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Die Entwicklung der Fußballregeln und Fußballregelwerke

Das Fußballregeln Laws of the Game Wordle 2016

Fußball – als weitgefasste Bezeichnung für ein Spiel, bei dem ein Gegenstand vor allem mit dem Fuß gespielt wird, – gibt es schon seit der Antike, wie Aufzeichnungen aus dem alten Griechenland, römischen Reich und auch China zeigen. Auch im Spätmittelalter und der Frühneuzeit, d.h. etwa zwischen 1300 und 1800, war das Fußball-Spiel bekannt. Im heutigen Italien, Frankreich und England gab es in dieser Zeit zwischen einzelnen Städten tagelange Spiele … oder Kämpfe, denn sie waren größtenteils unreglementiert und man bediente sich körperlicher Gewalt oder Utensilien wie beispielsweise Mistgabeln, um den Sieg für seine Gruppe zu erringen. Gegners dieser Art von Fußballspielen verbreiteten Horrormeldungen von zahlreichen Scherverletzten und Toten. Ob dieser Meldungen ganz oder teilweise der Wahrheit entsprechen, wurde noch nicht untersucht.

In England war bis weit in das 19. Jahrhundert ein Fußballspiel in den unteren Klassen beliebt, dass heute noch an shrovetide in manchen Orten gespielt wird und das in der Forschung als plebian football beschrieben wird.

Football, das Fortbewegen eines runden Gegenstandes mit den Füßen, wurde zwischen nahegelegenen Siedlungen gespielt. Allerdings erinnern die Beschreibungen an ein sehr kampfbetontes Rugbyspiel, denn das Transportieren der Kugel mit den Händen war ebenso erlaubt wie gewaltfrohes Einsteigen als Tackling. Sei es mit Füßen und Händen oder mit anderen Mitteln wie Stöcken. Spielen durfte jeder; eine Einteilung in Spieler und Zuschauer gab es nicht. Zwar gab es einzelne Regeln, die jedoch nicht so regulierend in das Spiel eingriffen wie in die heutigen Varianten des Fußballspiels. Darüber hinaus gab es schon während der Frühneuzeit Bemühungen, die Fußballspiele zu regulieren und damit zu kontrollieren (Richard Mulcaster, 1561: Man brauche einen „training master“ und eine Person, die „jugde over the parties and hath authroritie to commaunce“), aber sie waren erfolglos.

 

Reglementierter Fußball in the public schools

Thomas Arnold ist in aller Munde, wenn es um die Anfänge der Fußballregeln in England geht, aber das erste Fußballspiel an einer englischen public school wurde wohl 1815 in Eton gespielt, an der public school von Rugby, an der Thomas Arnolds Schulleiter war, ab 1823. Etwa zur gleichen Zeit wie in Rugby wurde das Spiel an der Aldenham School (Elstree) eingeführt (spätestens 1825) und in den 1830er Jahren im Londoner Stadtteil Harrow sowie in Winchester und in Shrewsbury. Die Idee von Thomas Arnold war nicht so einmalig, wie sie mitunter dargestellt wird. Waren die verschiedenen Fußballregeln teils sehr unterschiedlich (Handspiel, Anzahl der Spieler, Kampfbetontheit, Größe des Spielfeldes, Aussehen des Tores, etc.), hatten die frühen (Schüler-)Fußballmannschaften doch Gemeinsamkeiten: Die Schüler sollten auf diese Weise spielerisch die Ideale und Tugenden der Gentleman verinnerlichen: Ehrlichkeit, Selbstdisziplin, Verantwortungsbewusstsein, Fairplay und Selbstorganisation. Außerdem ging es den Lehrern und Schulleitern, die Sportarten wie Fußball an ihren Schulen einführten, um ein gesundes, aber auch maßvolles Leben.

Noch bis in die 1860er Jahre beinhaltete football immer auch das Rugby-Spiel. So auch bei dem bereits erwähnten Eton Field Game, das eine Mischung aus dem heutigen Fußball und heutigen Rugby war. Ähnlich dem heutigen Fußballspiel waren die Varianten an den public schools von Eton (Field Game), Harrow und Winchester. Durch die Eigenheiten der unterschiedlichen Varianten verfügten die Schüler und Absolventen über verschiedene ausgebildete Fähigkeiten. So waren Old waren dafür bekannt, dass sie den Ball sehr lange dribbelten konnten und waren vor allem bei südenglischen Teams noch bis in die 1880er Jahre, bis zur Umsetzung des Kombinationsfußballs, beliebt. Old Wykehamists waren als Halbstürmer oder Mittelläufer, kurz als Spielmacher, sehr beliebt. Im Gegensatz zu Old Harrovians waren sie im Dribbeln überhaupt nicht gut, weil sie es in ihrem Spiel nicht gelernt haben, aber dafür konnten sie herausragend ein Spiel lesen, planen und Bälle zu ihren Mitspielern passen. Auch Old Etonians konnten nicht gut dribbeln, waren dagegen gesuchte backs, weil sie sehr gut fair Zweikämpfe bestreiten konnte. Das Eton Field Game kannte die scrimmages (Gedränge) aus dem heutigen Rugby und nannte sie bully.

Alle diese drei Varianten hatten gemeinsam, dass sie weder das Ball tragende Laufen noch hacking und handball erlaubten. Eine Ausnahme beim handball war der Fair Catch, der aber auch noch in den FA Rules zunächst erlaubt war.

 

Cambridge University Rules

1848 begegneten sich Schüler der Schulen in Eton, Harrow, Rugby, Winchester und Shrewsbury in der Universität von Cambridge, die allesamt Fußball aus ihrem Schulunterricht kannten und das Spiel auch nach der Schule spielten wollten. So kombinierten sie ihre teils sehr unterschiedlichen Fußballregelwerke ihrer Schulzeit zu einem neuen Regelwerk. Sie saßen sehr lange zusammen, berichtete John Charles Thring, ehemaliger Schüler aus Shrewsbury, im Nachhinein. Die daraus entstandenen Cambridge Rules ähneln stark dem heutigen Fußballspiel, da running (Laufen mit dem Ball), hacking (treten) und weitgehend auch das Handspiel verboten war (Fair Catch war wiederum erlaubt). Die FA Rules basieren zum größten Teil auf den Cambridge (University) Rules von 1863.

 

Sheffield FC Rules

Etwa zeitgleich zu den Cambridge Rules entstanden innerhalb der Städte Sportclubs der englischen Oberschichten, die neben Reitsport und Jagd auch an den Fußballformen Fußball und Rugby sowie Cricket Freude fanden. Am 24. Oktober 1857 wurde der heute älteste Fußballverein gegründet, Sheffield FC. Die Gründer waren zwei Cricketspieler, die Fußball als geeigneten Sport fanden, um sich über die Wintermonate fit zu halten. Das war für einige Jahrzehnte keine unübliche Kombination, denn Cricket war ein Sommerspiel, Fußball war schon an der public schools ein Spiel, dass man während der Wintermonate spielte.

Am 28. Oktober 1858, etwa ein Jahr nach seiner Gründung publizierte der Sheffield FC seine ersten eigenen Regeln. Die Sheffield FC Rules behandelten den Anstoß, den Abstoß, Einwurf, den Bestimmungen über das erlaubte und und unerlaubte Spiel, die Ausrüstung des Spielers und darüber, wie ein Tor erzielt wird. Running, hacking and Handspiel war verboten, wobei der Faircatch erlaubt war. The erste Entwurf hatte als weiteres erlaubtes Handspiel vorgesehen, dass ein Ball, der auf dem Boden springt, mit den Händen aufgenommen werden darf (aber nicht vorher geschlagen oder gedrückt werden darf). Dieser Teil findet sich aber nicht mehr im finalen Regelwerk. Das verbotene und erlaubte Spiel des Sheffield FC von 1858 ähnelt deutlich den Bestimmungen des aktuellen Fußballspiels, ist aber nicht identisch. Neben dem erlaubten Fair Catch war es erlaubt, einen Spieler beim place kick mit Kraft anzugehen und zu drücken. Eine Abseitsregel existierte außerdem bis 1867 überhaupt nicht. 1862 kam noch das rouge zur Ermittlung des Siegers bei unentschiedenen Spielen, Bestimmungen über den Seitenwechsel, Freistöße, die Tormaße und die Rouge-Flaggen hinzu.

Ein Spiel mit anderen Vereinen war durch die unterschiedlichen Regelwerke nicht möglich, so dass die Spieler des Sheffield FC zunächst gegeneinander spielten: Die Spieler mit den Anfangsnamen A bis K gegen die mit L bis Z – dass die Anzahl der Spieler damit ungleich war, war damals keine Seltenheit und im Sinne der Gentlemen war das keine Unfairness, ging man doch im Spiel fair miteinander um. Dazu gehörte auch, sich keinen Vorteil zu verschaffen. Das erste Spiel gegen einen anderen Club fand für Sheffield FC statt am December 26, 1860, Boxing Day, gegen den vor kurzem gegründeten Club Hallam in der Sheffielder Umgebung an.

 

Gründung der Football Association

Am 26. Oktober 1863 trafen sich Vertreter verschiedener Fußballclubs im Freemasons’ Tavern in Covent Garden, London. 

Es dauerte fünf Treffen, bis sie am 5. Dezember 1863 das Regelwerk ihres Verbandes veröffentlichten, denn Diskrepanzen betreffend der Handspielregel und die erlaubte Härte des Spiels waren nicht nur deutlich, sondern führten in weiterer Konsequenz zu der Teilung in Fußball und Rugby. Die FA Rules verbaten das Handspiel (mit Ausnahme des Fair Catches bis 1871) sowie das hacking und tripping (Beinstellen) und basierten stark auf der Ausgabe der Cambridge Rules von 1863.

Durch ihren Beitritt zur FA erklärten sich die Mitgliedsclubs einverstanden, nur gegen Clubs zu spielen, die ebenfalls Mitglied in der FA waren und daher nach dem gleichen Regelwerk spielten. Die FA Rules waren 1863 bis 1865 ab September, 1865 bis 1874 sofort nach ihrem Beschluss im Februar und ab 1874 zum jeweiligen Saisonbeginn gültig. Besondere Regeleinführungen waren der das erlaubte Handspiel des Torhüters (ab 1871) und der touchdown, der aber nur in der Saison 1866/67 ausgeführt wurde und dem rouge des Sheffield FC entsprach.

 

Gründung der Sheffield and Hallamshire FA

Vier Jahre nach der Gründung der FA gründete sich aus Vereinen in und um Sheffield die Sheffield and Hallamshire Football Association, kurz Sheffield FA. Die Gründung ging vor allem auf die damals 17jährigen Schüler (Sir) John Charles Clegg und Charles Stokes zurück. Die 13 Mitgliedsclubs der Sheffield FA hatten zu diesem Zeitpunkt bereits die Sheffield FC Rules adaptiert: Hallam FC, Heeley FC, Norfolk FC, Pitsmoor FC, Mechanics‘ FC, Garrick FC, Fir Vale FC, Norton FC, Wellington FC, Mackenzie FC, Broomhall FC und Milton FC. Außerdem hatten sie alle am Youdan Cup vom 16. Februar bis 9. März 1867 teilgenommen, dem ersten Pokalwettbewerb in England. Sheffield FC hatte nicht am Wettbewerb teilgenommen, war aber Mitglied des Verbandes. Noch im März wurde das Regelwerk der Sheffield FA herausgegeben. Obwohl die Mitgliedclubs vorher alle schon die Sheffield FC Rules übernommen hatten, gab es einige Änderungen. Es unterschied sich von den Sheffield FC Rules durch eine neue Struktur der Regeln, die allesamt neu formuliert wurden. Teilweise erhielt das Regelwerk Regeln, die zuvor gar nicht thematisiert waren, teils unterschieden sie sich, teils wurden sie übernommen. Die Regeln der Sheffield FA waren eine Mischung der Sheffield FC Rules und der FA Rules.

Die Sheffield FA Rules hatten mehr Gemeinsamkeiten mit unseren aktuellen Laws of the Game als jedes andere Regelwerk dieser Zeit und der nächsten Jahrzehnte, da es unter anderem das Abseits bei weniger als zwei Gegenspielern zwischen Ball und gegnerischem Tor beinhaltete. Eine weitere Besonderheit der Sheffield FA Rules war die Möglichkeit rouges zu erzielen, um seltener nach Spielende keinen Gewinner zu haben. Im Gegensatz zu den touchdown der FA Rules wurden die rouges bereits 1862 in die Sheffield FC Rules eingeführt und waren nur für die Saison 1867/68 in den Sheffield FA Rules gültig. Anschließend wurden sie durch den Eckstoß und den Abstoß abgelöst. Weitere Merkmale waren: Die Einführung von einem gewählten umpire pro team, die auf Anrufung reagierten und deren Entscheidungen final waren (1868), die die einzigen Richter waren (1869) und Flaggen zur Signalgebung nutzten (1875). Außerdem die Einführung einer Höhenbegrenzung bei der Erzielung eines Tores (ab 1862), dem Abstoßk (ab 1867) und dem Kick-In statt Einwurf (ab 1868). Zudem mussten bei Freistößen (seit 1871 als Strafe eingesetzt) die gegnerischen Spieler 18 ft (ca. 5,5 m) vom Ball und 9 ft (ca. 2,7 m) von den gegnerischen Spielern entfernt sein (1869).

 

Sheffield FA und FA 1877

Nachdem die Sheffield FA über mehrere Jahre versucht hatte, mit der FA ein einheitliches Regelwerk zu erstellen, übernahm die Sheffield FA die FA Rules am 23. April 1877. Die Unterschiede in den beiden Regeln betrafen vor allem das Abseitsgesetz, die Abstoßregel und die Kick-In-Regel (anstatt den Einwurf).

Durch die Übernahme der FA Rules war es aber keineswegs so, dass sofort in ganz England nach den gleichen Regeln gespielt wurde. Mittlerweile hatte sich die Birmingham FA 1875 gegründet und auch nach 1877 gab es zu Gründungen von Regionalverbänden: 1878 in Lancashire, 1882 in Norfolkshire, Oxfordshire, Essex und Suissex FA, 1883 in Berkshire, Buckingham, Walsall, Kent, Nottinghamshire, Middlesex, Liverpool, Cheshire, Staffordshire, Derbyshire und Scarborough. Alle Regionalverbände übernahmen dann aber kurz nach ihrer Gründung die FA Rules, sodass um 1880 die FA Rules dann tatsächlich in ganz England angewandt wurden.

 

Gründung des International Football Association Boards und einem einheitlichen, international gültigen Regelwerk, den Laws of the Game

Die Gründung des International Football Association Board fällt etwa mit der Erlaubnis des professionellen Fußballspielens und dem daraus resultierenden Boom in England zusammen. Die Gentlemen hatten mit dem reglementierten Fußball an den public schools die Basis für das Entstehen des Massenphänomens Fußball gelegt und als vermehrt Arbeiter Fußballspieler wurden, wandten sie sich entweder vom Fußballsport ab oder unterstützten ihn als wirtschaftliche Gönner. Da die Arbeiter den Sport nicht als reine Muße ausübten, sondern ihn gerne als Nebenverdienst nutzten, wurde die Bemühung um einen entlohnten Fußballsport immer größer, denn die Bezahlung der Arbeiter, Bergarbeiter wie Fabrikarbeiter war so gering, dass die Familien mindestens am Existenzminimum, wenn nicht darunter leben mussten. Entrepreneurs nutzen dies, entlohnten gute Spieler, die zudem mehr Zuschauer*innen zum Spiel lockten und den Gewinn durch das Eintrittsgeld erhöhten. Mit dem Gewinn konnten umso bessere Spieler angeworben werden – eine Spirale entstand und der Fußball wurde mehr und mehr ein Wetteifern, denn ein sportlicher Spaß (das führte unter anderem zur Einführung des Schiedsrichters wie wir ihn heute kennen).

Die seit 1872 ausgespielten Länderspiele waren der Grund für die Entstehung dieses internationalen Gremiums – wobei international zu diesem Zeitpunkt gleichbedeutend mit britisch war, da der Fußball in anderen Regionen der Welt noch nicht derart weit entwickelt war, dass Nationalteams existierten.

Nach diesen ersten Länderspielen zwischen den britischen Ländern in den 1870er Jahren gab es Anfang der 1880er Jahre erste Treffen zur Planung eines British Football Cup. Weil: Die Fußballregeln der vier britischen Länder waren nicht völlig identisch. Frühere Länderspiele wurden oft nach den Regeln der Heimmannschaft ausgetragen, aber nicht immer, zum Beispiel beim ersten Länderspiel zwischen England und Schottland 1872. Dies wurde komplett nach den FA-Regeln gespielt, da die schottische Mannschaft ausschließlich aus Spielern des Queen’s Park FC bestand und dieser Club Mitglied damals der FA war. Die Scottish Football Association wurde erst 1873 gegründet.

Am 27. Februar 1880 trafen sich die Secretaries der Verbände von England, Schottland, Irland und Wales, die Vertreter der regionalen Verbände von Sheffield, Lancashire, Staffordshire, Berks and Bucks, Birmingham und District sowie alle County-Challenge-Cup-Verbände in London, um ein gemeinsames Regelwerk zu erstellen. Zunächst nicht erfolgreich. Am 6. Dezember 1882 trafen sich die vier britischen Nationalverbände in Manchester.

Die erste British Home Championship fand bereits 1884 statt, aber die British International Federation wurde erst am 2. Juni 1886 unter dem Namen International Football Association Board gegründet.

Die Laws of the Game, wie das Regelwerk hieß, das künftig in ganz Großbritannien Gültigkeit hatte, waren eine Weiterentwicklung der FA Rules.

 

Cite this article as: Petra Tabarelli: Die Entwicklung der Fußballregeln und Fußballregelwerke. In: , 1. September 2017. URL: https://nachspielzeiten.de/die-entwicklung-der-fussballregeln-und-fussballregelwerke/ (zuletzt aufgerufen: 17. November 2019).
Kategorie: und Drumherum.

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Petra Tabarelli, studierte Historikerin, leitet ein Stadtarchiv und schaut Fußball seit ihrem dritten Lebensjahr. Neben der Landesgeschichte ist die Fußballgeschichte ein großes Interessengebiet. Ihr Schwerpunkt ist Entstehung der Fußballregeln und des Schiedsrichterwesens in England und Deutschland.

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