Über Verletzungen beim Fußball um 1900

Über Verletzungen beim Fußball um 1900

Das Bild, das Fußballskeptiker und -gegner Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland formten, vermischte die medizinische Sorge, der menschliche Körper sei einer so langen ausdauernden Anstrengung nicht gewachsen, mit der nationalen Ideologie von Turnern und vermischte Statistiken über Verletzungen bei Fußball, Rugby und American Football. 1893 titelte die Westminster Gazette in bedrohlichen Worten, dass das Fußballspiel „71 blühende Jünglinge dahingerafft“ habe.

Fußball belastet das Herz und die Lunge zu enorm. Und wenn das nicht zum Tode führt, dann doch die gewalttätige Spielweise, die regelmäßig Knochen bersten lässt. Und dazu noch diese unnatürliche, nach vorne gebeugte Haltung, die so gar nicht deutsch ist. – So die Gegner des Fußballspiels wie auch anderen Sportarten.

Die Befürworter von den Sportarten, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Deutschland kamen, ließen sich solche Anschuldigungen natürlich nicht lange auf sich sitzen und widerlegten die Anschuldigungen. Immer wieder finden sich in den Sportzeitungen und im Fußball-Jahrbüchern des DFB vor dem ersten Weltkrieg Rechtfertigungen, warum Fußball nicht derart gewalttätig sei wie dargestellt, sondern sogar Vorteile hätte.

Todesfälle gab es übrigens weder 1912 noch 1893 im Berliner Verband „Deutscher Fussball- und Cricketbund“. Letzterer gibt für 1893 an, dass die gibt an, die Todesfälle seien meist Kinder, die in Röhren und auf Dächern festhängende Fußbälle zu holen versuchten und dabei verunglückten.1)Grampp, M.: Ist das Fussballspiel gefährlich? In: Spiel und Sport 3 (1893), 03.06.1893, S. 9-10. Auch Verletzungen, die auf Dauer die Spieler erwerbsunfähig machten, gab es in diesen beiden Jahren keine. Dennoch gab es Todesfälle und erlittene Erwerbsunfähigkeit tatsächlich im Fußball, wenn auch äußert selten.

Im Folgenden will ich Karl Planck, Professor und Turnlehrer am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium Stuttgart, mit seiner polemische Schrift „Fußlümmelei“ (hier online und downlodbar) und die Statistik über Verletzungen bei Spielen von DFB-Mitgliedern im Jahr 1912 gegenüberstellen. Planck bezieht sich ausschließlich auf Assoziationsfußball, nicht auf Rugby, American Football oder eine andere Spielweise von football. In eckigen Klammern sind die Seitenzahlen.

Planck, Karl: Fußlümmelei. Über das Stauchballspiel und englische Krankheit. Stuttgart 1898. 
Runge, Johannes: Ergänzungssport. In: Deutsches Fußball-Jahrbuch 10 (1913). S. 288-309.

Planck: „[6] Zunächst ist jene Bewegung ja schon, auf die bloße Form hin angesehen, häßlich. Das Einsinken des Standbeins ins Knie, die Wölbung des Schnitzbuckels, das tierische Vorstrecken des Kinns erniedrigt [7] den Menschen zum Affen, selbst wenn die Haltung nicht den Grad abstoßender Häßlichkeit erreicht, […]. Noch ein Tupf mit dem kleinen Finger der Linken, und das prächtige Gebilde stürzt rücklings zu Boden oder kollert in kläglichen Sprüngen dahin, um sich auf den Beinen zu halten.“.

DFB-Statistik 1912: Gerade Herz und Lunge werden durch die benötigte Ausdauer und Schnelligkeit gefördert, Arterien geweitet. Dafür führe das Fußballspiel nicht zu Wirbelsäulenverbiegungen und ist zudem im Freien und auch bei schlechtem Wetter spielbar. Dazu kommen die große Teilnehmerzahl und die gleichmäßige Übung der Muskulatur und Körperbeweglichkeit. Die Haltung der laufenden Fußballer ist natürlich eine andere als die des stehenden Turners.

 

Planck: „[18] Die Todesfälle, die durch das Spiel in England allein schon herbeigeführt worden sind, und zwar zumindest ‚durch Fußtritte an den Unterleib, die Magengrube, gegen das Rückgrat oder gegen den Kopf“, zählen allein schon nach Hunderten, wenn nicht nach Tausenden, ganz abgesehen von den übrigen Verletzungen vorübergehender und bleibender [19] Art. Nach dem ‚Brit. Med. Journ.‘ ist die Wahrscheinlichkeit eines Unglücks beim Fußball 18mal größer, als wenn man reitet, und 20mal größer, als wenn man ‚Gymnastik‘ treibt.“.

Den Vergleich zu einer Verletzungsstatistik beim Reiten oder Gymnastik treiben für das frühe 20. Jahrhundert kann ich mangels solche Statistik nicht ziehen und verifizieren, wohl aber mit der Statistik der Verletzungen beim Turnfest in Breslau vom 21. bis 25. Juli 1894.2)Vgl.: NN: Der Spiess umgedreht! In: Spiel und Sport 4 (1894), 25.08.1894. S. 1-2.

Turnfest 1894: 752 Verletzungen wurden aufgenommen – das macht 6,54% Verletzungen je Turner bei 11500 Teilnehmern. Im Turnerbund waren es im ganzen Jahr 1912 1,2% Verletzungen je Turner.

DFB-Statistik 1912: Bei Fußball waren es dagegen nur 0,098% Verletzungen pro DFB-Mitglied bei 51.054 Wettspielen. Oder anders ausgedrückt: 0,31% Unfälle je Wettspiel, also eine Verletzung in jedem dreihundertsten Spiel. Zwei Drittel der Verletzungen ereigneten sich während Verbandsspielen. Wobei je Verband die Statistik unterschiedlich ausfällt. Die meisten Verletzungen gab es im SOFV (1,2% je Spiel, also 0,6% je Mannschaft), die wenigsten im VMBV (0,14 je Spiel, also 0,07% je Mannschaft).
Interessant auch, dass die meisten Fußballspieler 1912 versichert waren. In den meisten Verbänden waren es über die Hälfte der Verunfallten (die höchste Rate im VBBV mit 83%), nur im BRVW waren es nur 44%. Über die Versicherung von Turnern habe ich bislang nichts herausfinden können.

Runge, Johannes: Ergänzungssport. In: Deutsches Fußball-Jahrbuch 10 (1913). S. 288-309, hier S. 306. * SOFV: Südostdeutschen Fußballverband (= Schlesien, Lausitz, Breslau) * VMBV: Verband Mitteldeutscher Ballspielvereine (= Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Oberfranken, Eichsfeld) * VSFV: Verband Süddeutscher Fußball-Vereine (= Südwestdeutschland mit Rhein-Main bis Hanau, Darmstadt, Aschaffenburg) * WSV: Westdeutscher Spiel-Verband (= heutiges Nordrhein-Westfalen, Großraum Osnabrück, Göttingen, Nord- und Mittelhessen, Koblenz) * NFV: Norddeutscher Fußball-Verband (= Hamburg, Bremen, Hannover/Braunschweig/Hildesheim, nördliches Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg) * VBBV: Verband Berliner Ballspielvereine (= Berlin) BRWV: Baltischen Rasen- und Wintersport-Verband (= Ostpreußen, Westpreußen, Danzig, Memelland, Pommern).

 

Planck: „[17] Der mit schwerem Schuhzeug bewehrte Fuß – in Lackschuhen spielt man nun einmal nicht Fußball, so wenig wie barfuß – ist keine unbedenkliche Waffe. […] Aber der Gegner ist schon so nahe, daß er – niemand kann das so sicher wissen – möglicherweise den Stoß abkriegt, der dem Ball zugedacht war. Der Rücksichtvolle hält nun zurück, weil ihm der mögliche Gewinn durch ein mögliches Unglück zu hoch erkauft erscheint, und das Spiel verliert für ihn an Reiz. Der Rücksichtslose aber stößt zu und ist so doppelt im Vorteil: einmal durch die Zurückhaltung des andern, der einen möglichen Erfolg schwinden läßt, weil ihm der Einsatz zu hoch erscheint, und dann durch die eigene Rücksichtslosigkeit, die auf den Erfolg ausgeht, sei’s auch auf die Gefahr hin, den andern tödlich oder doch schwer zu verletzen.“.

DFB-Statistik 1912: 54% aller Verletzungen während der 51.054 Wettspielen waren Knochenbrüche, meist einfache Knochenbrüche. Seltener waren Blutergüsse, Quetschungen, offene Wunden, Gehirnerschütterungen. Die heute häufigen Verletzungen wie Knickungen, Sehnenverletzungen, Bänderrisse und Muskelzerrungen gab vor gut hundert Jahren dagegen insgesamt nur sieben Mal.

Turnfest 1894: Bei Turnern war es die Haut, die in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ein Drittel der Turner erlitt Wunden (vor allem Hieb- und Stichverletzungen) und innere Wunden und gut ein Drittel der Turner Hautabschürfungen und Hautentzündungen. Knochenbrüche, Verrenkungen, Verstauchungen, Prellungen und Zerrungen machten dagegen nur 8,8% der Verletzungen von Turner beim Turnfest in Breslau aus – bei den DFB-Spielen 1912 dagegen 79,2%.

Runge, Johannes: Ergänzungssport. In: Deutsches Fußball-Jahrbuch 10 (1913). S. 288-309, hier S. 307. * SOFV: Südostdeutschen Fußballverband (= Schlesien, Lausitz, Breslau) * VMBV: Verband Mitteldeutscher Ballspielvereine (= Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Oberfranken, Eichsfeld) * VSFV: Verband Süddeutscher Fußball-Vereine (= Südwestdeutschland mit Rhein-Main bis Hanau, Darmstadt, Aschaffenburg) * WSV: Westdeutscher Spiel-Verband (= heutiges Nordrhein-Westfalen, Großraum Osnabrück, Göttingen, Nord- und Mittelhessen, Koblenz) * NFV: Norddeutscher Fußball-Verband (= Hamburg, Bremen, Hannover/Braunschweig/Hildesheim, nördliches Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg) * VBBV: Verband Berliner Ballspielvereine (= Berlin) BRWV: Baltischen Rasen- und Wintersport-Verband (= Ostpreußen, Westpreußen, Danzig, Memelland, Pommern).

 

Aber zwischen Turnern und Fußballspielern gab es nicht überall Differenzen und Streitigkeiten. 1893 meldete die Spiel und Sport, dass immer mehr Turnvereine auch über Fußballabteilungen verfügen und die Mischung von Turnen und Fußballspielen eine neue Mischung gebe.3)Vgl.: NN: Fussballspiele unserer akademischen Turn-Vereine. In: Spiel und Sport 3 (1893), 18.03.1893, S. 4.

 

Fußnoten   [ + ]

1. Grampp, M.: Ist das Fussballspiel gefährlich? In: Spiel und Sport 3 (1893), 03.06.1893, S. 9-10.
2. Vgl.: NN: Der Spiess umgedreht! In: Spiel und Sport 4 (1894), 25.08.1894. S. 1-2.
3. Vgl.: NN: Fussballspiele unserer akademischen Turn-Vereine. In: Spiel und Sport 3 (1893), 18.03.1893, S. 4.

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