Häufig fragte ich mich, wie früher im Profi- und Amateurbereich trainiert wurde. Wobei ich mit früher die Zeit vor 1914 meine. Ich habe lange Zeit dazu nichts gefunden, wurde nun aber in zwei zeitgenössischen Büchern fündig. Sowohl, was das Training anging als auch den Grund, weshalb ich lange nichts fand: Es gab kein Training, das den heutigen Terminus erlaubt.

Dabei ist die Idee des Trainierens keine des 19. Jahrhunderts. Richard Mulcaster (1561) empfahl, dieses Spiel für „rohe Massen“ durch einen „training master“ eine Person, die „jugde over the parties and hath authroritie to commaunce“, zu kontrollieren 1)Zit. n. M. Marples: A History of Football. London 1954. S. 66-67..

Montague Shearman erwähnt zwar (1887), dass es eine Vielzahl von Büchern über Trainingübungen gibt und meint damit vor allem den Leichtathletikbereich, doch Training meinte zu dieser Zeit immer vorrangig die Ess- und Trinkgewohnheiten der Sportler, selten Bewegung.

Going into training

„Going into training“ meinte 1863 wie auch 1887, dass man seine Ess- und Trinkgewohnheiten zu einem für einen Sportler vermeintlich gesunden Maß reduzierte – aus heutiger Sicht eine ziemlich Katastrophendiät. 1863 bestand es vor allem aus (ausschließlich) Rindfleisch, altem Brot und einer sehr geringen Flüssigkeitszufuhr. Es bestand also grob gesagt aus Fleischessen, Entschlacken, aber auch etwas Bewegung, d.h. Schwitzen. Shearman gibt an, dass der heftige Widerstand und Vorurteile gegen Sportarten nicht auf die Sportart, sondern den rigiden Essensplan zurückzuführen war.

Die Feinde des Sportlers

Die Feinde des Sportlers, so Shearman 1887, waren

  • der überhöhte Flüssigkeitskonsum (über 1,5 Liter pro Tag), insbesondere durch Alkohol,
  • der überhöhte Nahrungskonsum, da insbesondere Sportler aus niedrigeren Schichten erstmals drei Mahlzeiten am Tag zu sich nehmen mussten und hemmungslos zuschlugen
  • zu langes Schlafen (maximal sieben Stunden)
  • Rauchen, sei es Pfeife, Zigarre oder, gerade recht neu auf dem Markt, Zigaretten.

Diätplan

Gab es 1863 noch eine sehr rigide Diät in Essen und Trinken, wisse man mittlerweile (1887), dass sich die Flüssigkeitsmenge und das ausgewählte Essen von Sportler zu Sportler leicht unterscheidet, so Shearman. Dennoch gibt er in seiner Schrift feste Vorgaben für Trainingstage:

  • Frühstück: Koteletts oder Steaks und Eier, dazu „couple cups of tea“.
  • Mittagessen: Rindfleisch oder Hammelfleisch mit Brunnenkresse und Gemüse, dazu ein halbes pint.
  • Abendessen: Rindfleisch oder Hammelfleisch mit gedünsteten Früchten oder Rhabarber, und Blancmange (eine puddingartige Mandelsüßspeise) oder Milchreis, dazu ein pint.
  • Vor dem Zubettgehen noch eins, zwei Gläser Wein oder Portwein, die zwar nicht für das Training hilfreich sind, aber einen tiefen Schlaf versprechen.

Ein pint entspricht gerundet 568, 26 ml. Berechnet man für die „couple of tea“ einen pint, d.h. vier Tassen, betrug die empfohlene Wasserzufuhr für Sportler an Trainingstagen – ohne den Alkohol spätabends – sollte also ca. 1,42 Liter betragen. Und das muss mehr gewesen sein, als 1863 empfohlen wurde.

Fitnesstraining ist ungentlemanly …

Übrigens geht auch John Cameron in seiner Schrift über Fußball von 1908 auf das Training ein. Man merkt deutlich, dass er den Amateurfußball dem Profifußball vorzog, denn er gibt immer noch die gleichen Anweisungen, die Anfang der 1860er Jahre das Training charakterisierten, nicht die Reformen, die Shearman bereits 30 Jahre vor Camerons Schrift veröffentlichte:

  • Nahrung besteht aus Fleisch und trockenem Brot, dazu möglichst wenig Flüssigkeit.
  • Bewegung brauche nach Cameron ein normaler Fußballer nicht, maximal nach der Sommerpause. Macht er es während der Saison, schien es, als ginge es dem Sportler nicht um den Spaß am Spiel, sondern einen Sieg um jeden Preis – konträr zum Amateurideal.
  • Zum Fitwerden nach der Sommerpause empfahl Cameron, den Weg zur und von der Arbeit zu Fuß zu gehen oder abends noch ein paar Sprints von wenigen Metern zu machen. Jeder, der einen Bürojob ausübte, sollte zudem ein heißes Morgenbad nehmen.

… dennoch wichtig

Shearman empfahl dagegen, bereits vor dem Frühstück sich zu bewegen, jeder das, was er möchte bzw. um seine Defizite zu verbessern: Abrupte Bewegungsübungen, ein Spaziergang von eins, zwei Meilen (1,6-3,2 km) oder ein kurzer Lauf einer Viertelmeile (402 m).

Körperpflege und Kleidung

Und zum Schluss noch Camerons Empfehlungen zur Fußpflege und Kleidungsfrage: Er riet, die Füße in Alaun und Wasser einzuweichen und eine weiche Waschledersocke als Mittel gegen Blasenbildung zu tragen, da Füße das Hauptkapital eines Sportlers seien. Die Schuhe sollten eng anliegen, aber nicht drücken. Die Oberbekleidung sollte aus Jersey sein, die Hose eine Kniebundhose oder Unterhose aus Seide, Merinowolle oder dünnem Flanell.

 

Verwendete Quellen und Literatur

  • Shearman, Montague: Athletics and football. London 1887.
  • Cameron, John: Association Football and How to play it. London [1908].
  • Mason, Tony: Großbritannien. In: Christiane Eisenberg (Hg.): Fußball, soccer, calcio. Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt. München 1997. S. 22-40.
  • Garnham, Neal: Professionals and professionalism in pre-great war Irish Soccer. In: Journal Sport History 29 (2002). S. 77-93.
  • Eisenberg, Christiane: „English Sports“ und deutsche Bürger: eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939. Paderborn 1999.
  • Birley, Derek: Land of sport and glory. Sport and British society 1887-1910 (= International studies in the history of sport). Manchester/New York 1995.
  • Veitch, Collin: Play up! Play up! and Wind the War!“. Football, the nation and the First World War 1914-15. In: Journal of Comtemporary History 20 (1985). S. 363-378, hier S. 366. Zit. nach: Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002. S. 26.
  • Ireland’s Saturday Night, 27 August 1898, 9 August 1902; Normad’s Weekly, 10 October 1908, 17 April 1909; Ideas, 25 October 1913. Zit. nach: Garnham, Neal: Professionals and professionalism in pre-great war Irish Soccer. In: Journal Sport History 29 (2002). S. 77-93, hier S. 85.
  • Robertson, John Tait: Advice to the budding left half. In: NN (Hg.): Football Described by Giants of the Game. London/Dundee 1904. S. 17-18.
  • Woeltz, Richard: Sport, Culture, and Society in Late Imperial and Weimar Germany. Some Suggestions for Future Research. In: Journal of Sport History 4 (1977). S. 295-315.

Fotocredits: Unbekannt, entnommen aus: John Cameron: Association Football and How to play it. London [1908]. This is a retouched picture, which means that it has been digitally altered from its original version. Modifications: extracted, cropped, and colour adjusted. The original can be viewed here: Association Football and How to Play It (1908) by John Cameron.djvu. Modifications made by AdamBMorgan.

Fußnoten   [ + ]

1. Zit. n. M. Marples: A History of Football. London 1954. S. 66-67.