Sport als Gottes-Dienst

Sport als Gottes-Dienst

Das Stadion oder die Halle als heilige Stätte, Pokale, Sportutensilien wie Fußbälle und Trikots als heilige Gegenstände, die immerwährende Hoffnung, das Unerreichbare zu schaffen, das Nutzen neuer Chance, Fehler wiedergutzumachen und so Buße zu tun, der Aberglaube, immer das gleiche Trikot zu tragen oder immer an der gleichen Stelle zu sein … Sportarten haben einiges mit Glaube und Religion zu tun. Die populärste unter ihnen, das Fußballspiel, kann am einfachsten bisherige Ungläubige überzeugen und gläubig machen.
Aber darum soll es in diesem Beitrag gar nicht gehen, sondern vielmehr um muscular Christanity – um das Muskelchristentum.

Gleich zu Beginn zwei Anmerkungen:

1) Ich finde den Begriff Muskelchristentum ganz fürchterlich und schreibe daher immer von muscular Christianity.

2) Das muscular Christanity versuchte, die Kirche männlicher zu machen und meinte damit Stärke, Mut, Kraft, Potenz. Die Kirche und der Gottesdienst erschienen ihnen als allzu verweichlicht – und meinen damit gleichsam auch verweiblicht. Das war für sie der Grund, weshalb immer mehr Jungen und Männer nicht mehr gläubig waren. Der Beitrag bewegt sich also in dem Denkmuster chauvinistischer Ideale, die derzeit Gott sei Dank wieder etwas zu bröckeln beginnen. Es ist die Darstellung einer Ideologie, die gut 150 Jahre alt ist und die ich hier nicht vorstelle, weil ich sie ach so toll finde, sondern weil sie teils so groteske Züge aufweist. So teils abstruse Züge, dass alle, mit denen ich bislang darüber gesprochen und geschrieben habe, nur ungläubig (haha!) und ab und an schmunzelnd die Hand an den Kopf gehalten habe. Und die möchte ich euch nicht vorenthalten, sofern ihr noch nichts davon wisst.

Wir befinden um im England des 19. Jahrhunderts. Es ging, wie ich eben schon anriss, den muscular Christians um die Steigerung der Attraktivität der Kirche für männliche Personen. Und zwar durch ein gesundes, sportliches, Gott zugewandtes Leben. Bislang lehnte die Kirche ab, dass Spiritualität und körperbetonte Kraft vereinbar wäre – und das blieb größtenteils auch noch bis in die 1880er Jahre so. Sport galt für sie als frevelhaft, frivole Ablenkung von Glauben, der nur zu Lastern führt. Im Gegenteil dazu die muscular Christians: Eine Religion, die das körperbetonte Leben ignoriert, verweichlicht unweigerlich, verliert so ihre Schaffenskraft und den Einfluss auf die Menschen und ihren Alltag. Und sie hatten Erfolg mit ihrer Ideologie, sodass die meisten Gegner der muscular Christianity ihre Haltung änderten. Wie viele wirklich ihre Meinung änderten und wie viele aus reinem Selbstinteresse nun anders handelten, vermag ich nicht zu sagen. Selbst wenn es reines Selbstinteresse war, die handelten aus ihrer Sicht nur zur Ehre des Christentums gegen ihre eigene Überzeugung, um wieder mehr Jungen und Männer an die Kirchengemeinde zu binden.

Der Ursprung des muscular Christianity

Thomas Arnold war Schulleiter der Privatschule von Rugby, England. Über seine Vorstellungen, Mannschaftssportarten wie Fußball bzw. Rugby oder Cricket zu reglementieren, um die Schüler vom beliebten Sich-Prügeln abzuhalten, habe ich schon mal geschrieben. Der reglementierte Mannschaftssport sollte die Schüler einerseits Disziplin und Gemeinschaftssinn lehren und sie natürlich auch auspowern. Was ich dort nicht erwähnt habe: Thomas Arnold war anglikanischer Theologe. Er verwendete den Begriff muscular Christianity nicht, aber er war einer der Väter im Geiste. Wenn nicht sogar der Vater der Ideologie.
Muscular Christianity wurde erstmals in einer anonym im Dezember 1852 veröffentlichten Rezension in The Eclectic Review verwendet. Thomas Arnold war zu diesem Zeitpunkt schon zehn Jahre verstorben. Die Rezension („Pastoral Theology. Power in the Pulpit“) behandelte die Vorlesung „Pastoral Theology. The Theory of a Gospel Ministry“ des Theologen Alexandre Vinet. 1)Vgl. The Eclectic Review 4 (1852). S. 745-766. Der Begriff muscular Christianity wird auf S. 766 erwähnt (URL: https://books.google.de/books?id=DXg3AAAAYAAJ&pg=PA766, letzter Zugriff: 18.02.2018.) „Es ist nicht einfach, festzustellen, wie viel unsere Prediger von dieser Energie in der Kanzel haben; aber wir würden jedem von ihnen respektvoll raten, es ‚ernsthaft‘ als eines der ‚besten Geschenke‘ zu ‚begehren‘. Unter den arbeitenden Menschen Englands wird der moderne Prediger einige strenge Prinzipien, starke Vorurteile, prägnante Sprüche, große Handlungsfähigkeiten, einige schöne Exemplare des muscular Christianity und hin und wieder einen kühnen Bösewicht finden, der sein Wissen, seinen Einfallsreichtum und seine Selbstbeherrschung nützlichen Tests unterzieht.“. – „It is not easy to judge how much our preachers have of this element of Pulpit Power; but we would respectfully advise each of the to ‚covet‘ it ‚earnestly‘ as one of the ‚best gifts‘. Among the working people of England, the modern preacher will find some stern principles, stout prejudices, pithy sayings, large capacities of action, some fine specimens of muscular Christianity, and, now and then, a bold bad man, who will put his knowledge, ingenuity, and self-control to beneficial tests.„).. Auf diese Rezension reagierte Charles Kingsley und nannte diesen Begriff peinlich, wenn nicht gar beleidigend („painful, if not offensive, term„)2)Zit. nach: Cavenagh, F. A.: Herbert Spencer on Education. Cambridge 1932. S. 224.. Dennoch verwendete er den Begriff ein paar Jahre später bei jeder Gelegenheit, die sich bot.
Charley Kingsley war Schriftsteller. Er und sein Kollege Thomas Hughes, ein ehemaliger Schüler Arnolds in Rugby schufen für ihre Werken Westward Ho! (Kingsley, 1856) und Tom Brown’s School Days (Hughes, 1857) Protagonisten, die das muscular Christianity verkörperten. Junge Männer, die es schafften, Tugend und Moral von christlichen Gentlemen mit maskuliner Athletik, Kameradschaft und Ehre zu kombinieren. Auf Tom Brown’s School Days, in denen Hughes stark autobiografisch von seiner Jugend berichtete, folgten weitere Bände, die mehr und mehr ein Erfolg wurden.
Spätestens ab den 1880er Jahren war die Lebensweise der muscular Christians ein Trend des kulturellen Lebens in England, USA, Kanada und nach und nach auch auf dem europäischen Kontinent. Dabei war diese Entwicklung zu Beginn nicht überregional organisiert oder von einer Person geleitet. Sie traf einfach den Nerv der Zeit.

Worauf beriefen sich muscular Christians?

Die Denkweise der muscular Christians gründete zum einen auf drei Bibelstellen: 1 Kor 6,19-20, 1 Kor 9,24-25 und 2 Tim 4,7. Alles wurde von Paulus von Tarsos verfasst, nämlich die Briefe an die Christen in Korinth und an Timotheus, den Paulus auf seiner Reise in der heutigen Türkei kennenlernte und der ihn fortan begleitete. Naja gut, ganz so einfach ist es nicht, denn die beiden Briefe an Timotheus sollen von Paulus verfasst worden sein, aber ob sie es wirklich sind, ist umstritten. Entweder wurden sie von einem von Paulus‘ Anhänger*innen nach dessen Tod verfasst oder von einem nach Paulus‘ Tod überarbeitet. Das ist für uns aber erstmal belanglos.

1 Kor 6,19-203)Diese und die folgenden Bibelstellen sind entnommen aus der Luther-Bibel von 1912 und der Webster Revision Bible von 1833.
Oder wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, welchen ihr habt von Gott, und seid nicht euer selbst. / Denn ihr seid teuer erkauft; darum so preist Gott an eurem Leibe und in eurem Geiste, welche sind Gottes.
What, know ye not that your body is the temple of the Holy Spirit [which is] in you, which ye have from God, and ye are not your own? / For ye are bought with a price: therefore glorify God in your body, and in your spirit, which are God’s.

1 Kor 9,24-25
Wisset ihr nicht, daß die, so in den Schranken laufen, die laufen alle, aber einer erlangt das Kleinod? Laufet nun also, daß ihr es ergreifet! / Ein jeglicher aber, der da kämpft, enthält sich alles Dinges; jene also, daß sie eine vergängliche Krone empfangen, wir aber eine unvergängliche.
Know ye not that they which run in a race run all, but one receiveth the prize? So run, that ye may obtain. / And every man that striveth for the mastery is temperate in all things. Now they do it to obtain a corruptible crown; but we an incorruptible.

2 Tim 4,7
Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten.
I have fought a good fight, I have finished [my] course, I have kept the faith.

Diese Bibelstellen erwähnen zwar „Leib“, „laufen“ und „Kampf“, aber sie sind völlig aus dem Kontext gerissen. Hier geht es nicht um psychische Stärke, nicht um die Befürwortung von Sport und Kraftübungen. Sie sind als Beweis völlig unbrauchbar, aber daran störte sich offenbar niemand.4)Die erste Verknüpfung von physischer Stärke und christlicher Moral datiert von 1762 und stammt von Rosseau in dessen pädagogischem Hauptwerk Émile oder Über die Erziehung (Émile ou De l’éducation). Ob es Thomas Arnold gelesen hatte?

Muscular Christians beriefen sich aber nicht nur auf die drei Bibelstellen, sondern auch auf Jesus Christus. Denn Jesus‘ Beständigkeit, zahllose Menschen zu heilen, war für sie der Beweis dafür, wie wichtig es ist, einen gesunden, heilen Körper zu haben und vor allem Ausdauer zu besitzen. Jesus muss nach ihrem Verständnis sehr auf seinen Körper geachtet haben und auch mindestens sportliche Übungen betrieben haben, um so viel Gutes vollbringen zu können.

Leitideen der muscular Christians

Um wie Jesus einen Dienst für Gott leisten zu können, braucht es für muscular Christians sportliche Übungen aus zweierlei Gründe: Um die Gesundheit von Männern zu verbessern und ihren Glauben neu zu begründen oder zu stärken.

Warum? Nun:

1. Muskulöse Körper haben mehr Ausdauer und können daher mehr Gutes vollbringen

Es ging muscular Christians nicht darum, mit Sportlichkeit und Kraft Gottes besonderen Gefallen zu erlangen und Auserwählter zu sein. Für sie war es die Grundlage, um, wie bereits erwähnt, körperlich gesund zu sein und so dauerhaft und möglichst viel Gutes zu tun. Nur so sei eine aktive christliche Nachfolge von Jesus möglich. US-Präsident Theodore Roosevelt (1858-1919) wurde in einem Haushalt groß, in dem muscular Christianity Usus war. Physische Stärke und aktive Nachfolge in den christlichen Idealen, keine Feigheit und Schwäche, waren ihm sowohl im persönlichen Leben wie auch in der Politik unabdingbar.

2. Die Kirche muss muskulöser werden

Mit „Kirche“ sind hier nicht nur die Geistlichen gemeint, sondern auch die Predigten, die Lieder und die bildhaften Darstellungen in Gemälden, Skulpturen, Glasfenstern und so weiter. Die Predigten sollten sich um sportliche Betätigung und ihre positiven Folgen für die männliche Gesundheit drehen, die Lieder, die als zu melancholisch und wehleidig bezeichnet wurden, sollten von Mut, triumphierendem Glauben, Charakter, Brüderlichkeit, christlichem Patriotismus und Missionierung und Dienst an der Kirche handeln. Bei den Darstellungen sollte insbesondere Jesus verändert werden, der ihnen nicht muskulös (muscular), sondern für sie schwach und verweichlicht abgebildet war, und die Geistlichen sollten mit gutem Beispiel vorangehen und Sport treiben. Oder, noch besser, wie Rev. A. O. Jay, der 1894 einen Boxclub im ärmsten Viertel im Londoner East End gründete, für die Athletik der Männer in der Gemeinde sorgen.

Auch Fußballvereine wurden von Kirchen gegründet: Everton FC, Fulham FC, Southampton FC, Manchester City und Celtic FC, um den Gemeindemitgliedern sportliche Aktivitäten anzubieten und so „Verweichlichung“ und auch allzu großer Gewalt entgegenzuwirken. Everton FC wurde 1879 von Rev. Ben Chambers von der St. Domingo’s Methodist Church gegründet, Fulham FC im gleichen Jahr als St. Andrew’s Church Sunday School FC. 1880 wurde die Fußballabteilung des bisherigen Cricketclubs St. Mark’s Church of England, West Gorton in Manchester gegründet, das sich 1887 in Ardwick AFC und 1894 in Manchester City umbenannte. Von katholischen Kirchen wurden Southampton FC und Celtic FC gegründet, nämlich Southampton FC als St. Mary’s Church (1885) und Celtic FC durch die St. Mary’s Church Hall in Carlton (1887). Die Annahme, dass Liverpool FC durch die Kirche gegründet worden sei, ist jedoch falsch, denn Gründer war John Houlding.

3. Mens sano in corpore sano

Kampfstärke führt zu moralischer Stärke und gutem Charakter und umgekehrt, denn Willensstärke und Disziplin machen es möglich, sich immer wieder zu überwinden, um immer stärker und sportlicher zu werden. Das erinnert mich sehr an Tobias Eschers „Niederlagen wurden mit mangelnder Kampfstärke erklärt, Siege mit dem Willen der Spieler.“5)Escher, Tobias. Vom Libero zur Doppelsechs. Eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs. Hamburg 2016. S. 14., womit der er die Zeit vor dem breiten Interesse an Fußballtaktik beschrieb.

4. Sport führt zum Glauben

Durch muscular Christianity sollten auch männliche Personen davon überzeugt werden, wieder zu aktiven Kirchgängern bzw. überhaupt gläubig zu werden. So wie Geist und Körper verbunden sind, so soll es auch mit Sport und Glaube sein: So wie ein Glaubender auch athletisch sein sollte, um die aktive christliche Nachfolge bestmöglich auszuüben, so kann ein Sportler als Glaubender zu seinen sportlichen Erfolgen auch moralische Erfolge feiern, wenn er sich in die aktuelle Nachfolge begibt. So versuchten muscular Christians insbesondere Sportler, die nicht oder nicht mehr zu den Glaubenden gehörten, (zurück) zur Kirche zu bringen, indem sie mit den sportlichen Angeboten und Vorbildern warben.

5. Aufopferung

Opferdasein war nur in einer Form nicht als Schwäche verpönt, nämlich im Aufopfern für andere Personen der eigenen Gruppe. Aufopferung war Zeichen von perfektem Willen. Auch Gewalt war nicht nur entsetzlich. Manchmal müsse man Gewalt anwenden, um etwas zu einem für muscular Christians guten und christlich sinnvollem Ende zu bringen. Als Beispiel zogen sie wieder Jesus heran: Auch er hatte die Kraft, alles zu zerstören, aber er hielt seine Kraft unter Kontrolle und nur zur Bestrafung „der Bösen“ sie zu benutzen – und entschied sich am Ende dazu, sein Leib für die Menschen zu geben.
Über diesen Gedankengang kam man schnell zu Krieg – die Bösen aus guter Gesinnung besiegen (wann zettelt man mal gegen die eigene Überzeugung Krieg an?) und die Aufopferung für die Gruppe (Kameraden), also Stärke/Gewalt, Männlichkeit, Konformität… So war Gewaltanwendung bis zum Krieg für muscular Christians nicht von vorneherein zu verurteilen, wenn sie doch dazu führt, dass mehr Menschen zum Christentum finden.

6. Missionierungsgedanke

Als das muscular Christianity ab den 1880er Jahren eine breite Bewegung in England und auch anderen Ländern (allen voran Kanada und den USA) wurde, begann parallel dazu der Imperialismus. Imperialismus war Zeitgeist. Missionierung war Zeitgeist. „Wenn ich frage, was unser muscular Christianity getan hat, deuten wir auf das British Empire.“ („If I asked what our muscular Christianity has done, we point to the British Empire.„)6)Cotton Minchin, J. G.: Our Public School. Their Influence on English History. (1901). Whitefish, MT, 2010. S. 13.
Die Überheblichkeit, andere vermeintlich unzivilisierte Gruppen den eigenen kulturellen und religiösen Stempel aufzusetzen, war modern. Wie im vorherigen Punkt schon geschrieben: Es war für muscular Christians nicht unbedingt verwerflich, andere zum Christentum zu bewegen, denn sie dachten, sie würden die Bedingungen von anderen Ländern damit wesentlich bessern. Solange Missionierung reine Hilfe und Unterstützung bedeutet, ist das im Sinne christlicher Nachfolge, aber nicht, wenn dazu auch Gewalt und Druck benutzt wird.

7. Gegen Masturbation und Prostitution

Als ich von diesem Aspekt las, wollte ich zunächst clickbaiting-like den Beitrag „Fußball gegen Masturbieren“ titeln, aber das war mir dann noch zu klickheischend.
Sport und athletische Übungen soll überzivilisierten (overcivilized) Männer, also Männern, die masturbieren, Prostitution nutzen oder homosexuell sind, ihre Maskulinität wieder zu entdecken. Das klingt im ersten Moment heute sehr paradox, war es aber nicht in der viktorianischen Gesellschaft. In dieser war man überzeugt, dass Grund für Homosexualität, florierender Prostitution und auch Syphilis allein die Masturbation war.
Im Beitrag über die Entwicklung der Regelwerke aber ich den Uppinghamer Lehrer John Charles Thring erwähnt, der 1862 ein Fußballregelwerk unter dem Namen The Simplest Game veröffentlichte. Ein Flugblatt mit zehn einfachen Grundsätzen für Assoziationsfußball, das rund um Parker’s Piece, den Sportplatz von Cambridge, verteilt und aufgehängt wurde. John Charles älterer Bruder und Edward war Schulleiter. Während seiner Amtszeit entwickelte sich Uppingham School zu einer der angesehensten Privatschulen des Englands des 19. Jahrhunderts, da er insbesondere auf die körperliche Ertüchtigung seiner Schüler in der schuleigenen Sporthalle setzte und Land für Sportplätze kaufte. Denn Rev. Edward sagte als muscular Christian der Masturbation den Kampf an. Wie die meisten Privatschulen war auch Uppingham ein Internat, in dem die meisten Schüler auch nach der Schule lebten und schliefen. Edward ließ sie sich bespitzeln und Selbstmissbrauch (self-abuse), wie er Masturbation bezeichnete, hatte unweigerlich den Schulverweis und eine gewisse gesellschaftliche Ächtung zur Folge. Nun wollte der Schulleiter aber auch nicht, dass Uppingham als Schule mit den meisten bekannt gewordenen Masturbationsfällen eines Tages in der Zeitung steht. Das hätte sicher dem sozialen Ansehen des Internats geschädigt. Deswegen ließ er die Schüler sehr viel Sport machen. Denn Sport macht müde und lässt die Schüler dann schnell einschlafen. Problem erkannt, Problem gebannt, dachte er sich wohl. Zahlen und interne Berichte kenne ich keine, aber da die Schule im gesellschaftlichen Ansehen der englischen Oberschichten anstieg, dürfte er seine Maßnahmen als Erfolg verbucht haben. Inwiefern er damit wirklich in seinem Sinne Erfolg hatte, ist mir unbekannt.7)Ausführlicher hierzu ist Charlotta Buxtons Beitrag Why the Englisch invented football? To stop their men from touching themselves. URL: http://www.londonlotta.com/tag/how-football-was-invented/, letzter Zugriff: 18.02.2018.

8. Pädagogische Zwecke

Die eingangs bei Thomas Arnold genannten Aspekte: Weniger Prügeleien unter den Schülern durch Mannschaftssportarten, die Kooperation, Disziplin, Selbstvertrauen, Belohnung durch Erfolg, Ehre und weitere gut moralische Werte, also Tugenden zu lehren.

9. Passte gut zu Gentleman-Kodex

Kurzum: Für die muscular Christians war es völlig okay, ein guter christlicher Gentleman und ein Rowdy zu sein, denn manchmal braucht man Gewalt für den Zweck – und sei es den Zweck der Ehre. Muscular Christianity und Gentleman-Ideale – das passte wie die Faust aufs Auge zusammen und beflügelte sich gegenseitig. Strafen wurden so unnötig, im Leben wie im Spiel. Sowohl muscular Christians als auch Gentleman (häufig in Personalunion) lehnten beispielsweise unparteiische Schiedsrichter ab: Gott bzw. die Ehre ist ja mit einem und daher kann nichts Unrechtes geschehen. Aus dem gleichen Grund lehnten beide Gruppen es auch ab, für die Ausübung von Sport entlohnt zu werden. Lohn ist die Ehre bzw. ein gottgerechtes Leben.

Im 20. Jahrhundert

Die Ideologie des muscular Christianity gibt es bis heute. Zwischenzeitlich gab es natürlich weitere, andere Ideologien und Bewegungen, die in manchen Regionen die Popularität des muscular Christianity etwas bis stark zurückgedrängt haben. Das beste Beispiel hierfür ist der YMCA, in Deutschland auch CVJM genannt. YMCA steht für Young Men’s Christian Association, CVJM für Christlicher Verband Junger Menschen (bis in die 1970er Jahre stand das M für Männer).
In Deutschland kam es um 1900 und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu weiteren Gründungen von christlichen Jugendbünden, in denen Sport und Bewegung ein wichtiges Element der gemeinsamen Unternehmungen war, zum Beispiel der Jugendbund Neudeutschland (1919 gegründet). Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, während des Lagerlebens und der Märsche den Charakter junger Männer zu Disziplin, Gemeinschaftssinn, Loyalität und Männlichkeit zu verändern (aus ihrer Sichtweise: zu verbessern).
Der YMCA wurde 1844 in London als Sozialisierungsort für Zugezogene in Städten. Sie boten Bibelkreise, Bibliotheken und komfortable Studierzimmer, in der man christliche Literatur lesen und damit arbeiten konnte und übernahm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Ideale des muscular Christianity. So bot der YMCA nun nicht nur Studierzimmer zur geistlichen Erbauung, sondern auch Mannschaftssportarten und kampfbetonte Einzelsportarten wie Boxen für ihre Mitglieder an. Billy Sunday war ein Profibaseballer, der zum Christentum konvertierte. Nach seiner Profikarriere wurde er zunächst ein YMCA-Secretary und dann ein in YMCA-Kreisen weltberühmter um die Welt reisender Prediger für YMCA und damit für das muscular Christianity.

 

Auswahl an online verfügbaren Quellen

Weiterführende Literatur

  • Ladd, Tony/Mathisen, James A.: Muscular Christianity. Evangelical Protestants and the Development of American Sport. Ada, MI, 1999.
  • Moore, Kevin u.a.: Routledge Handbook of Football Studies. London 2016.
  • Hal, Donald: Muscular Christianity. Embodying the Victorian Age. Cambridge 1994.
  • Vance, Norman: The Sinews of the Spirit. The Ideal of Christian Manliness in Victorian Literature and Religious Thoughts. Cambridge 1985.
  • Putney, Clifford: Muscular christianity. In: Michael Kimmel/Amy Aronson (Hgg.): Men and Masculinities. A social cultural, and historical encyclopedia. Band 1: A-J. Santa Barbara, CA, 2004. S. 557-558.
Cite this article as: Petra: Sport als Gottes-Dienst. In: Nachspielzeiten, 18. Februar 2018. URL: https://nachspielzeiten.de/sport-als-gottes-dienst/ (zuletzt aufgerufen: 17. Juli 2018).

Fußnoten   [ + ]

1. Vgl. The Eclectic Review 4 (1852). S. 745-766. Der Begriff muscular Christianity wird auf S. 766 erwähnt (URL: https://books.google.de/books?id=DXg3AAAAYAAJ&pg=PA766, letzter Zugriff: 18.02.2018.) „Es ist nicht einfach, festzustellen, wie viel unsere Prediger von dieser Energie in der Kanzel haben; aber wir würden jedem von ihnen respektvoll raten, es ‚ernsthaft‘ als eines der ‚besten Geschenke‘ zu ‚begehren‘. Unter den arbeitenden Menschen Englands wird der moderne Prediger einige strenge Prinzipien, starke Vorurteile, prägnante Sprüche, große Handlungsfähigkeiten, einige schöne Exemplare des muscular Christianity und hin und wieder einen kühnen Bösewicht finden, der sein Wissen, seinen Einfallsreichtum und seine Selbstbeherrschung nützlichen Tests unterzieht.“. – „It is not easy to judge how much our preachers have of this element of Pulpit Power; but we would respectfully advise each of the to ‚covet‘ it ‚earnestly‘ as one of the ‚best gifts‘. Among the working people of England, the modern preacher will find some stern principles, stout prejudices, pithy sayings, large capacities of action, some fine specimens of muscular Christianity, and, now and then, a bold bad man, who will put his knowledge, ingenuity, and self-control to beneficial tests.„).
2. Zit. nach: Cavenagh, F. A.: Herbert Spencer on Education. Cambridge 1932. S. 224.
3. Diese und die folgenden Bibelstellen sind entnommen aus der Luther-Bibel von 1912 und der Webster Revision Bible von 1833.
4. Die erste Verknüpfung von physischer Stärke und christlicher Moral datiert von 1762 und stammt von Rosseau in dessen pädagogischem Hauptwerk Émile oder Über die Erziehung (Émile ou De l’éducation). Ob es Thomas Arnold gelesen hatte?
5. Escher, Tobias. Vom Libero zur Doppelsechs. Eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs. Hamburg 2016. S. 14.
6. Cotton Minchin, J. G.: Our Public School. Their Influence on English History. (1901). Whitefish, MT, 2010. S. 13.
7. Ausführlicher hierzu ist Charlotta Buxtons Beitrag Why the Englisch invented football? To stop their men from touching themselves. URL: http://www.londonlotta.com/tag/how-football-was-invented/, letzter Zugriff: 18.02.2018.

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