Am 19. Februar 1899 machte die Wiener Allgemeine Sport-Zeitung bekannt1)Vgl. NN: Die Oxforder Mannschaft in Wien. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 19.02.1899. S. 192. Letzter Zugriff: 04.03.2018., dass der Oxford University Association Football Club zu Spielen in Prag und Wien über die Ostertage nach Österreich reiste. Einem damals sehr erfolgreichen Club der Football Association, der als Universitätsverein nun in der Liga der Fußballmannschaften von britischen Universitäten und Colleges der Midlands-Region (um Birmingham), spielt. Die Spiele gegen den Deutschen Fußballclub und Slavia (beide Prag) fanden Ende März statt, die Spiele in Wien Anfang April. Der Artikel stellt außerdem die Mannschaft des Oxford University AFC mit vorherig besuchtem College, Größe, Gewicht, Position und weiteren Sportarten, die sie betrieben, vor.

Die Spiele fanden in Wien gegen den Wiener Athletiksport-Club statt und zwar gegen eine Mannschaft mit Österreichern und Engländern („gemischte Mannschaft“) und eine Mannschaft mit nur Österreichern („deutsche Mannschaft“). Die „deutsche Mannschaft“ bestand dabei aus drei Spielern der „gemischten“ Startelf ,drei genannten Ersatzspielern und fünf weiteren, die für das Spiel der „gemischten Mannschaft“ nicht berücksichtigt wurden. Um 15:30 Uhr wurde am 2. April und 3. April die Spiele im Prater (heute Ernst-Happel-Stadion) statt.2)Vgl. NN: Die Oxford-Mannschaft in Wien. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 02.04.1899. S. 352. Letzter Zugriff: 04.03.2018.

Die den Spielen nachfolgende Berichterstattung über die Spiele blühte vor Begeisterung für das englische Kombinationsspiel, das für alle Zuschauer und auch nicht englischen Spieler des Athletiksport-Clubs schier unwirklich angemutet haben.3)Vgl. H., J.: Der Fussballkampf – Oxford – Wien. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 09.04.1899. S. 386. Letzter Zugriff: 04.03.2018.

„[…] Die Oxforder glänzten durch ihre universelle Einzelausbildung, die sich harmonisch in den Rahmen der Gesammtheit fügte und ein Zusammenspiel ermöglichte, das zur Bewunderung hinreissen musste. Man stand vor etwas Neuem, Ungeahntem. Diese Balltechnik, diese feine Taktik – das Resultat wohldurchdachter und blitzschnell ausgeführter Combination – hat man auf dem Continent noch nicht geschaut; es war einfach possirlich mitanzusehen, mir welche Verblüffung die Unserigen in der Zeit von zwei Minuten drei Bälle der Oxforder in’s eigene Netz fliegen sahen, ohne diesen ernstlich Widerstand entgegensetzen zu können! […] Die Spielweise der Oxforder war schlechtweg fascinirend. Jener deutsche Professor, der im vorigen Jahre unter dem Titel ‚Fußlümmelei‘ eine geharnischte Kampfbroschüre gegen das ‚brutale‘ Fussballspiel losgelassen, hat sicher Oxforder Studenten nie spielen gesehen! Was er zu Gesicht bekommen, kann nur deutsche Verballhornung gewesen sein, die sich – auch bei uns – bisher darin gefallen hat, den Ball mit kräftigen Fusstritten in riesigem Bogen über die halbe Bahn zu schleudern. Derlei hat man aber hier von den Oxfordern nicht zu Gesicht bekommen, und es ward uns offenbar, dass dem ‚derben Tritt‘ beim Fussballspiele nicht entfernt die Rolle zufällt, die man ihm bislang auf dem Continent beigemessen. Jeder Zeuge des Oxforder Spieles wird bekennen, dass die Aesthetik bei demselben wahrlich nicht zu kurz gekommen.

Schon die ersten Evolutionen liessen keinen Zweifel aufkommen, dass die Engländer zum Unterschiede von der gänzlich ungeregelten auf den Zufall und die Geschicklichkeit des Einzelnen basirten Spielweise der Wiener – nach einem festen, wohlüberdachten System vorgingen, in dem Alles Berechnung ist, auch nicht der kleinste Schritt dem blinden Ungefähr überlassen bleibt. Was uns die Engländer vor Allem lehren, war, dass der Ball nicht geschleudert, sondern gerollt werden muss. Das ist sozusagen die Quintessenz des Spieles. Beim Anstosse trachtet Einer in den Besitz des Balles zu gelangen. Ist dies geschehen, so nimmt das gesammte englische Feld den Ball auf’s Korn und postirt sich derart geschickt, dass man den Eindruck einer Cernirunglinie[!] [= Belagerungslinie] empfängt. Der Ball rollt gemüthlich für einige Secunden flach den Boden entlang, nicht selten durch die Beine der gegnerischen Leute, die mit ihren weitausholenden Tritten und Stössen in der Regel ihr Ziel verfehlen. Hat der rollende Ball, wie beabsichtigt, eine grössere Gruppe der Gegner angelockt, so werden diese alsbald gewahr, dass sie in die Falle gelockt worden. Denn ehe sie sich’s versehen, ist der Ball blitzschnell nach rechts oder links abgegeben worden, rollt meist unangefochten, von Mann zu Mann wandernd, ganz aussen, und schon sieht man auch, wie die Engländer den Ball decken, indem ihrer Drei, Vier den rollenden Ball cerniren [= einschließen, umgeben, blockieren]. Meist nimmt einer derselben ihm den Ball ab, ein scharfer ‚Schuss‘ und der Ball fliegt unaufhaltbar an dem verdutzten Thorwächter vorbei in das Thor. Das ‚Abgeben‘ des Balles ist ein wichtiger Punkt in dem taktischen Spielplane der Engländer. In der Mehrzahl der Fälle stellt dasselbe eine Finte dar, bestimmt, den Gegner in Bezug auf die Angriffsrichtung zu täuschen.

Suchten die Wiener, wie erwähnt, ihre Hauptstärke darin, den Ball in schwunghaftem Bogen zu befördern, was den Gegnern umso willkommener war, als sie in diesem Falle den Ball am besten beobachten konnten, so trachteten die Engländer wieder, wenn irgend möglich[,] den fliegenden Ball durch Auffangen geschieht mit dem ganzen Körper. Die Hände natürlich ausgenommen, mit dem Kopfe, den Schultern, dem Rücken etc., und das bekannte Rollspiel nimmt seinen Fortgang. Das Kopfspiel, das bei den Unserigen übrigens auch Wagner und Nicholson mit grosser Geschicklichkeit producirten, wird bei den Oxfordern mit bewundernswerther Technik ausgeführt. Gelang es den Wienern, den rollenden Ball zu erobern, und war derselbe von diesen mit der üblichen Vehemenz – aber zumeist leider ganz wahllos in der Zielrichtung – in das gegnerische Feld gelangt, so hatten die Oxforder wieder Gelegenheit, ihre hochentwickelte Lauftechnik zu bethätigen. In wunderbaren flachen Sprüngen kamen sie hinterher, tauchten sie, wie aus dem Erdboden gewachsen, an den gefährdeten Punkten auf, zwei, drei vier Blau-[W]eisse gegen einen Wiener, so dass man wiederholt den Eindruck hatte, die englische Mannschaft sei doppelt so zahlreich als der Gegner! Unter den Läufern zeichnete sich namentlich der mit grossartigen Wadenmuskeln ausgestattete Jameson aus, mit dem Schritt zu halten keinem der Wiener gelang.

Die denkbar undankbarste Rolle fiel den Wienern des ersten Tages zu. Sie sollten die Feuerprobe gegen die gefürchteten Oxforder bestehen. Der Mangel jedes Zusammenspiels gab sie jenen völlig in die Hände, und wenn auch Wagner und Mollisch mit Todesverachtung arbeiteten, so waren es immer nur Kräftezersplitterungen gegenüber der geschlossenen englischen Phalanx. In dieser zeigte sich insbesondere G. C. Vassal, der neben A. M. Hollins die meisten Bälle erzielte, in seiner ganzen Grösse. Die ‚gemischte‘ Mannschaft des zweiten Tages hatte schon Manches den Oxfordern abgeguckt, und man konnte dann und wann Contouren eines Zusammenspiels wahrnehmen. Wieder waren es Wagner, der unermüdliche Nicholson, Gramlick und Windett, die retteten, was zu retten war, und auch Mollisch wehrte so manchen Ball erfolgreich von seinem Thore ab. Shires war der Einzige, der den Ball überhaupt in das Oxforder Thor brachte, doch zählte der Erfolg leider nicht, da der Ball von ausserhalb des Feldes abgeschossen worden war. Russel, der englische Thorwächter, bekam auch einige Male zu thun, und er konnte seine Geschicklichkeit beweisen, indem er sogar auch in beträchtlicher Entfernung von seinem Thore den Ball unschädlich zu machen wusste.

Exempla trahunt – heisst es für gewöhnlich. Der erste Gedanke, den die Herren vom Athletiksport-Club unter dem frischen Eindrucke der empfangenen Schlappe geäussert haben sollen, war der, schleunigst einen englischen Trainer zu engagiren. Ein lobenswerther Gedanke! Freilich wird es der Trainer allein nicht machen. Die Sache liegt tiefer. In England bildet die athletische Ausbildung der Jugend einen Hauptfactor der Erziehung, nicht so bei uns. Was dort auf denkbar breitester Basis seit vielen, vielen Generationen gehegt und gepflegt wird, das ist hierzulande unsystematisches Stückwerk. Das Wiener Comité zur Veranstaltung von Fussballwettspielen, das es sich zur Aufgabe gemacht har, diese klaffende Lücke ein wenig auszufüllen, hat sich, indem es unter ansehnlichem pecuniären Risico den Besuch der englischen Mannschaft in unserer Stadt herbeiführte, den Dank jedes Wieners erworben, der die erzieherische Rolle des Sports in körperlicher und moralischer Hinsicht erfasst.

Zu dem Wettkampfe hatte sich eine bemerkenswerth zahlreiche Zuschauerschaft, darunter so mancher hochgeborene Vertreter der oberen Zehntausend, eingefunden, und der lebhafte Applaus wie insbesondere die urwüchsigen Beifallsausbrüche der anwesenden ‚goldenen‘ Jugend bewiesen deutlich, dass das Verständniss[!] für den Sport heute bei uns doch schon im Wachsen ist.“

(H., J.: Der Fussballkampf – Oxford – Wien. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 09.04.1899. S. 386. Letzter Zugriff: 04.03.2018.)

„Was dort auf denkbar breitester Basis seit vielen, vielen Generationen gehegt und gepflegt wird, das ist hierzulande unsystematisches Stückwerk.“, gut, „viele, viele Generationen“ lässt längere Zeit als vierzig bis siebzig Jahre (Rugby) vermuten. Denn in den meisten public schools wurden erst Ende der 1840er und in den 1850er Jahren Fußballvereine gegründet. Der hier genannte Verein aus Oxford gab es erst seit 28 Jahren.

Neun Jahre später

Neun Jahre später blickte ein Dr. Frey auf dieses Spiel zurück, das entscheidend für das Fußballspiel in Wien war.4)Vgl. Frey, NN: Modernes Fussballspiel. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 31.10.1908. S. 1374. Er stellte fest, dass Wiener Fußballvereine mittlerweile das Kombinationsspiel erlernt haben, aber noch nicht alle Elemente des englischen Kombinationsspiels pflegen, so das Zusammenspiel von Verteidigern, Mittelfeld und Angriff.

„Das Jahr 1899 bedeutete für die Entwicklung des kontinentalen Fußballsports einen richtigen Wendepunkt. Zum ersten Male trat eine englische Mannschaft die Oxonians unseren einheimischen [österreichischen] Spielern entgegen. Sie hinterließ ‚blutige‘ Spuren. Die Treffer fielen in Masse. Spielend durchbrachen die Oxforder Stürmer die Reihen der Unseren und geradezu verblüffend war es, wie leicht sie dahin schwebten, während die Unseren sich im Schweiße des Angesichtes abmühten.

Bald hatte man die Ursache ihres Erfolges heraus. Kombination ward das Schlagwort aller Fußballer. Das Training, bisher bloßer Zeitvertreib, wurde etwas systematischer. Hier übte sich einer darin, den Ball vor sich herzutreiben, dort war eine Gruppe mit der Kunst beschäftigt das Spiel zu bremsen, oder mit den Kopfstößen. Mancher Klub leistete sich sogar einen englischen Trainer. Und nicht zuletzt die alljährlichen Spiele mit den Engländern brachten uns schließlich dahin, wo wir heute sind.

Waren wir früher so schwach, daß sich erstklassige englische Mannschaften mit dem Angriffsspiel genügen konnten, so sind wir jetzt soweit erstarkt, daß wir auch ihre gesamten Verteidigungskräfte zwingen, voll in Aktion zu treten.

Und nun konnten wir erkennen, was sich allerdings voraussehen ließ, daß der Kombination der Angreifer eine Kooperation der Verteidiger entsprechen muß, sollen die letzteren aufkommen können. Geradezu klassisch zeigte dies Manchester United bei seinen heurigen Spielen in Wien. Dies ist neben der Überlegenheit der einzelnen Spieler als solcher die Hauptursache, warum ihre Mittel- und Verteidigungsspieler die Angriffe der Wiener, bevor sie sich überhaupt entfalten konnten, im Keime erstickten. Vor der Darstellung dieses vorbildlichen Verteidigungsspiels der Engländer ist es jedoch nötig, sich über unsere Verteidigung und deren Mängel klar zu werden.

So wie eine Zahl vereinzelter Handwerker mögen sie auch eine übernormale Geschicklichkeit entfalten, auf die Dauer mit einer gleich großen Zahl, wenn auch nur normal veranlagter, aber kooperierender Arbeiter nicht konkurrieren kann, so liegt im Vergleich zu den englischen Hinterspielern die Schwäche unserer Deckungs- und Verteidigungsleute neben der schon erwähnten geringeren individuellen Spieltüchtigkeit vor allem darin, daß sie den kombinierenden, also mehr oder weniger einheitlich angreifenden Stürmern die eigenen Kräfte nur zersplittert entgegenstellen. Zwischen Deckung und Verteidigung im engeren Sinne herrscht ein ähnliches Verhältnis wie zwischen Schwarmlinie und Reserve. Nur wenn beide von vornherein einheitlich auftreten, können sie ihre Aufgabe erfüllen. Wenn aber die Reserve so weit hinter der Schwarmlinie steht, daß sie diese später erreichen kann als der angreifende Gegner, dann wird der Feind die im vereinzelt gegenübertretenden Teile leicht zurückwerfen. Was für den Krieg, gilt mutatis mutandis auch für das friedliche Wettspiel. Ein Beispiel wird dies zeigen: Der feindliche linke Flügel greift an; der rechte Mittelspieler wirft sich entgegen, wird aber, da er nur als einzelner auftritt, von den kombinierenden Stürmern passiert; für den Moment ist er erledigt. Nun kommt der rechte Verteidigungsspieler daran und da auch er nur seine individuelle Kraft der kombinierten seiner Gegner entgegenstemmen kann, wird er meist den kürzeren ziehen. Daß dies in Wirklichkeit nicht immer so zugeht, ist richtig. Es stehen einander eben nie völlig gleichwertige Gegner gegenüber und oft macht ein Mittel- oder Verteidigungsspieler einen taktischen Fehler durch individuelle Mehranstrengung wett. Dies ist bei uns sogar die Regel. Damit ist aber nicht die Theorie ad absurdum geführt. Denn wie in der Produktion, gilt auch bei der sportlichen Betätigung der oberste Grundsatz: Der Erfolg ist mit dem möglichst geringsten Aufwand dort von Produktiv-, hier von Leibeskräften zu erzielen.

Schon diese Betrachtung unserer jetzigen Spielmethode zeigt, daß die Verteidigung der Kombination der Angreifer etwas Ähnliches entgegensetzen muß. Hat aber die Kooperation der Stürmer den Ball zum Gegenstande, weil sie ja ihn ins Tor jagen soll, so ist des bei der Hintermannschaft ausgeschlossen, denn vernichten heißt ihre Aufgabe und erst in zweiter Linie kommt die positive, unterstützende Tätigkeit. Danach ist es klar: Nicht der Ball, sondern die Spieler selbst sind hier sozusagen der Gegenstand der ‚Kombination‘. Sie müssen durch eine zweckentsprechende, der wechselnden Situation sich immer anpassende Aufstellung derart zueinander in Beziehung stehen, daß sie von vornherein eine ‚Einheit darstellen. Nehmen wie das obige Beispiel: Wiederum attackiert der feindliche linke Flügel. Der rechte Half geht an und wird passiert. Aber in demselben Momente wirft sich auch schon der richtig stehende rechte Verteidiger entgegen, klärt oder hält wenigstens den Angriff auf und gibt dem Deckungsspieler Gelegenheit, sich zurückzuziehen und ihn nun seinerseits zu decken, während oben der Deckungsmann für den Moment ganz außer Gefecht gesetzt war.

Für dieses ‚Stellungsspiel‘ läßt sich folgendes Schema geben: Denken wir uns die Spieler in ihrer Grundaufstellung untereinander durch Gummischnüre verbunden. Was geschieht nun, wenn z. B. der eigene rechte Flügel zum Angriff übergeht? Die ganze Mannschaft wird nach vorne und rechts verschoben. Wer dem rechten Flügel näher ist, wird mehr, wer von ihm entfernter ist, wird weniger seine Stellung ändern müssen. Analog wird sich dann auch die Placierung beim Gegenangriff gestalten. Diese Schablone zeigt das Bewegungsgesetz, welches Verrücken und Rückzug der Mannschaften im Wettspiel beherrschen sollte.

Allerdings, das bloße Wissen dieses Grundsatzes wird in der Praxis nicht viel nützen, wenn der einzelne nicht schon jene Fähigkeiten erworben hat, welche erforderlich sind, um dieses Prinzip zu verwirklichen. Ein gewisses Maß von physischer Kraft und technischem Können zwar wird man von jedem wünschen, den der Kapitän in die erste Mannschaft einstellt. [In der Mehrheit waren die Kapitäne noch gleichzeitig Trainer und Manager.] Aber die verlangten geistigen Fähigkeiten, welche zur Durchführung des Stellungsspieles erforderlich sind, können nur empirisch, je nach der Anlage, mit kürzerer oder längerer Wettspielpraxis erworben werden.

Von wie vielen Momenten hängt nicht die jeweilige Position des einzelen ab?! Dabei muß die jedesmalige Situation im Nu beurteilt werden, weil im Wettspiel Bruchteile einer Sekunde eine entscheidende Rolle spielen. Zunächst wird der Spieler seine eigene Spielstärke gut kennen müssen, vor allem seine Schnelligkeit. Es gibt viele Verteidiger, die sich in dieser Hinsicht überschätzen. Im Vertrauen auf ihre Schnelligkeit pressen sie hart an die Deckungsreihe an, ein langer Paß quer über Feld, da braucht nur ein [Ludwig] Hussak dazwischen zu treten und das Unglück ist fertig. Ferner ist es erforderlich, die Spielstärke auch der Mitspieler zu kennen. Hiervon hängt ja die ‚Reichweite‘ beispielsweise des Mittelspielers ab und danach wird der Verteidiger die Distanz und das Intervall, wie er sich ‚staffelt einrichten müssen. Weiters sind zu berücksichtigen: die Schnelligkeit der gegnerischen Spieler, ihre Spielmethode, ob sie kurzes oder langes Passen, Flügel- oder Dreiinnenspiel5)2-3-5-System, siehe dazu auch Escher, Tobias: Vom Libero zur Doppelsechs. Hamburg 5^2017. S .42-43. forcieren etc. und schließlich spielen auch natürliche Umstände eine Rolle, z. B. die Windrichtung.

Diese Momente in jedem Augenblick zu beurteilen, sofort den richtigen Entschluß zu fassen und ihn ebenso schnell in die Tat umzusetzen, dazu gehören zwei Eigenschaften, welche allerdings bei uns noch selten vereint angetroffen werden: Erfahrung und Aufmerksamkeit. Wer von Anfang an dem Spiele – nicht bloß dem Balle – folgt, wer von Zeit zu Zeit die eigene und feindliche Stellung überschaut, wer die Spielweise der speziell ihm gegenüberstehenden Gegner scharf beobachtet, und zwar auch dann, wenn er selbst momentan unbeschäftigt ist, wird in jeder Situation wenigstens beiläufig das Kommende ahnen, der wird, wenn er in Aktion treten soll, bereits richtig placiert sein und erfolgreich eingreifen können.

Im allgemeinen läßt sich von Feinheiten absehend, dieses Gesetz des ‚Positionsspieles‘ folgendermaßen formulieren: Nie auf gleicher Höhe, nie genau hintereinander aufgedeckt stehen; immer schief nach rückwärts gestaffelt, den Vorderen die Innenseite decken!
Dr. Frey.“

(Frey, NN: Modernes Fussballspiel. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 31.10.1908. S. 1374. Letzter Zugriff: 04.03.2018.)

Fotocredits

Fotografie des Oxford University AFC vor seiner Reise nach Österreich. In: Allgemeine Sportzeitung [Wien], 25.03.1899. S. 323.

Cite this article as: Petra: Was uns die Engländer vor Allem lehren, war, dass der Ball nicht geschleudert, sondern gerollt werden muss. Das ist sozusagen die Quintessenz des Spieles. In: Nachspielzeiten, 4. März 2018. URL: https://nachspielzeiten.de/was-uns-die-englaender-vor-allem-lehren/ (zuletzt aufgerufen: 25. September 2018).

Fußnoten   [ + ]

1. Vgl. NN: Die Oxforder Mannschaft in Wien. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 19.02.1899. S. 192. Letzter Zugriff: 04.03.2018.
2. Vgl. NN: Die Oxford-Mannschaft in Wien. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 02.04.1899. S. 352. Letzter Zugriff: 04.03.2018.
3. Vgl. H., J.: Der Fussballkampf – Oxford – Wien. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 09.04.1899. S. 386. Letzter Zugriff: 04.03.2018.
4. Vgl. Frey, NN: Modernes Fussballspiel. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 31.10.1908. S. 1374.
5. 2-3-5-System, siehe dazu auch Escher, Tobias: Vom Libero zur Doppelsechs. Hamburg 5^2017. S .42-43.