Fußball – als weitgefasste Bezeichnung für ein Spiel, bei dem ein Gegenstand vor allem mit dem Fuß gespielt wird, – gibt es schon seit der Antike, wie Aufzeichnungen aus dem alten Griechenland, römischen Reich und auch China zeigen. Auch im Spätmittelalter und der Frühneuzeit, d.h. etwa zwischen 1300 und 1800, war das Fußball-Spiel bekannt. Im heutigen Italien, Frankreich und England gab es in dieser Zeit zwischen einzelnen Städten tagelange Spiele … oder Kämpfe, denn sie waren größtenteils unreglementiert und man bediente sich körperlicher Gewalt oder etwa Mistgabeln, um gewinnen zu können. Zahlreiche schwere Verletzungen und Tote waren die Folge.

Und selbst in Zeiten reglementierten Fußball, war es mitunter schwierig, auf die Einhaltung der Regeln zu pochen:

„Aus Königsberg (N.-M.) schreibt uns ein geschätzter Correspondent [M. A. F.], Mitglied eines unserer Berliner Clubs – wie folgt:
‚Die Begründung eines Sportclubs ist mit bisher hier nicht geglückt. Einmal kam es zu einem Fussballspiel, das aber einfach trostlos verlief: Zwei Haufen von je 30 Gymnasiasten stürzten sich auf den Ball; eine Minute später sah man nur einen wirren Knäuel, der sich nach und nach entwirrte, indem sich einzelne herausarbeiteten, die dann einen furchtbaren Fussballkampf unternahmen, bei dem nur leider die Füsse gar nicht gebraucht wurden. Ich, sowie der Turnlehrer, der auf meine Bitten das Spiel gestattet und geleitet hatte, hatte genug.“ […]
„(Nur Geduld, es wird schon gehen. D. R. [=Die Redaktion])“1)Sport und Spiel 3 (1893), 10.07.1893, S. 2.

 

Reglementierter Fußball

Das erste geregelte Fußball-Spiel wurde um 1815 an der Privatschule in Eton gespielt und nannte sich Eton Field Game. 13 Jahre später war Thomas Arnold Schulleiter der Privatschule in Rugby und davon überzeugt, dass das Fußball-Spiel einerseits einer der Sportarten sei, das auch pädagogisch eingesetzt werden konnte, wenn man es deutlich reglementiert und andererseits ein Spiel, das zudem der Gesundheit zu Gute kam, denn in der Zeit der industriellen Revolution waren Spielplätze zum Toben in den Städten rar. Arnold führte Fußball in seiner Schule als Teil des Unterrichts im Winter ein.

Von den Fußballspielen in Eton und Rugby sind keine Regelwerke überliefert, aber Berichte und Skizzen von Fußballspielen. diese zeigen, dass es sich bei diesem football um die Rugby-Variante mit erlaubtem Handspiel und hartem Rempeln handelt. Auf youtube wurde das Spiel nachgespielt und erklärt.

Noch bis in die 1860er Jahre beinhaltete football immer auch das Rugby-Spiel. In Deutschland gehörten kurze Zeit auch Rugbyclubs zum DFB (1900). Beide Spielvarianten – mit und ohne Aufnehmen des Balles – haben gemein, dass bei dem Spiel zwei Mannschaften mit elf bis 18 Spielern auf einem klar definierten Spielfeld den Ball in den gegnerischen Torbereich bringen mussten. Dazu nutzten die Spieler ihren Körper, nichts Weiteres.

Der Idee von Arnold, Fußball als pädagogisches Mittel in den Unterrichtsplan aufzunehmen, folgten viele weitere Privatschulen, jeweils mit eigenen Regelwerken.

Cambridge Rules

1848 begegneten sich Schüler der Schulen in Eton, Harrow, Rugby, Winchester und Shrewsbury in der Universität von Cambridge, die allesamt Fußball aus ihrem Schulunterricht kannten und das Spiel auch nach der Schule spielten wollten. So trafen sie sich, brachten die sehr unterschiedlichen Fußballregelwerke ihrer Schulzeit mit und kombinierten sie zu einer neuen Regelwerk. Sie sollen sehr lange zusammengesessen haben, berichtete John Charles Thring, ehemaliger Schüler aus Shrewsbury. Die daraus entstandenen Cambridge Rules sinddas älteste überlieferte Fußballregelwerk, wenn auch nur in der Version von 1856, acht Jahre nach den ursprünglichen. Sie ähnelt dem heutigen Fußballspiel, da Treten und weitgehend das Handspiel verboten waren.

Uppingham Rules

1862 war besagter John Charles Thring Lehrer in Uppingham und immer noch vom Fußballspiel begeistert. Er verfasste für seine Schule ein Fußballregelwerk, die er bewusst sehr einfach und schlicht hielt. Denn seit Ende der 1850er Jahre gab es unter den Fußballern Diskussionen, ob eine Vereinheitlichung der Fußballregelwerke aller Schulen sinnvoll sei. Thring befürwortetete die Vereinheitlichung und wollte mit seinem Regelwerk („The simplest game“) ein praktisches Beispiel in Umlauf bringen. Doch die Diskussion blieb und Thrings Werk wurde von keiner weiteren Schule übernommen.

Sheffield FC Rules

An dieser Stelle ein kurzer Rückgriff auf 1857: In diesem Jahr wurde der heute älteste Fußballverein gegründet, Sheffield FC. Ein Jahr später, 1858, hatte der Fußballverein seine eigenen Regeln fixiert. Ein Spiel mit anderen Vereinen war durch die unterschiedlichen Regelwerke immer noch selten, sodass in Schulen, Universitäten und Vereinen gegeneinander gespielt wurde. So war das auch in Sheffield: Das erste Jahr spielten die Spieler mit den Anfangsnamen A bis K gegen die mit L bis Z – dass die Anzahl der Spieler damit ungleich war, war damals keine Seltenheit und im Sinne der Gentlemen war das keine Unfairness, ging man doch im Spiel fair miteinander um. Dazu gehörte auch, sich keinen Vorteil zu verschaffen.

Sheffields Regelwerk hatte mehr Gemeinsamkeiten mit unseren aktuellen Laws of the Game als jedes andere Regelwerk dieser Zeit und der nächsten Jahrzehnte. Ausführlich zu dieses Regeln und der Sheffield FA.

Mangelnde Quellenkritik

Kurz am Rande: Ich bin beim Recherchieren nach der Einführung der einzelnen Regeln und ihren Variationen und Veränderungen auf eine große Anzahl an chronologischen Auflistungen gestoßen und es ist mehr als augenscheinlich, wie viel voneinander abgeschrieben wurde und wie viele falsch bzw. nicht vollständig sind, weil sie beispielsweise die Sheffield Rules nicht beachteten, in denen u. a. Eckstoß und Abseits früher oder anders festgeschrieben wurden als in der Football Association.

Gründung der Football Association

Springen wir wieder zeitlich nach vorne und zur Gründung der Football Association: Am 26. Oktober 1863 trafen sich Vertreter verschiedener Fußballclubs2)Barnes, Blackheath, Perceval House, Kensington School, the War Office (heute: Civil Service FC), Crystal Palace, Forest (später: Wanderers), the Crusaders, No Names von („of“) Kilburn. im Freemasons’ Tavern in London3)Vollständige Bezeichnung: Freemasons’ Tavern on Long Acre, Great Queen Street, in Covent Garden.. Darunter zu meinem Erstaunen ein Fußballverein namens „War Office“. Und wirklich, es war der Fußballverein des britischen Kriegsministeriums, der daran teilnahm. Und sich übrigens im Jahr des Treffens in „Civil Service FC“, also „FC Öffentlicher Dienst“ umbenannte – der Name ist bis heute geblieben4)Spielt heute in der Southern Amateur League’s Senoir Division One.. Es dauerte fünf Treffen, bis sie im Dezember 1863 die Football Association gründeten und das Regelwerk ihres Verbandes veröffentlichten.

Während der fünf Treffen gab es neben Diskussionen über die Abseitsregel und das Handspiel auch Diskussionen um die Gefährlichkeit des Spieles in Form von Treten und dem Beinstellen – oder zeitgenössisch formuliert: Ob Fußball ein Spiel von Gentlemen sei oder ein „männliches Spiel“, zu dem diese Härte nun mal gehöre. Die Football Associaton Rules wurden am 5. Dezember 1863 herausgegeben und am gleichen Tag in der wöchentlich erscheinenden englischen Sportzeitschrift „Bell’s Life in London, and Sporting Chronicle“ veröffentlicht. Sie waren eine Weiterentwicklung der Cambridge Rules, die das Handspiel weitgehend und Treten und Beinspiel gänzlich verbaten.
Daher kam es durch die Gründung der Football Association gleichsam zur Trennung in Fußball und Rugby im heutigen Verständnis:

Football oder Association Football (kurz „soccer“) oder später in Deutschland „Fußball ohne Aufnehmen des Balles“,

Rugby oder Union Football (kurz „rugger“) oder in Deutschland auch „Fußball mit Aufnehmen des Balles“ genannt.

Gründung der Sheffield FA

Vier Jahre nach der Gründung der FA gründete sich aus Vereinen in und um Sheffield die Sheffield Football Association. Mit ganzem Namen hieß sie Sheffield and Hallamshire FA, wurde aber fast immer als Sheffield FA bezeichnet. Ihre 13 Mitglieder spielten bereits alle nach dem Regelwerk des Sheffield FC und hatten am ersten Pokalwettbewerb Englands, dem Youdan Cup vom 16.02.09.03.1867 teilgenommen (Sheffield FC hatte nicht am Wettbewerb teilgenommen, war aber Mitglied). Noch im März wurde das Regelwerk der Sheffield FA herausgegeben. Es unterscheidet sich von den Sheffield FC Rules durch eine neue Struktur der Regeln, die allesamt neu geschrieben wurden. Teilweise enthält das Regelwerk Regeln, die zuvor gar nicht thematisiert waren, teils unterscheiden sie sich, teils wurden sie übernommen. Die Regeln der Sheffield FA waren eine Mischung der Sheffield FC Rules und der FA Rules. Ausführlich zu dieses Regeln und den vorherigen des Sheffield FC.

Die Sheffield FA hat weiterhin Bestand, übernahm aber die FA Rules von 1877.

Fußball im deutschen Reich

Im deutschen Kaiserreich wurde das Fußballspiel vor allem aus zwei Gründen in den 1880er Jahren bekannt: Einerseits waren es englische Studenten, Touristen, Kaufmänner, Migranten und Arbeiter, die in ihrer Freizeit die Spiele ihres Landes nicht missen wollten, Fußball in öffentlichen Parks und auf Sportplätzen spielten und so das Interesse der Zuschauern an dem neuen Spiel weckten. So wundert es auch nicht, dass Englisch die Sprache des Fußballs in „Deutschland“ war.5)Dazu u.a.:
1) Marschik, Matthias: Frauenfußball und Maskulinität. Geschichte – Gegenwart – Perspektiven. In: Österreichische Kulturforschung 3 (2003). S. 35-46, hier S. 46.
2) Eggers, Erik: Die Anfänge des Fußballsports in Deutschland. Zur Genese eines Massenphänomens. In: Herzog Markwart (Hg.): Fußball als Kulturphänomen. Kunst – Kult – Kommerz= Irseer Dialige 7). Stuttgart 2002. S. 67-91, hier S. 69, 76.
3) Blecking, Diethelm: Vom „Polackenklub“ zu Türkiyem Spor – Migranten und Fußball im Ruhrgebiet und in anderen deutschen Regionen. In: Beatrix Bouvier (Hg.): Zur Sozial- und Kulturgeschichte des Fußballs (= Gesprächskreis Politik und Geschichte im Karl-Marx-Haus 8). Trier 2006. S. 183-199, hier S. 184.

Andererseits war es der angehende Lehrer Konrad Koch, der Fußball hier bekannter und schließlich gesellschaftsfähig machte. Nachdem er sein Examen mit einer Schrift über Thomas Arnold und seine pädagogischen Ideen erfolgreich absolviert hatte und in Braunschweig Lehrer geworden war, entwickelte er nach Vorbild Arnolds für seine Schule ein Fußballregelwerk – aber ohne Aufnehmen des Balles. Später engagierte sich Koch für die Einführung deutscher Begriffe in der Fußballsprache, um das Spiel von den Schmähungen als „englische Krankheit“ abzurücken und es mit dem kämpferischen Ideal des Militarismus zu verbinden.  Er war auch an der Gründung des Deutschen Fußball Bundes 1900 direkt beteiligt, nicht aber im DFB-Spielausschuss, der das erste einheitliche Fußballregelwerk für das deutsche Reich herausgab (1906). Es basierte laut damaliger Aussage des DFB größtenteils auf dem zeitgenössischen FA-Regelwerk. Da mir keine FA-Regelwerke der 1900er Jahre vorliegen, konnte ich es bislang nicht überprüfen. Auch auf Koch und die Anfangszeit des DFB gehe ich in einem späteren Blogeintrag näher ein.

Komplette Überarbeitung der Laws of the Game

Die FIFA (Fédération Internationale de Football Association) als weltweiter Fußballverband wurde 1904 gegründet, die IFAB (International Football Association Board) als Gremium für Aktualisierungen der Fußballregeln gab es bereits seit 1882, aber dennoch dauerte es bis 1938, bis die ersten einheitlichen Regeln veröffentlicht wurden, die u.a. für alle FIFA-Mitgliedern fortan galten – und gelten: Die Laws of the Game.
Der Hauptverantwortliche für das neue Regelwerk war der damalige Vorsitzende der FA und vorheriger Fußballspieler und Schiedsrichter, Sir Stanley Ford Rous.

Die Laws of the Game gab es zwar unter diesem Namen schon zuvor für die Football Association, nun galten sie aber weltweit, sie wurden grundlegend bearbeitet und in die noch heute bestehenden 17 Regeln unterteilt. Seitdem wurden sie nicht mehr grundlegend verändert, sondern nur aktualisiert oder ergänzt, wie zum Beispiel um Auswechselspieler, die es 1938 noch nicht gab.

Die einzelnen Regeln in ihrer Entwicklung

Wie sich die heutigen 17 Regeln im Laufe der Jahrzehnte verändert haben, habe ich hier bereits veröffentlicht, in die seit 1938 unveränderte Gliederung der 17 Regeln unterteilt:

„Components“: Regel 1 – Das Spielfeld | Regel 2 – Der Ball | Regel 3 – Die Zahl der Spieler | Regel 4: Die Ausrüstung der Spieler 

„Authority“: Regel 5 – Der Schiedsrichter | Regel 6 – Die Schiedsrichterassistenten 

„Rules of play I“: Regel 7 – Die Dauer des Spiels | Regel 8 – Beginn und Fortsetzung des Spiels | Regel 9 – Ball in und aus dem Spiel | Regel 10 – Wie ein Tor erzielt wird

„Technical“: Regel 11 – Das Abseits | Regel 12 – Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen 

„Rules of play II“: Regel 13 – Die Freistöße | Regel 14 – Der Strafstoß | Regel 15 – Der Einwurf | Regel 16 – Der Abstoß | Regel 17 – Der Eckstoß

 

Änderungen und Errata

  • Beide Regelwerke kannten den Fair Catch von Beginn an (1863 FA, 1867 Sheffield FA), außerdem der Sheffield FC (ab 1858). (29.05.2018)
  • Die Rougeflaggen standen jeweils 22,86 m seitlich der Torpfosten. Wenn der Ball zwischen diesen Stangen (aber nicht durch das Tor) ins Toraus ging, war der Ball rougeable. (29.05.2018)
  • Trennung in Sheffield FC Rules (1858-1867) und Sheffield FA Rules (1867-1877). (29.05.2018)
  • [gelöscht] Zusammenschluss von FA und Sheffield FA (29.05.2018)
  • Die Sheffield FA hat weiterhin Bestand, übernahm aber die FA Rules von 1877. (29.05.2018)
  • Gründung der Sheffield FA aus 13 Mitgliedern, Regelwerk der Sheffield FA basiert auf Sheffield FC Rules und FA Rules  (29.05.2018)
Cite this article as: Petra: Die Entwicklung der Fußballregeln und Fußballregelwerke. In: Nachspielzeiten, 1. September 2017. URL: https://nachspielzeiten.de/die-entwicklung-der-fussballregeln-und-fussballregelwerke/ (zuletzt aufgerufen: 25. September 2018).

Fußnoten   [ + ]

1. Sport und Spiel 3 (1893), 10.07.1893, S. 2.
2. Barnes, Blackheath, Perceval House, Kensington School, the War Office (heute: Civil Service FC), Crystal Palace, Forest (später: Wanderers), the Crusaders, No Names von („of“) Kilburn.
3. Vollständige Bezeichnung: Freemasons’ Tavern on Long Acre, Great Queen Street, in Covent Garden.
4. Spielt heute in der Southern Amateur League’s Senoir Division One.
5. Dazu u.a.:
1) Marschik, Matthias: Frauenfußball und Maskulinität. Geschichte – Gegenwart – Perspektiven. In: Österreichische Kulturforschung 3 (2003). S. 35-46, hier S. 46.
2) Eggers, Erik: Die Anfänge des Fußballsports in Deutschland. Zur Genese eines Massenphänomens. In: Herzog Markwart (Hg.): Fußball als Kulturphänomen. Kunst – Kult – Kommerz= Irseer Dialige 7). Stuttgart 2002. S. 67-91, hier S. 69, 76.
3) Blecking, Diethelm: Vom „Polackenklub“ zu Türkiyem Spor – Migranten und Fußball im Ruhrgebiet und in anderen deutschen Regionen. In: Beatrix Bouvier (Hg.): Zur Sozial- und Kulturgeschichte des Fußballs (= Gesprächskreis Politik und Geschichte im Karl-Marx-Haus 8). Trier 2006. S. 183-199, hier S. 184.