Abseits, Regelgeschichte
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Was ist der Sinn und Zweck der Abseitsregel?

Das Abseits ist derzeit eines der am häufigsten verwendet Worte, wenn es um Fußball geht. Warum gibt es das denn überhaupt? Worum geht es bei der Abseitsregel? Wieso ist sie heute so wie sie ist? Und seit wann?

Um das zu beantworten, macht es Sinn, eine kleine Zeitreise nach England zu unternehmen.

Nie Abseits oder alles Abseits

Schauen wir mal in den Regelwerken von englischen public schools (Privatschulen, keine öffentlichen Schulen für alle) und den paar Clubs der 1860er Jahre: Hier gab es nicht immer Bestimmungen über Abseits. Das heißt nicht unbedingt, dass es keine gab. Mitunter waren sie den Spielern so klar, dass sie nicht schriftlich dokumentiert werden mussten.

Die Sheffield FC Rules erwähnten gar kein Abseits in unserem Sinne, sondern legen nur fest, dass jeder außerhalb des Spielfeldes „off-side“ ist. Dagegen übernahmen die 1863 erstmals veröffentlichten FA Rules das für das spätere Rugbyspiel typische Abseits, bei dem sich niemand zwischen Ball und gegnerischem Tor befinden darf.

Am Anfang der 1860er Jahre existierten also die beiden Extreme (bedingt durch eine unterschiedliche Spielidee): Einmal war es erlaubt, am Tor zu lauern, im anderen Fall konnte das angreifende Team den Ball nur mit acht, neun Personen in einer Reihe nach vorne dribbeln bis der Ball ins gegnerische Tor oder Toraus ging oder das verteidigende Team in Ballbesitz kam und das Spiel sich in die andere Richtung verlagerte.

Die erste Änderung der Abseitsregel

Es mag verwundern oder nicht: In der FA gab es auch um 1865 Diskussionen über die Abseitsregel. Denn viele Clubs waren ein Zusammenschluss ehemaliger Schüler einer oder mehrerer public schools und außerdem wollte die FA gerne diejenigen public schools als einflussreiche Mitglieder haben, die ein fußballähnliches Spiel hatten – das waren das Eton College mit dem Eton Field Game, Harrow School, Royal College of St. Peter in Westminster und Charterhouse School. Das strikte Abseits war den Schülern und Absolventen aus Eton und Harrow bekannt. Die Fußballregeln von Westminster und Charterhouse pflegten dagegen ein offeneres Abseits. Den Quellen zufolge wollte die FA auch diese beiden public schools als Verbandsmitglieder.

So passte sie ihre Abseitsregel denen der beiden Schulen an:

“When a player has kicked the ball, any one of the same side who is nearer to the opponents‘ goal line is out of play, and may not touch the ball himself, nor in any way whatever prevent any other player from doing so, until the ball has been played, unless there are at least three of his opponents between him and their own goal.”
(Quelle: FA Rules 1866)

Doch …. Warum?

Charterhouse und Westminster beharrten auf ihre Abseitsregel, weil sie sie gerechter fanden. Auch zwanzig Jahre später argumentierte Montague Shearman in seinem 1887 erschienen Buch „Athletics and football“ , dass das Abseits nun mehr allgemeine Genugtuung („universal satisfaction“, S. 335) bedeutete. Montague Shearman (1857-1930) war Liebhaber des Amateursports, d.h. nicht um zu gewinnen oder Rekorde zu brechen, spielte während seiner Schul- und Universitätszeit Fußball und Rugby und war außerdem Leichtathlet. Das Buch schrieb er kurz nach dieser sehr aktiven sportlichen Zeit.

„So few have been the changes of rules and of tactics in the dribbling game that the task of describing phases of Association play [= Fußballspiel] is simpler than to follow the changes of Rugby Unionism. From first to last the ‘off-side’ rule has been a trouble, and it can scarcely be said that the present rule (by which a player can have the ball passed forward to him if there are at least three players between him and the opponents’ goal-line) even now gives universal satisfaction, although it has been the rule of the Association for twenty years.”
(Quelle: Shearman, Montague Shearman: Athletics and football [1887]. S. 335.)

Shearmans Zitat zeigt aber auch, dass die Abseitsregel von 1866 zunächst wenig das Spiel verändert hat. Erst in den 1880er Jahren mit beginnender Professionalisierung, dem Wandel zum Fußballspiel zu einem Wettbewerb denn einer Muße und damit verbundene notwendig gewordene Standardisierung der Regeln einherging, gab sie „universal satisfaction“.

Auf der folgenden Seite geht Shearman noch etwas auf die Konsequenzen der Abseitsänderung der FA ein. Vor 1866 war nur das schon beschriebene Dribblingspiel möglich: Viele Stürmer dicht hintereinander und der Ball führende vorweg. Verliert er den Ball, so können die sich hinter ihm befindenen Spieler den Ball vielleicht zurückerobern und ihrerseits nachvorne dribbeln. Das neue Abseits machte nun ein Kombinationsspiel möglich.

„ When it was founded in 1863, the Association followed the same rule of  ‚off-side‘ which was recognised at Rugby, no player being allowed to take the ball on from one of his own side who kicked on to him from behind; and under such a rule it is obvious that individual dribbling was the only thing that could pay. In 1867, however, the adhesion of the Westminster and Chaterhouse players was secured by the introduction of the present rule, and from that time both passing and dribbling became possible as a means to success.”
(Quelle: Shearman, Montague Shearman: Athletics and football [1887]. S. 336.)

Im Deutschland der 1920er begründete man den Sinn und Zweck der Abseitsregel übrigens wieder anders:

„Was ist denn der Zweck und Sinn der Abseitsregel? Die verteidigende Partei soll davor geschützt werden, daß sich ein Gegner in unmittelbarer Nähe des Tores aufstellt und dort darauf lauert, daß ihm der Ball aus größerer Entfernung zugespielt wird. Die Abseitsregel ist ja keine Strafregel, sondern eine Schutzregel!“
(Quelle: Rosenberger, Simon/Hofschneider, Alwin: Der Schiedsrichter. 21. Auflage. Stuttgart 1930. S. 193.)

Das Abseits der Sheffield FA

Bevor wir aber zu sehr in die Gegenwart schauen, kommen wir noch einmal zurück in die 1860er in England. Die meisten FA-Clubs der 1860er Jahre kamen aus London, aber nicht nur hier entstanden Vereine, sondern auch im Norden Englands. Der 1858 gegründete Sheffield FC gründete 1867 mit weiteren Clubs der Region die Sheffield FA und erließ eigene Regeln. Diese entsprachen im Großen und Ganzen den Regeln des Sheffield FC, aber nicht zu 100%. Unter anderem findet sich nun eine Abseitsregel:

„Any player between an opponent’s goal and goal-keeper (unless he has followed the ball there) is off-side and out of play. The goal-keeper is that player on the defending side who for the time being is nearest to his own goal.“
(Quelle: Sheffield FA Rules 1867)

Diese Variante erlaubte nach zeitgenössischen Zeitungsberichten ein wesentlich agileres Kombinationsspiel als in der FA, obwohl sich die Regeln nur leicht unterschieden.

Warum für die Sheffield FA eine Abseitsregel eingeführt wurde, konnte ich noch nicht herausfinden. Ein Vorschlag von Gründungsmitgliedern dieser FA? Wollte man sich den FA Rules annähern? Einige Clubs der Sheffield

Eins, zwei oder drei

Vor ihrer Übernahme der FA Rules, 1877, versuchte die Sheffield FA wiederholt, auch in den FA Rules ihre Abseitsregelung mit „weniger als zwei Spieler“ zu verankern – erfolglos.

Nachdem sich 1886 das IFAB aus den vier britischen Verbänden gegründet hatte, damit nicht jedes Mal vor Länderspielen besprochen werden musste, nach welchen Regeln man spielte, übernahm die schottische FA wiederholt den Versuch, die Abseitsregel zu ändern: 1894, 1902, 1913, 1914 und 1922 erhielt der Vorschlag keine benötigte Mehrheit, 1923 und 1924 wurde er vertagt – und der abermalige Vorschlag wurde dann 1925 akzeptiert.

 ⚠️ Es schwirrt in Büchern und im Web auch das Jahr 1924 herum, dass jedoch falsch ist. 

„When a player plays the ball, or throws it in from touch, any player of the same side who, at such moment of playing or throw-in, is nearer to the opponents‘ goal line, is out of play, and may not touch the ball himself, nor in any way whatever interfere with an opponent or with the play until the ball has been played, unless there are at such moment of playing or throwing at least three two of his opponents nearer their own goal line.“
(Quelle: Eigene Recherchen, basierend auf den IFAB-Protokollen)

Das war die letzte größere Änderung der Abseitsregel. Sie wurde laut Sir Stanley Rous, langjähriger FA Secretary, federführend für die erste große Regelreform 1938 zuständig und in der Nachkriegszeit FIFA-Präsident, eingeführt, damit mehr Tore fallen und die Attraktivität des Fußballspiels erhöht wird. Das Fußballspiel der frühen 1920er war von defensiver Taktik geprägt und die kleine Änderung der Abseitsregel half zu einem flüssigeren Spiel. Klingt ganz nach den frühen 1990ern und der Einführung der Rückpassregel.

„The defensive tactics of the twenties brought about the change in the off-side Law, with its great effect upon the way the game was played. Similar developments of defensive tactics since that time, have lent weight to a chorus of voices asking for a further variation in the Laws. Most of those who advocate change believe that the life blood of the popularity of the sport stems from seeing goals scored, and the suggestions made to increase the number of goals per match have varied from the widening of the distance in the Off-side Law.“
(Quelle: Rous, Stanley/Ford, Donald: A History of the Laws of Association Game. Zürich [1970er]. S. 138.)

Was ist nun der Sinn und Zweck?

Die Abseitsregel ist demnach nicht nur eine gerechtere Variante als kein oder ein striktes Abseits, sie ist auch eng mit der Standardisierung der Fußballregeln über Ländergrenzen hinweg verbunden. Diese Standardisierung wurde durch den Fußballboom der 1880er Jahre in England nötig, in Maßen vergleichbar mit den 1920er Jahren in Deutschland. Der Standardisierung geht der Wandel des Fußballspiels vom Unterhaltungsspiel zum Wettbewerb voraus: Das Fußballspiel wurde von verschiedenen Unternehmern und Berufsgruppen als Einnahmequelle erkannt. Es ging nun um den Sieg, um Einnahmen, um Prestige – und damit begann auch das „Cheaten“.

Man könnte sagen: Die Abseitsregel ist im modernen Fußball ebenso nötig wie ein:e unabhängige: Schiedsrichter:in auf dem Platz. Es reicht nicht mehr, dass wie bei uns früher auf dem Schulhof man kurz ausdiskutiert, ob das jetzt ein Foul, Handspiel oder Abseits war, und dann weiterspielt.

Wir sehen anhand der Abseitsregel aber auch, wie sich Regeln und Spiel gegenseitig beeinflussen: Die Regeländerung 1866 bei der FA beeinflusste das Spiel zum Kombinationsspiel. Das später zu defensiv empfunden wurde, weshalb man als Konsequenz die Regel änderte.

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