Fußballgeschichte
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Der Mythos des „Mutterlandes des Fußballs“ entlarvt

Jenaer Regeln

Eigentlich sollte es ja allgemein bekannt sein, dass es bereits vor 1863 Fußball und Fußballregeln gab. Weniger bekannt ist, dass die Fußballspielart, die man in Deutschland als Fußball bezeichnet, aus Schottland stammt. An den englischen Privatschulen von Rugby & Co. war es vorwiegend ein rustikaler Individualsport: Es gab einen Balltragenden und weitere Spieler, die ihn schützten und unterstützen, aber nicht spielten. Es war eine Art Mutprobe und Gentleman-Ausbildung für die späteren Lords.

Zeitgleich existierte eine aus heutiger Sicht mitunter belustigende Form des Shrovetide Football, in dem es keine Trennung von Mitspielenden und Zuschauenden, wohl aber gewisse Regeln gibt. Das Kombinationsspiel aus Schottland fand man in England zunächst völlig unbrauchbar – da spielten Menschen ungeachtet ihres Rangs und Alters miteinander und spielten miteinander… das konnte sich nicht durchsetzen. Oder etwa doch?

(Faszinierenderweise wiederholte sich diese Geschichte in Deutschland in den 1870er Jahren mit Konrad Koch, der entgegen allgemeinem Glauben das Rugbyspiel nach Braunschweig brachte. Damals gab es in Großbritannien noch keine unterschiedliche Bezeichnungen der Fußballspielarten und so brachte er zwar „Football“ nach Deutschland, aber in der Rugbyvariante. Das Fußballspiel fand er zu demokratisierend.)

 

Die Lüge vom Mutterland des Fußballs

Noch vor der FA-Gründung spielte man an der Universität Cambridge und in Sheffield Fußball ohne Aufnehmen des Balles. Die FA Rules von 1863 sind zu 90% die Regeln des Fußballclubs der renommierten englischen Universität – nichts da mit „den Fußball aus der Taufe gehoben“! Aber ganz nach Manier des viktorianischen British Empire verleibte England sich das nun boomende Spiel des association football ein – nicht nur die Cambridger Regeln, sondern auch den schottischen Ursprung – und gilt seitdem als Mutterland des Fußballs. Eine glatte Lüge.

Und nun das: Nicht nur in Schottland hat man früher als in England Fußball gespielt, sondern auch in Wales! Ich habe in Form eines walisischen Zeitungsbericht einen Beleg für ein Fußballspiel gefunden. Und das bereits 1811. Das ist eine Sensation.

 

„With the feet, instead of the hands“

„Foot-ball. This pastime is so called because the ball is driven about with the feet, instead of the hands. […] When a match at foot ball is made, two parties, each containing an equal number of competitors, take the field, and stand between two goals, placed at the distance of eighty or an hundred yards the one from the other; the ball is made of a blown bladder, and cased with leather; is delivered on the midst of the ground, and the object of each party is to drive it through the goal of their antagonists. The abilities of the performers are best displayed in attacking and defending the goals; when the exercise becomes exceeding violent, the players kick each others shins without the least ceremony, and same of them are overthrown at the hazard of their limbs.

At the same time, there was also Shrovetide Tuesday Football in Chester. „About the year 1750, this sport was practiced in the principal of the tanners, during the frosts in winter; each person having a piece of oak bark tied over their shins, to prevent them from being injured by the kicks of their opponents; and a person was employed to collect from the spectators, urging, that being out of employ, they were obliged to solicit their donation towards their relief.“
In other words: either you play along or you have to donate some money. It’s not that different from today. It’s just that you can’t decide whether you want to play or not.“

(Quelle: North Wales Gazette, 27th June 1811.)

 

Moderner Football, 1811?

Diese Beschreibung ist kein Fußballregelwerk, sondern nur eine Spielbeschreibung. Und doch zeigt sie, dass es schon vor den Fußballspielarten der englischen Privatschule, beispielsweise in Rugby und Eton, ein geregelten Fußballspiel gab.

  • Gleiche Anzahl von Teilnehmenden
  • Zwei Tore
  • 80-100 Meter großes Spielfeld
  • Anstoß vom Mittelkreis

Das sind alles Elemente, die auch auf die Rugbyspielart zutreffen. Aber…

  • Torerzielung: der Ball muss in(!) das Tor (nicht über das Tor)
  • Ball darf nicht getragen werden

Die letzten beiden Punkte zeigen, dass sich diese walisische Fußballspielart vom Shrovetide Football und auch von der Spielart der Rugby School mit Tragen des Balles unterscheidet. Es ist tatsächlich eine Beschreibung eines Fußballspiels.

 

Übrigens

Der Abschnitt über den Shrovetide Football in Chester zeigt auch, dass ein gewisses Maß an Rentabilität nicht erst Idee von britischen Entrepreneurs des späten 19. Jahrhunderts war, sondern dass auch Zuschauende vor über 200 Jahren Eintritt zahlen mussten.

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