„[…] it is evident that football is quite an ancient game. Time alters everything, and it has undoubtedly done so in football. Where one used to play with half the village on one side and the same on the other, it is now restricted to sides composed of eleven players. As I have been requested to write on the modern game it is not worth while dwelling upon how it was played a hundred years ago. Football is really supposed to be a Scottish game, but it was in England that a proper Association with defined rules was first started.“ (John Cameron: Association Football and How to play it. London [1908]. S. 7.)

Der Begriff des modernen Fußballs ist kein Begriff der letzten Jahrzehnte, wie ich im vergangenen Jahr in zwei Longreads bei 120minuten über England und Deutschland schon veröffentlicht und anschließend im dazugehörigen Podcast dargestellt habe.

Sowohl Montague Shearman (1887), Charles William Alcock (1906) und zitierter John Cameron (1908) beschreiben in ihren Schriften über das Fußballspiel, was sich seit der Gründung des ersten Fußballverbandes 1863 bereits verändert hat. Dabei beziehen sie sich nur auf association football, also Assoziationsfußball bzw. Verbandsfußball als Abgrenzung zum Rugby. Hier eine kurze Zusammenfassung ihrer Darstellungen zum modernen Fußball um 1900, als in Deutschland gerade der DFB gegründet wurde.

In den 1860er und 1870er Jahren war die FA deutlich von adeligen und bürgerlichen Gentlemen dominiert, die Fußball zu einem großen Teil bereits als Disziplin- und Moralübung in der Schule kennen- und lieben gelernt haben. Besonders in den ersten Jahren nach der Gründung der FA war Fußball eine reine Freizeitbeschäftigung und Mittel zur Übungen für ehemalige Schüler von public schools. Man verurteilte das körperbetontere Fußballspiel, das unter anderem an der public school in Rugby gespielt wurde und der Spielform später den Namen gab. Schon damals gab es den Terminus des scientific play, dass man heute am besten als Zauberfußball bezeichnet: Es geht um Spielweisen, die die Zuschauer ins Staunen versetzt. Scientific play der 1860er war es, möglichst lange und virtuos den Ball dribbeln zu können. Backing up bezeichnete nur die Variante, dass alle anderen Spieler in der Mannschaft dem Dribbelnden im Windschatten folgen, damit sie den Ball abfangen können, falls er ihn vom Gegner abgeluchst bekommt. Die einzigen, die nicht immer folgten waren die beiden backs / Verteidiger. Half backs / Mittelfeldspieler gab es in diesem Spielsystem noch keine.

In den 1870er Jahren wurde der Fußballsport für andere Sport- sowie Leichtathletikteam attraktiv, um sich in den Pausen fit zu halten. Es war auch üblich, dass eine Person in den warmen Monaten Cricket spielte und in den kühleren Monaten Fußball, um sich fit zu halten.

Ab etwa der Mitte der 1870er Jahre wurde dann auch das Spielsystem etwas verändert und künftig im 2-2-7 oder 2-2-6 mit fester Positionszuteilung im Sturm gespielt und je nachdem, ob schon ein Spieler als Torwart festgelegt wurde. Eben in dieser Phase verlor der Wanderers FC seine Dominanz bei FA Spielen an die old boys teams, wie die Mannschaften ehemaliger Schüler einer Schule genannt wurden. Die Wanderers bestanden aus den besten ehemaligen public-school-Schülern, doch in den 1870ern wurde es modern, dass Schulen ihre eigenen Old … -Mannschaften gründeten. Das hatte zur Folge, dass die Alumni der public schools aus Verbundenheit lieber im Verein ihrer Schule spielten als bei den Wanderers. So wurden für etwa ein Jahrzehnt die Old Etonians, Old Carthusian, Old Wykehamists, etc. die erfolgreichen Mannschaften.

Im Laufe der 1880er Jahre wandelte sich der Fußball enorm. Es begann im Norden mit den Mannschaften von Entrepreneurs, die weniger den Zeitvertreib und vielmehr Reichtum und Ansehen im Blick hatten, und Arbeitern, die ihre Chance zu nutzen versuchten, als Fußballer der gefährlichen oder allzu stupiden Arbeit in Bergwerken und an Fließbändern zu umgehen. Das große Geld lockte schon damals. Auch das Spielsystem wandelte sich mehr und mehr zu einem Kombinationsspiel. In der zweiten Hälfte der 1880er Jahre wurden diese Änderungen auch in der südlicheren Hälfte Englands von mehr und mehr Mannschaften umgesetzt.

Shearman veröffentlichte seine Schrift 1887 und für ihn waren die wichtigsten Änderungen seit 1863 neben dem Professionalismus die bereits 1866 geänderte Abseitsregel und die veränderte Form des Einwurfs bzw. Eintritts von der Seitenlinie – ja, damals konnte gewählt werden, ob das Spiel mit einem Einwurf oder einem Eintritt fortgesetzt wurde. Außerdem war die Entwicklung zum Kombinationsspiel für ihn bahnbrechend. Man spielte zwar in London und Umgebung immer noch im 2-2-6 oder 2-2-7, aber das Spiel hatte zu sich einem selbstlosen Spiel entwickelt, in dem nicht mehr die Kunststückchen der einzelnen Spieler im Vordergrundstanden, sondern das Zusammenspiel, der Spielaufbau und die Manndeckung. Ihm war außerdem wichtig, dass das Fußballspiel ein Wintersport bleibt und sich die Spiele nicht noch mehr in den Sommer (d.h. über März hinaus) verlagern und dass sich das Kopfballspiel weiterentwickelt. Das Passen per Kopf war damals noch sehr unüblich und wurde erst am Ende der 1880er Jahre üblicher. Häufig schien es noch sehr als „Clownerie“ (so Shearman) zu erinnern, weil die Spieler kaum Geschick darin hatten.

Die Entwicklungen der darauf folgenden zwanzig Jahre schildern Charles William Alcock und vor allem John Cameron.

Cameron stellte eingangs fest, dass die Begeisterung für das Fußballspiel mehr und mehr ansteigt und prophezeite, dass das Spiel „noch mindestens eine Generation gespielt wird“ 1)Vgl. Cameron, John: Association Football und wie man es spielt. London [1908]. S. 63.. Eine Aussage, die uns heute schmunzeln lässt und sogar noch mehr, wenn man liest, dass für Cameron die Ausübung von Radfahren und Laufen „durch das Fehlen einer Organisation“ 2)Vgl. Cameron, John: Association Football und wie man es spielt. London [1908]. S. 63. bereits dem Untergang geweiht seien. Was löste die Begeisterung aus und half dabei, dass sie nicht abebbte? Cameron nennt hier den Zusammenhalt der Spieler und die Unterstützung durch Lehrer, die das Fußball im Unterricht einsetzen, außerdem das verbesserte Training (eher: Essen), auf das ich letzten Dezember näher eingegangen bin. Alcock ergänzt die Weiterentwicklung des Spielsystems zum 2-3-5 und damit des Kombinationsfußballs.

 

Literatur

  • Shearman, Montague: Athletics and football. London 1887.
  • Alcock, C. W.: Football. The Association Game. London 1906.
  • Cameron, John: Association Football and How to play it. London [1908].

 

Fotocredits: Frontispiece from the book Association Football and How to Play It (1908) by John Cameron. Photograph of the author, Scottish-born footballer and Tottenham Hotspur player-manager, John Cameron. https://en.wikisource.org/wiki/File:AS%26HTPI_frontis_John_Cameron.png

Fußnoten   [ + ]

1. Vgl. Cameron, John: Association Football und wie man es spielt. London [1908]. S. 63.
2. Vgl. Cameron, John: Association Football und wie man es spielt. London [1908]. S. 63.