Alle Artikel in: Fußballgeschichte

Fußballprofi – und danach?

In diesem Blogartikel geht um Profifußballspieler zwischen 1885 und 1914 in England: Über ihren Lohn, ihre Arbeitsstelle, ihre Zukunft nachdem Profifußball. Seitdem hat sich manches verändert und manches nicht.   Servant & Master Die Beziehung zwischen dem Fußballspieler und dem director, der meist sowohl Trainer als auch Manager des Vereins war, war die klassische Hierarchie zwischen einem Meister („master“) und einem Bediensteten („servant“. Diese Begriffe verwendete die zeitgenössische Presse, um Hierarchien zu beschrieben und zementieren. Tatsächlich hatte der Fußballer wenig bis keine Kontrolle auf Arbeitspläne oder Konditionen des Vertrags. Alles wurde von director ihm vorgegeben, der Spieler war nur Ausführender. Im Grunde war es nicht anders wie zwischen einem Arbeiter und dem Unternehmer, nur war der Fußballer zugleich Maschine und Bediener der Maschine. Er erhielt seine Identität über die Position auf dem Spielfeld. Die meisten Profifußballer der ersten Jahrzehnte kamen aus einem eher prekären Familienverhältnis und ein möglicher Verdienst von 4 Pounds pro Woche lockte viele. Ungelernte Arbeiter verdienten meist weniger als 2 Pounds/Woche. Dass sich die meisten Vereine die Ausgaben von 4 Pounds wöchentlich …

Fußballtransfer Emblem Players Union

Das Thema Fußballtransfer

Das Thema Fußballtransfer und die Transfersummen sind nicht erst seit den letzten Jahren ein Thema, dass die Gemüter erhitzt. Eine Reise ins England des 19. Jahrhunderts, ins Victorian Age, kurz nachdem hier der Fußball professionell wurde. Profifußball = Transfergebühren Mit Beginn des erlaubten Profifußballs gab es zunächst einige Fußballtransfer-Restriktionen, die Lohn der Spieler und ihren Wohnort betrafen. Diese Einschränkungen wurden im Laufe der Jahre immer mehr gelockert und zu Beginn des 20. Jahrhundert schien es, als sei ein Ende der dieser in Sicht. Das beschrieb auch John Cameron in seiner 1908 erschienen Schrift Association Football and How to play it: Es sei schon vieles besser geworden, da die Spieler das Recht auf einen besonderen Einspruch bei Komitee der Liga haben und der geforderte Betrag für den Fußballtransfer der Spieler stark reduziert wurde. Er wünschte, er würde bald ganz aufgehoben werden, denn „der Spieler soll ein Mensch und kein Sklave sein“ 1)Vgl. Cameron, John: Association Football and How to play it. London [1908]. S. 65.. Natürlich sollen Vereine eine Entschädigung für wechselnde Spieler erhalten, fand Cameron, …

„Die ‚Schutzhand‘ wird vermutlich noch länger diskutiert werden.“

Es gibt keine Schutzhand. Es gibt sie nicht und es gab sie nicht. Das wiederholen Collinas Erben, Alex Feuerherdt und Klaas Reese, auch in Folge 99 abermals. Ich erinnerte mich beim Hören, dass der Begriff in einer der Schiedsrichter-Zeitungen, die ich durchgesehen hatte, vorkam und fand in meinen Notizen, dass der Begriff um 1930 aufgekommen zu sein scheint.

Die Spielpositionen, überarbeitet und ergänzt

Welche Aufgaben und Anforderungen wurden an die einzelnen Spielpositionen Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts gestellt? Was unterschied sie von heute (nicht viel)? Eine stichwortartige Sammlung und ein überarbeiteter und ergänzter Blogbeitrag zu: Die Spielpositionen am Anfang des 20. Jahrhunderts (28.11.2017). Der Torhüter „Goalkeepers, like poets, are born, not made.“ (John Cameron: Association Football and How to play it. London [1908]. S. 9.) Anforderungen: schnelles, sehr gutes Auge – Coolness – lange Arme – schnelle Reaktion mit Händen – mentale und physische Stärke – starker Schuss (für Abstoß) – beidfüßig sicher – möglichst 6 feet (1,83 m) groß und 13 Steine (82-83 kg) schwer – geduldig – Einsatzbereitschaft – Urteilsvermögen – Geschicklichkeit – Beweglichkeit – Antizipation Aufgaben: Verteidigung des Tores – sicheres Fangen des Balles aus unterschiedlichen Höhen wie auch vom Boden – genauer Abstoß oder Wurf zu einem Mitspieler – Wegfausten (nur in Notfällen) möglichst immer zur Seite und nicht ins Aus – Unterstützung der backs als mitspielender Torwart und perfektes Verständnis mit backs – Für gute Sicht auf den Ball vor Einwürfen in Tornähe, Eckbällen und Freistößen in Tornähe sorgen – Erahnen, wohin gegnerische …

Moderner Fußball um 1900

„[…] it is evident that football is quite an ancient game. Time alters everything, and it has undoubtedly done so in football. Where one used to play with half the village on one side and the same on the other, it is now restricted to sides composed of eleven players. As I have been requested to write on the modern game it is not worth while dwelling upon how it was played a hundred years ago. Football is really supposed to be a Scottish game, but it was in England that a proper Association with defined rules was first started.“ (John Cameron: Association Football and How to play it. London [1908]. S. 7.) Der Begriff des modernen Fußballs ist kein Begriff der letzten Jahrzehnte, wie ich im vergangenen Jahr in zwei Longreads bei 120minuten über England und Deutschland schon veröffentlicht und anschließend im dazugehörigen Podcast dargestellt habe. Sowohl Montague Shearman (1887), Charles William Alcock (1906) und zitierter John Cameron (1908) beschreiben in ihren Schriften über das Fußballspiel, was sich seit der Gründung des ersten Fußballverbandes 1863 bereits …

Wie sah Sporttraining früher aus?

Häufig fragte ich mich, wie früher im Profi- und Amateurbereich trainiert wurde. Wobei ich mit früher die Zeit vor 1914 meine. Ich habe lange Zeit dazu nichts gefunden, wurde nun aber in zwei zeitgenössischen Büchern fündig. Sowohl, was das Training anging als auch den Grund, weshalb ich lange nichts fand: Es gab kein Training, das den heutigen Terminus erlaubt. Dabei ist die Idee des Trainierens keine des 19. Jahrhunderts. Richard Mulcaster (1561) empfahl, dieses Spiel für „rohe Massen“ durch einen „training master“ eine Person, die „jugde over the parties and hath authroritie to commaunce“, zu kontrollieren 1)Zit. n. M. Marples: A History of Football. London 1954. S. 66-67.. Montague Shearman erwähnt zwar (1887), dass es eine Vielzahl von Büchern über Trainingübungen gibt und meint damit vor allem den Leichtathletikbereich, doch Training meinte zu dieser Zeit immer vorrangig die Ess- und Trinkgewohnheiten der Sportler, selten Bewegung. Going into training „Going into training“ meinte 1863 wie auch 1887, dass man seine Ess- und Trinkgewohnheiten zu einem für einen Sportler vermeintlich gesunden Maß reduzierte – aus heutiger Sicht …

Prämien für Sportzeitungsabonnements 1894

Dieser Blogbeitrag hat mehr mit Sportgeschichte als mit Fußballgeschichte zu tun. Aber das macht es nicht minder interessant: Dies sind die Prämien, die die Sportzeitung Spiel und Sport 1894 für die erfolgreiche Werbung von drei, sechs, zehn, 25, 50, 100 und 250 neuen Abonnements vergab.1)Vgl. Spiel und Sport 4 (1894), 6. Oktober 1894. S. 19-20. Hier die Übersicht, nach Abonnements gestaffelt, unterteilt in Sportgeräte und -kleidung sowie Nicht-Sportgeräte und -kleidung Da sich die Spiel und Sport vor allem auf Cricket, Lawn-Tennis und Assoziationsfußball konzentrierte, überrascht es nicht, dass die meisten Prämien Sportgeräte für diese Sportarten waren. Aber auch für Radfahrer, Boxer, Golfer, Skisportler, Schachsportler, Segelsportler, Croqueter und Leichtathleten gab es Prämien für erfolgreich geworbene Abonnements. Tatsächlich übten die meisten Sportler nicht nur eine, sondern gleich mehrere Sportarten aus. Was gab es nun für die einzelnen Sportarten und wie waren die Preise? Pauschal lässt sich das natürlich nicht sagen, da die Qualität und Größe den Preis variieren ließen. Manche Sportgeräte gab es mehrfach als verschiedene Modelle, die teilweise preislich deutlich auseinanderliegen. Und die Übersicht ist sicher nicht …

Regeln für Umpires und Referees | Rules for Umpires and Referees

For the English readers: Please check the page, here is only the translation of the photos of „Rules for Umpires and Referees“ to German. Ich stieß zuletzt auf die Seite The Straw Plaiters, die sich mit der Geschichte des Luton Town Football Club in der viktorianischen Zeit beschäftigt. Dort findet sich auch ein Auszug aus einem Heft(?) über Football laws, tactics and kit 1885 to 1901. Es beginnt mit den Laws of the Game von 1885, dem Gründungsjahr des Luton Town FC. Nachfolgend wurden Fotos eingefügt, die den Schiedsrichtern, den Umpires and dem Referee die Regeln näher erklärten. Umpires gab es zwei, da jeder Club einen stellte. Beide unterstanden dem Referee, einer überparteilichen Instanz, die von beiden Clubs vor dem Spiel einvernehmlich akzeptiert wurde. Alle drei weilten außerhalb des Spielfeldes und reagierten zuvor nur auf Anrufung – der Spieler, sollten diese unterschiedlicher Meinung sein (Umpires) oder auf Anrufung der Umpires, wenn diese sich nicht einigen konnten (Referee) -, entschieden mittlerweile aber bei Regelverletzungen augenblicklich. Signalgeber waren damals Stock (Umpires) und eine Pfeife (Referee). Beschrieben sind …

Die Entwicklung der FA Rules von 1863 bis 1882

1863 wurde die FA in London gegründet. Den jährlichen Generalversammlungen der Mitgliedervereine 1)Ab 1876 war eine Eintrittsgebühr von 5s fällig; die Jahresgebühr lag bis 1868 bei 1 guinea, dann bei weiteren 5s – letzteres war etwa der Wochenlohn eines Arbeiters. stand ein Vorstand (Vorsitzender, Schriftführer, Kassierer) sowie ein Komitee vor, dessen Größe sich in den ersten zwanzig Jahren wandelte (1863: 4 – 1868: 10 – 1872: 17 – 1880: 16). Den FA-Mitgliedern war es verboten, Spiele gegen Nicht-FA-Mitglieder zu spielen und andere Regeln zu benutzen als die FA Rules. Diese hatten bis 1874 Gültigkeit ab ihrem Beschluss im September (bis 1865) bzw. Februar (1866-1874). Ab 1874 wurden sie zum Beginn der kommenden Saison im Herbst des gleichen Jahres rechtskräftig. Im Gegensatz zur Auswertung der Sheffield Rules gehe ich hier nicht chronologisch, sondern (regel-)thematisch vor. Ich erhoffe mir so eine bessere Lesbarkeit für euch. An dieser Stelle möchte ich auch auf die Studie von Tony Brown von 2011 2)Vgl. Brown, Tony: The Football Association 1863-1883. A Source Book. Nottingham 2011. aufmerksam machen, die die gleiche Untersuchung …

Das Morley-Doodle und falsche Berichte

Am 16. August 2018 veröffentlichte Google ein Doodle zu Ehren des 187. Geburtstags von Ebenezer Cobb Morley in Kuba, Peru, Kolumbien, Brasilien, Argentinien, Neuseeland, Australien, China, Vietnam, Indien, Griechenland, Frankreich, Kroatien, Polen, Litauen, Estland, Deutschland und im Vereinigten Königreich. Allein in Googles Beschreibung des Doodles wimmelt es von Fehlern oder zumindest streitbaren Äußerungen, die ich in diesem Beitrag benennen möchte. Und euch dazu animieren möchte, nicht alles für bare Münze zu nehmen. Dass ich mich überhaupt mit der Entwicklung der Fußballregeln und -regelwerke beschäftige, hat mangelndes quellenbasiertes Arbeiten als Ursache. Auf der Suche nach Jahreszahlen merkte ich, dass sich Jahreszahlen widersprachen und das nur in allerseltensten Fällen auf die zeitgenössische Quelle (z.B. Zeitungsberichte) verwiesen wird. Die Annahme, dass viele einfach Informationen von zwei, drei Seiten beziehen und diese nicht weiter überprüfen, bestätigt sich immer wieder. So auch bei diesem Doodle. == Nachträglich Anmerkung: Ich habe nach Erstellen des Posts die Links nicht mehr überprüft. Gut möglich, dass manche Berichte nachträglich berichtet wurden. == Dass SWP die ersten FA-Treffen auf 1982 datiert und India Today Morley Geburtsjahr auf …

Sheffield FA und London FA 1877

In der Darstellung der Sheffield FA Rules ist es schon angeklungen: 1877 übernahm die Sheffield FA die FA Rules, nachdem über mehrere Jahre immer wieder versucht wurde, Kompromisse zu finden. Es gab immer wieder Treffen, insbesondere zwischen John Charles Shaw und Charles William Alcock. Es gab Annährungsversuche und offene Dissonanzen zwischen den beiden Verbänden über die Regeln für Assoziationsfußball. Auch war immer ein Vertreter des Sheffield FC, ab 1867 der Sheffield FA bei den jährlichen Generalversammlungen der FA in London anwesend und auch im Komitee vertreten. Ich weiß aber aktuell nicht, wie die Beziehung von Sheffield FC bzw. FA zur Londoner FA waren, denn alle Mitglieder mussten zwingend nach FA Rules spielen, was in Sheffield ja nicht praktiziert wurde.

Was uns die Engländer vor Allem lehrten, war, dass der Ball nicht geschleudert, sondern gerollt werden muss. Das ist sozusagen die Quintessenz des Spieles

Am 19. Februar 1899 machte die Wiener Allgemeine Sport-Zeitung bekannt1)Vgl. NN: Die Oxforder Mannschaft in Wien. In: Allgemeine Sport-Zeitung [Wien], 19.02.1899. S. 192. Letzter Zugriff: 04.03.2018., dass der Oxford University Association Football Club zu Spielen in Prag und Wien über die Ostertage nach Österreich reiste. Einem damals sehr erfolgreichen Club der Football Association, der als Universitätsverein nun in der Liga der Fußballmannschaften von britischen Universitäten und Colleges der Midlands-Region (um Birmingham), spielt. Die Spiele gegen den Deutschen Fußballclub und Slavia (beide Prag) fanden Ende März statt, die Spiele in Wien Anfang April. Der Artikel stellt außerdem die Mannschaft des Oxford University AFC mit vorherig besuchtem College, Größe, Gewicht, Position und weiteren Sportarten, die sie betrieben, vor. Die Spiele fanden in Wien gegen den Wiener Athletiksport-Club statt und zwar gegen eine Mannschaft mit Österreichern und Engländern („gemischte Mannschaft“) und eine Mannschaft mit nur Österreichern („deutsche Mannschaft“). Die „deutsche Mannschaft“ bestand dabei aus drei Spielern der „gemischten“ Startelf ,drei genannten Ersatzspielern und fünf weiteren, die für das Spiel der „gemischten Mannschaft“ nicht berücksichtigt wurden. Um 15:30 Uhr …

Sport als Gottes-Dienst

Das Stadion oder die Halle als heilige Stätte, Pokale, Sportutensilien wie Fußbälle und Trikots als heilige Gegenstände, die immerwährende Hoffnung, das Unerreichbare zu schaffen, das Nutzen neuer Chance, Fehler wiedergutzumachen und so Buße zu tun, der Aberglaube, immer das gleiche Trikot zu tragen oder immer an der gleichen Stelle zu sein … Sportarten haben einiges mit Glaube und Religion zu tun. Die populärste unter ihnen, das Fußballspiel, kann am einfachsten bisherige Ungläubige überzeugen und gläubig machen. Aber darum soll es in diesem Beitrag gar nicht gehen, sondern vielmehr um muscular Christanity – um das Muskelchristentum.

Englischer Fußball und Pubs

Im frühen 19. Jahrhundert zogen in England  zahlreiche Arbeiter an den Rand der Städte (die so genannte Urbanisierung), wohnten häufig in den gleichen Straßenzüge und Quartieren, meist in Reihenhaussiedlungen und suchten nach ihrer Identität. Auch in den Fabriken blieben sie anonym. Die Straße wurde ein wichtiger Sozialisationsort für die Arbeiter, denn sie gab ihnen Identität. Und die noch nicht völlig regulierte, aber gewalttätigere Form des Fußballs war ein bewährtes Mittel zum Abbau von Aggressionen.

Über Verletzungen beim Fußball um 1900

Das Bild, das Fußballskeptiker und -gegner Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland formten, vermischte die medizinische Sorge, der menschliche Körper sei einer so langen ausdauernden Anstrengung nicht gewachsen, mit der nationalen Ideologie von Turnern und vermischte Statistiken über Verletzungen bei Fußball, Rugby und American Football. 1893 titelte die Westminster Gazette in bedrohlichen Worten, dass das Fußballspiel „71 blühende Jünglinge dahingerafft“ habe. Fußball belastet das Herz und die Lunge zu enorm. Und wenn das nicht zum Tode führt, dann doch die gewalttätige Spielweise, die regelmäßig Knochen bersten lässt. Und dazu noch diese unnatürliche, nach vorne gebeugte Haltung, die so gar nicht deutsch ist. – So die Gegner des Fußballspiels wie auch anderen Sportarten. Die Befürworter von den Sportarten, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Deutschland kamen, ließen sich solche Anschuldigungen natürlich nicht lange auf sich sitzen und widerlegten die Anschuldigungen. Immer wieder finden sich in den Sportzeitungen und im Fußball-Jahrbüchern des DFB vor dem ersten Weltkrieg Rechtfertigungen, warum Fußball nicht derart gewalttätig sei wie dargestellt, sondern sogar Vorteile hätte. Todesfälle gab es übrigens weder 1912 noch …

Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 20: What about sports?

„Sport umfasst einen Begriff, den wir nicht durch eine Erklärung zu verdeutlichen im Stande sind.“ Dieser Satz ist aus dem Handbuch des Damen-Sports von Leopold v. Heydenbrand, 1886 in Wien gedruckt (Seite 1). Er ermuntert vielleicht im ersten Moment zu einem leichten Schmunzeln, vielleicht auch zu einem verwunderten Zucken der Augenbrauen. Das Wort Sport gab es nicht vor der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde dann aber sehr schnell in die deutsche Sprache übernommen und nicht eingedeutscht. Das ist schon verwunderlich, da zur gleichen Zeit Konrad Koch und der Zentralausschuss zur Förderung der Volks- und Jugendspiele in Deutschland erfolgreich für die Einführung deutscher Begriffe im Fußball plädierten. Und die Enzyklopädien, Lexika und Handbücher des 19. Jahrhunderts versuchten sich in Übersetzungen, um das unbekannte Wort zu erklären. Etymologisch gesehen trafen sie mit den Begriffen Liebhaberei, Vergnügen, Belustigung, Zeitvertreib, Unterhaltung oder Scherz auch durchaus ins Schwarze, denn „sports“ leitet sich vom mittelenglischen „disport“ und dieses wiederum vom altfranzösischen „desport“ bzw. altitalienischen „diporto“ ab: Belustigung, Freude, Vergnügen. Aber Sport nur mit Vergnügung oder einem Zeitvertreib zu übersetzen ist …

Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 19: Wissenschaftliches Spiel – Kombinationsfußball

In diesem Beitrag geht es um die Anfänge des combination game im Fußball – um Kombinationsfußball. Wer hat’s erfunden? Nun, das ist umstritten: Manche Quellen nennen schottische Fußballspieler, die ihre eigene Idee eines Fußballspiels nach England brachten und mit ihrem Doppelpassspiel andere Mannschaften locker ausspielten. Oder waren es Clubs aus Sheffield, die in ihrer Football Association das auch für Zuschauer attraktivere „backing up and passing on“ spielten? Durch die Absicherung wurde ein schnelles, sauberes Spiel möglich. Zudem wurden die Begriffe combination game und scientific game schon Jahrzehnte vorher im Rugby und Cricket verwendet und bezeichnete immer eine neuartige Spielweise. Es bezeichnet ein Spiel mit Feinheiten, das vorausgeplant wurde. Der Assoziations-Kombinationsfußball wird schlicht an mehreren Orten in den 1870er und 1880er Jahren entstanden sein. Grund dafür ist auch die erste Veränderung der Abseitsregel 1866 (London Association) bzw, 1871 (Sheffield Association). Bis 1866 gab es eine sehr restriktive Abseitsregel: Abseits ist, wer von den angreifenden Spielern vor die Balllinie kam. Es blieb also als spielerische Möglichkeit nur, den Ball immer nach vorne zu treiben. Wie sollte sie unter …

Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 18: Als Fußball in Deutschland ein Massenphänomen wurde

In Deutschland war wurde Fußball nach dem Ersten Weltkrieg ein Massenphänomen und zudem Nationalsport. Wie kam es dazu, da Assoziationsfußball vor dem ersten Weltkrieg doch vielerorts noch argwöhnisch beobachtet und als Fußlümmelei verschrien wurde? Generell muss man den integrativen Moment der Fußball wie des modernen Sports betonen: Fußball funktioniert als Integrationsmodell. Besonders Ende der 1910er Jahre, nach dem ersten Weltkrieg, da er keine Beschränkungen für Personen verschiedener Religionen, Konfessionen, politischer Überzeugungen und ihres sozialen Milieus macht. Fußball wirkte und wirkt integrativ, kann über die Verschiedenheiten hinweg einer gemeinsamen Identität stiften. Steigende Anzahl von Spieler, Verbänden. Wehrsport und Ventil. So vervierfachten nicht nur die Zahl der in Verbänden organisierten Fußballer enorm, sondern auch die Zahl der Verbände und der ausgespielten Meisterschaften. Der größte Verband war zweifelsohne der DFB, gefolgt vom Arbeiter-Sport und Turn-Verband. Viele von ihnen haben Fußball als Wehrsport im Krieg kennengelernt, sodass nach dem ersten Weltkrieg die „Grenze zwischen Militär- und Zivilsport […] bis zur Unkenntlichkeit verwischt“ war. 1)Eggers, Erik: Fußball in der Weimarer Republik. In: Stadion. Internationale Zeitschrift für Geschichte des Sports 25 …

Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 17: Die ersten Sportzeitschriften

Die Fußballberichterstattung kam in Deutschland wie in Österreich in den 1890er Jahren auf. Sportjournalisten gehörten zusammen mit Sportartikelherstellern und -händlern, Bau- und Transportunternehmern, Buchmachern und Getränkeherstellern zu den Personengruppen, die direkt vom modernen Sport profitierten. Die ersten Fachjournalisten waren meistens aktive Fußballer, die versuchten, auf diese Weise den Markt für diese neue Art der Zerstreuung zu erschließen. Die allererste Sportzeitschrift erschien aber bereits im Oktober 1792. „The Sporting Magazine, or Monthly Calendar of the Transactions of the Turf, the Chase and every other Diversion interesting to the Man of Pleasure, Enterprize, and Spirit“ ging es allerdings um die damals beliebtesten Sportarten der Oberschichten: Jagd und Pferderennen.1)Behringer, Wolfgang: Kulturgeschichte des Sports. Vom antiken Olympia bis zur Gegenwart. München 2012. S. 236. Hier stelle ich die beiden Sportzeitungen Sport im Bild von Andrew Pitcairn-Knowles und Spiel und Sport von John Bloch vor.   Sport im Bild Andrew Pitcairn-Knowles (1871-1956) war einer der ersten Sportjournalisten im Deutschland des späten 19. Jahrhunderts und bezeichnenderweise Engländer. Er wuchs als Sohn eines Wollhändlers in der Wiesbadener Engländerkolonie auf und studierte später …

Minzöl und H2O2 – Hygienetipps nach Girulatis

Nicht nachmachen. „Während dieser Zeit [10 min Halbzeitpause] wird der Trainer Mundspülwasser für die Mannschaft zurechtgemacht haben. Es ist nämlich ganz unnötig, ja sogar direkt schädlich, heißen Kaffee oder gar Selterswasser zu genießen. Eine ausgiebige Mundspülung, welche den im Rachen und in der Mundhöhle angesammelten Schleim beseitigt, bringt schon die ersehnte Kühlung des Mundes und beseitigt das Verlangen nach Getränken. Gibt man dann noch eine Scheibe Zitrone, so wird jeder Spieler erfrischt sein. Ein gut desinfizierendes, dabei billiges Mundwasser wird hergestellt aus 1 Teil Wasserstoffsuperperoxyd und 5 Teilen Wasser.“ 1)Girulatis, Richard: Fußball. Theorie, Technik, Taktik. Leipzig 4^[1923]. S. 95. Wasserstoff(super)peroxid ist ein starkes Bleich- und Desinfektionsmittel, dass aber üblicherweise als 0,3% Lösung als Mund- und Rachenwasser benutzt wird. Girulatis empfiehlt aber eine 16,67% Lösung – eine Konzentration, für die man heute im Handel eine Endverbleibserklärung braucht und den Kauf melden muss. Selbstaluhutnahe Websites nutzen „nur“ 3% Lösung, dann aber sogar als innere Einnahme, da es sauerstofffördernd ist (es teilt sich bei der Reaktion in Wasser und Sauerstoff). Manch einer, der Girulatis‘ Empfehlung umsetzte, dürfte sich über …

Die Entstehung von Fußball außerhalb des UK und des deutschen Kaiserreichs

„Die Gründerväter der FA hatten damit aus einem alten Kampf- und Wett-Spiel ihrer Standeskultur einen rational organisierten Sport gemacht, der überall und von jedermann […] ausgeübt werden konnte.“.1)Eisenberg, Christiane: Einführung. In: Christiane Eisenberg (Hg.): Fußball, soccer, calcio. Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt. München 1997. S. 7-21, hier S. 9. In fast allen hier untersuchten Ländern waren es englische Geschäftsleute, Ingenieure, Studierende und Reisende, auch Botschaftsnagehörige, die in Deutschland nicht auf Fußball verzichten wollten und ihn hier indirekt und ungewollt bekannt machten – meistens um die 1880er Jahre.2)Vgl. Eisenberg, Christiane: Einführung. In: Christiane Eisenberg (Hg.): Fußball, soccer, calcio. Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt. München 1997. S. 7-21, hier S. 9. Fußball schlug dann Wurzeln, wenn es seinen aktiven und passiven Kennern gelang, das Spiel mit konkreten Dingen aufzuladen; das war fast überall das Militärische durch den übersteigerten Nationalismus und den Hegemonialfantasien der Großmächte.3)Vgl. Eisenberg, Christiane: Einführung. In: Christiane Eisenberg (Hg.): Fußball, soccer, calcio. Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt. München 1997. S. 7-21, hier S. 9. Durch …

Der feine Sportlikör „Hahohe“

Kurz stutzte ich, als ich in der wöchentlich erschienenen Arbeitssport-Zeitschrift namens Freie Sport-Woche die Überschrift „Wer kennt den feinen Sportlikör ‚Hahohe‘?“ las. Werbung? – Nein. Kommt daher der Ruf der Hertha-Fans? – Nein, den gab es schon vorher und gab dem Likör den Namen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es sich bei dem Artikel um die Wahrheit oder eine Verulkung des „bürgerlichen Fußballsports“ durch die Arbeitssport-Zeitschrift handelt. „Bürgerlich“ bezeichnet diese Zeitschrift Vereine, die zum DFB gehörten und professionell und kapitalistisch agierten – im Gegensatz zum Arbeitersport. Vielleicht kennt jemand den Likör oder weiß, dass es nur eine Verspottung ist. Ergänzung: Dank @blauesgehirn weiß ich nun, dass Willi Kirsei kein Unbekannter, sondern eine Legende war, die Hertha zur Meisterschaft 1930/31 führte. Was einen bei der Lektüre des Artikels noch mehr schmunzeln lässt. @ClioMZ Dopingskandal… — Blaues Gehirn (@blauesgehirn) 24. Mai 2017   Wie auch immer – hier der gesamte Artikel aus: Freie Sport-Woche. Zeitschrift für Spiel und Sport 12 (1930). S. 209-210 (= Nummer 13, 31. März 1930).   Wer kennt den feinen Sportlikör „Hahohe“? Wilh. …

„Viel von seinem Reiz wird verschwinden, wenn es im Lichte der Bogenlampen gespielt wird“

Über nachfolgenden Artikel stolperte ich vor kurzem. Aus: Freie Sport-Woche. Zeitschrift für Spiel und Sport. 12 (1930). S. 306 (= Nummer 16, 22. April 1930). Fußball bei Nacht? In England ist das erste Fußballspiel bei künstlicher Beleuchtung vor sich gegangen; die Meinungen darüber gehen in der englischen Tages- und Sportpresse auseinander. Das sozialistische Organ, der „Daily Herald“, bemerkt dazu: „So verführerisch die Idee des Nachtfußballspiels ist, so zweifelhaft ist es aber, ob sie einen praktischen Wert hat. Als vorübergehende Sensation mag sie die Phantasie der Masse anregen, aber als Dauereinrichtung wird sich das nächtliche Fußballspiel wohl nicht behaupten können. Fußball ist ein Spiel für den hellen Tag, viel von seinem Reiz wird verschwinden, wenn es im Lichte der Bogenlampen gespielt wird; es wird bei künstlicher Beleuchtung zu einem künstlichen Spiel werden. Dann ist Fußball auch ein Sport für den Winter. Fußball bei Nacht müßte sich aber, um finanziell ertragreich zu sein, den Sommer über hinziehen und würde so eine Konkurrenz für den Sommersport bilden. Die frische Luft des Wintertages gibt dem Fußballspieler eigentlich erst das Leben …

Schiedsrichter um 1930

Was ist die Pflicht von Schiedsrichtern? Wie sollten sie auftreten, wie agieren? Dass sich die Ratschläge an sie aber auch das Verhalten von Spielern in den letzten 90 Jahren (und tatsächlich auch darüber hinaus) nicht wirklich verändert hat, zeigen beiden folgenden Fundstücke aus der Beilage der Zeitschrift „Die Sportwoche“,  „Der Fußballspieler – Technischer Teil“. Diese Zeitschrift war das Organ des Arbeiter-Turn- und Sportbundes, dass sich mit der Fußballberichterstattung der Arbeiterfußballvereine widmete. Hier zunächst „Der Schiedsrichter“ von einem nicht genannten Autor auf Seite 34 aus Jahrgang 10 (1928) (hier auch als pdf) und „Seelenkunde auf dem Spielfeld. Zweckmäßigkeit in der Spielleitung“ von Anton Froschmayr auf den Seiten 21 bis 22 aus Jahrgang 11 (1929) (hier auch als pdf). Zu letzterem nimmt auch ein Artikel in der Danziger Volksstimme vom 17.11.1930 Bezug („Ist eine Veredelung des Fußballspiels möglich? Man sagt ja.“ – hier als pdf). Der Schiedsrichter Autor: anonym Quelle: Die Sportwoche. Der Fußballspieler – Technischer Teil 10,5 (1928). S. 34. „Der Schiedsrichter steht im Mittelpunkt des Fußballsportes. Seine Arbeit ist mühevoll und wird meist nicht gelohnt. …

Fußballgesang in Deutschland vor 1933 – Ein erster Einblick

Was Fußballfangesänge und Wallfahrtslieder gemein haben? Sie werden auf schon bekannte Melodien gesungen, denn so muss nur der neue Text und nicht auch noch die Melodie gelernt werden. Das trifft nicht nur auf die heutigen Lieder, die auf die Titelmelodie des A-Teams, Pippi Langstrumpf oder „Seven Nation Army“ von den White Stripes gesungen, sondern auch schon zur 20. Jahrhundertwende, als der „Assocation Football“ als „Fußball ohne Aufnehmen des Balles“ bekannt wurde. 90 deutsche Fußballfanlieder habe ich im volksliederarchiv.de gefunden, allesamt aus den drei Fußballliedsammlungen „Fußball Sang und Klang“, „Fußball-Liederbuch“ und „Sport-Liederbuch“, die bis 1933 in mehreren Auflagen erschienen sind. Aus den Liedtexten habe ich Wordles kreieren lassen. Bevor zu den Wordles komme, noch ein paar einleitende Worte. (Am Schon-mal-kurz-runterscrollen hindere ich euch nicht, falls ihr allzu neugierig seid.) Mir ist bewusst, dass das keine äußerst representative Auswertung ist. 90 Lieder sind wahrscheinlich nur ein kleiner der zwischen 1895 und 1933 kursierenden Liedern Ich habe nur im Volksliederarchiv gesucht und nur nach dem Stichwort „Fußball“ (dass das ß auch zu ss auflöst und Wörter findet, in dem …