US-Besatzungs-Behörde im November 1947 nach Vernehmung von Carl Koppehel

Denn sowohl Koppehel als auch Rosenberger waren die Schiedsrichter-Fachmänner ihrer Zeit in Deutschland. Nur konnte Koppehel schwerlich jemanden neben sich ertragen, aber innerhalb der Schiedsrichter und teilweise innerhalb des DFB ein hohes Ansehen genoss. Dazu kam Koppehels sehr nationale Ideologie. Simon Rosenberger war dagegen sehr gut mit Walther Bensemann bekannt und lebte zuvor in der Münchner Boheme-Kultur des frühen 20. Jahrhunderts.

Gegen Simon Rosenberger agierte Carl Koppehel auch schon zu dessen Lebzeiten und war froh, als Rosenberger mit nur 46 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Der Grund für Koppehels Animositäten, Spitzen und offene Ablehnung von Rosenberger basierten auf Neid und Missgunst.

Carl Koppehel konnte Simon Rosenberger den Erfolg nicht gönnen und sann auf Genugtuung.

Simon Rosenberger verschwindet

Kaum war Rosenberger tot, bemühte sich Koppehel rasch, die DFB-Schiedsrichter-Zeitung mit seiner Deutschen Schiedsrichter-Zeitung zu vereinen. Denn nur eine Woche nach Rosenbergers Beerdigung war unter Dach und Fach, dass die DFB-Schiedsrichter-Zeitung und Koppehels Deutsche Schiedsrichter-Zeitung fusionieren und künftig beide von Carl Koppehel herausgegeben werden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Letztes Jahr ist in der DFB-SRZ schon ein Artikel von mir über Simon Rosenberger erschienen, aber noch ohne Koppehel-Verbindung, weil ich zu dieser Zeit noch nicht ausreichende Quellen hatte: Simon Rosenberger in der DFB-Schiedsrichter-Zeitung 06/2019. Siehe dazu auch meinen Artikel auf Nachspielzeiten.

Derzeit schreibe ich eine Biografie über Simon Rosenberger in deutscher Sprache, die bald erscheinen soll. Aktuell laufen die Vorbereitungen für das Lektorat. Ein Sneak Peek in das Buch (🇩🇪) ist hier möglich.

Carl Koppehel war während der NS-Zeit sowie von 1950-1958 der Leiter der DFB-Pressestelle und schrieb zudem regelmäßig historische Chroniken über den DFB und das Schiedsrichterwesen. In keinem wird Simon Rosenberger erwähnt. Ob Koppehel Genugtuung verspürte?

Ja, in der direkten Nachkriegszeit wurden nicht nur beim DFB ideologische NSDAP-Anhänger reingewaschen und vieles verheimlicht. Doch wäre es zu leicht, Koppehel als Kind seiner Zeit damit zu entschuldigen. Koppehel verteidigte auch nach dem 2. Weltkrieg das totalitäre System der Nazis und verwendete ihr LTI (die typischen nationalsozialistischen Sprachformen und Wörter). Koppehel war ein Technokrat, der sich dem Regime schnell anpasste, für ihn passende Prinzipen übernahm, das Wirken des DFB während der NS-Zeit beschönigte und seine eigene Geschichte ebenso.

Koppehel brannte für Fußball wie Rosenberger & Co. Seine Momente als Choleriker sind überliefert. Die NS-Zeit nutze ihm sehr, nachdem er schon zuvor die DFB-Schiedsrichter-Zeitung und das Buch „Der Schiedsrichter“ sich angeeignet hatte.

Simon Rosenberger war zwar Jude, aber offenbar nicht gläubig oder praktizierend. Es muss nicht Antisemitismus ausschlaggebend sein, dass Koppehel ihn aus der Geschichte des Fußballs tilgte, sondern vor allem persönliche Animositäten.

Rosenberger war kein aber Einzelfall und Koppehel betrieb nicht nur während der NS-Zeit, sondern auch danach Geschichtsklitterung und erwähnte insbesondere jüdischen Fußball in seinen Berichten und Büchern nicht mehr.

Walther Bensemann zum Tod Rosenbergers

Freund und Kollege Walther Bensemann schrieb im Kicker als Nachruf:

„Die Trauerkunde vom Hinscheiden unseres früheren Redakteurs, Simon Rosenberger, haben wir unseren Leser in der Ausgabe vom 8. September noch vermittelt. Mit Simon Rosenberger verlor unsre Bewegung, namentlich die Sache der Schiedsrichter, einen der fähigsten Köpfe. Der älteren Generation auf dem Rasen ein wohlbekannter Spielleiter, am Debattentisch ein freundlicher und guter Sportkamerad, war er den Jüngeren als der Herausgeber der DFB-Schiedsrichterzeitung auch kein Unbekannter mehr. Wer erinnert sich nicht des immer liebenswürdigen Mitarbeiters am Vorstandstisch unserer Verbandstage? Seine große Befähigung, als gewandter Stenograph verworrene Fäden der heißblütigsten Redner entwirren zu können, führte ihn auf den gewiß nicht leichten Posten eines Verbandstagsstenographen und gerade dieses Bild des immer Unermüdlichen wird wohl nachhaltender als alle anderen in unserem Gedächtnis haften bleiben – es war das letzte. Wir schulden dem guten Rosenberger einiges. Hatte er sich doch gänzlich dem Sport verschrieben, hatte mitgeholfen an dessen Ausbau und teilgenommen an der Freude des Gelingens. Wir schulden ihm mehr als ein gutes Gedächtnis! Simon Rosenberger starb in bitterer Not, als einer der vielen Enttäuschten von der traurigen Gegenwart. Zwei Kinder beweinen ihren dahingegangenen, sorgenden Vater, eine Gattin, stets bestrebt ihrem Mann des Lebens Bürde erleichtern, steht vor dem Nichts. Sollten wir nicht alle die wir den guten Simerl lange gekannt und geschätzt haben, ein wenig daran mithelfen, eine kleine Dankesschuld an der richtigen Stelle abzutragen?“

Remind Simon Rosenberger

Der Nachruf ist wie eine letzte, seufzende Verbegung und zeugt deutlich von der Wertschätzung, die Bensemann Rosenberger zeit dessen Lebens und danach entgegenbrachte. Er zeugt aber auch von Rosenbergers wirtschaftlichen und finanziellen Problemen, eine Folge der Weltwirtschaftskrise.

Mein Ziel ist es, an Simon Rosenberger zu erinnern und ihn (wieder) so bekannt zu machen, wie seine Zeitgenoss*innen es vorausgesagt haben. Dabei geht es mir nicht nur um die Erinnerung bei seinen Arbeitgebern, dem Kicker und dem DFB, oder bei allen Schiedsrichter*innen, sondern bei allen, die für den Fußball leben. So, wie er es tat.

Geben wir ihm die Anerkennung und Erinnerung, die ihm gebührt.