Bevor das Regelwerk der Football Association am 8. Dezember 1863 verabschiedet wurde, gab es fünf Treffen, um die Statuten und das Regelwerk für diesen Verband von Fußballclubs festzulegen; ein Regelwerk, das für alle Mitglieder bindend sein sollte.

Die Treffen

Zwischen dem 26. Oktober und 8. Dezember 1863 fanden sechs Treffen statt, alle in der Freemasons‘ Tavern in London, nämlich am 26.10., 10.11., 17.11., 24.11., 1.12. und schließlich am 8.12. Die Leitung oblag dem späteren FA-Vorsitzenden Arthur Pember. Bei dem ersten Treffen waren 14 Vereine, beim letzten acht Vereine vertreten, da sieben Vereine vorzeitig wieder aus dem Verband austraten, ein anderer später hinzukam. Insgesamt 44 Vereinsvertreter nahmen an den Versammlungen teil, aber nur sechs blieben ab 1864 in die FA involviert 1)http://www.scottishsporthistory.com/uploads/3/3/6/0/3360867/meeting_attendees.pdf.

Am 24. November 1863 gab es das vierte Treffen und die Gründung der FA wäre durchaus schon an diesem Tag möglich gewesen, wäre es nicht zu Diskussionen um running und hacking, d.h. um das Laufen mit dem Ball in der Hand und um das gezielte Treten gegen einen Gegenspieler gekommen.

Cambridge Rules als Vorbild?

Nach dem Vorlesen von Zuschriften an die FA kam der Vorschlag, dass sich die FA Rules an den erst wenige Tage zuvor veröffentlichten Regeln der Cambridge University orientieren könnten. Diese Regeln waren von Vertretern von Eton School, Harrow School, Rugby School, Shrewsbury School, zusätzlich zu 1857 auch Marlborough School und Winchester School verhandelt 2)Sykes University war dagegen nicht mehr im Ausschuss. und veröffentlicht worden und unterschieden sich etwas von den Regeln, die die Vertreter. 1857 veröffentlicht hatten. Es gab nun eine festgelegte Spielfeldgröße (max. 150×100 yd), eine festgelegte Torbreite (15 ft), aber keine Höhenbegrenzung mehr, ein strengeres Abseits (ohne Ausnahme jeder, der zwischen Ball und gegnerischen Tor stand) und den Seitenwechsel nur zur Halbzeit statt nach jedem Tor. Außerdem gab es differenzierte Regeln für den Fall, dass der Ball ins Seiten- oder Toraus ging. Es war nun entscheidend, ob er hineinrollte und wer ihn als erstes berührte („Touchdown“) oder ob er hineinflog und im Aus gefangen werden konnte. Gab es im Falle des rollenden Balles einen Eintritt oder Abstoß vom Punkt des Touchdowns, gab es im Fall des direkten Fangens einen Freistoß von dem 25-Yard-Pfosten, der an der Seitenlinie stand. Handspiel (außer für den Fair Catch) und unerlaubtes Spiel (Halten, Schieben, zum Stolpern bringen, gegen das Schienbein treten) blieben verboten.

Charles W Alcock nannte die Cambridge Rules „the most desirable code of the rules for the association“, worüber schon eine erste, kleine Diskussion begann. Kassierer Francis Maule Campbell schlug als Alternative für „most desirable code“ „worthy of consideration“ und Ebenezer Cobb Morley „embrace the true principles of the game with the greatest simplicity“ – Vorsitzender Pember wählte Morleys Vorschlag, nachdem die Abstimmung der der Versammlung eine Pattsituation für alle drei Vorschläge brachte.
G. Lawson schlug außerdem die Passage für die Regeln vor, dass das Komitee der FA nicht auf Regeln beharre, die das Laufen mit Ball vorschlagen. Hierzu gab es zwar bei der Abstimmung nur wenige Zustimmungen, aber auch keine Gegenstimme oder Enthaltung. Erst im Nachhinein begann ein Wortwechsel. Campbell meldete sich zu Wort und gab an, verschiedene Mitglieder hätten nicht abgestimmt, weil sie den Inhalt von Lawsons Verschlag nicht verstanden hätten und forderte eine erneute Abstimmung. Diese von Campbell gemeinten Mitglieder waren alle Befürworter für running und hacking und hatten natürlich wenig Interesse daran, dass die FA nicht auf diese Spielart Wert legte.
Es gab im Anschluss den Beginn einer Diskussion, die Arthur Pember aber im Keim erstickte und das Klären dieser Frage auf die folgende Versammlung am 1. Dezember 1863 verschob.

Gehört running und hacking zum Fußballspiel?

Campbell war Spieler bei Blackheath FC, einem Verein, der die kampfbetonte Variante des Fußballs spielte. Heute nennt man diese Variante Rugby. Das Regelwerk des Blackheath‘ FC von 1862 erlaubte das Angreifen eines Spielers, sobald er mit dem Ball zu Laufen begann. Damit es nicht so gewalttätig ausartete, wie Fußballspiele in den 1840er und 1850er Jahren noch eskaliert sind, vermerkt das Blackheather Regelwerk die für uns absurd scheinende Bemerkung, dass zu dem erlaubten Angreifen gegen den ballhabenden Spieler nicht die Versuche des Erwürgens und Erdrosselns zählen, da diese Verhaltensweise den Prinzipien des Spiels völlig widersprechen. Fußball sollte die meist adeligen Jungen auf die Werte eines Gentlemans vorbereiten – dazu gehörten Bodychecks, aber nicht das Würgen.
Auch, wenn Handspiel und hartes Angehen des Gegners erlaubt war, so durfte der Tritt nicht von hinten oder gegen das Knie des Gegners erfolgen und generell kein Tritt, solange er nicht den Ball hatte, ihn gerade auf dem Boden ablegte oder mit seiner Ferse eine Markierung in den Boden machte, nachdem er den Ball direkt von einem Schuss oder einem Nach-vorne-Hauen des Balles mit der Hand (knocking on) gefangen hatte (= Fair Catch). Auch war es nicht erlaubt, gleichzeitig einen Spieler zu halten und zu treten. Der Ball durfte auch nicht vom Boden aufgenommen werden. Das running, das Laufen mit dem Ball war nur durch einen Fair Catch möglich, nach dem der Spieler keine Fersen-Markierung in den Boden machte, sondern loslief. Wenn sich der Spieler entschied, lieber eine Markierung zu machen, erhielt er einen indirekten Freistoß für seine Mannschaft.

Running und hacking wollten die Befürworter um Campbell in die FA Rules aufgenommen haben und als Campbell beim vierten Treffen am 1. Dezember 1863 das vergangene Treffen resümierte, ließ er bewusst alle Beschlüsse gegen das hacking und running unerwähnt. 3)Siehe dazu: NN: Football Association. In: Supplement to Bell’s Life in London and Sporting Chronicle, 05.12.1863. S. 1. (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Football_Association_(Bell%27s_Life_in_London),_1863-12-05.png). Auf Pembers Ergänzung erwiderte Campbell, dass er die Aufhebung dieses Beschlusses fordere, denn der Vorschlag, die aktuellen Cambridge Rules zu übernehmen sei nicht fristgerecht eingereicht worden. Das stimmte auch, da das Regelwerk erst nach Fristende veröffentlicht worden war. Vorsitzender Pember stellte zur Abstimmung, ob sich die FA Rules an den aktuellen Cambridge Rules orientieren sollten – eine große Mehrheit stimmte dafür. Campbell protestierte. Morley erwiderte, dass die Aufnahme von running und hacking viele Clubs davon abhalten könne, Mitglied in der FA zu werden, da das Verletzungsrisiko eines solchen Fußballspiels wesentlich höher sei. Außerdem würde es die Akzeptanz‘ des Fußballspiels nicht steigern. Campbell entgegnete, dass er Fußball spiele, seit er acht Jahre alt ist, und auch jetzt als 19jähriger noch Fußball spiele und spielen konnte, weil das Spiel nicht mehr so brutal wie in vergangenen Jahren wäre.

„Hacking is the true football game.”

Die Cambridge Rules sprächen diejenigen an, „die ihre Pfeifen und Grog oder Schnaps mehr mögen als das männliche Fußballspiel. Ich denke, dass sie gegen ‚hacking‘ sind, weil zu viele Mitglieder des Clubs spät im Leben begannen und zu alt für den Geist des Spiels waren, der an ihren public schools nach dem Leben so vollzogen wurde. […] Wenn sie es abschaffen, werden Sie all den Mut und den Schneid des Spiels aufgeben und ich werde viele Franzosen mitbringen, die Sie mit einer Woche Übung schlagen werden.“ 4)Zit nach. NN: The Football Association. In: Supplement to Bell’s Life in London, 05.12.1863. S. 1. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Football_Association_(Bell%27s_Life_in_London),_1863-12-05.png (letzter Zugriff: 31.07.2018). Originalzitat: „That it [die Regel] savous[!] far more of the feelings of those who liked their pipes and grog or schnaps more than the manly game of football. I think that the reason they object to ‘hacking’ is because too many of the members of the club began late in life, and were too old for that spirit of the game which was so fully entered into at their public schools and by public school men in after life.”.. Dafür erntete Campbell viel Gelächter, doch er wetterte unbeirrt weiter. Man war bereit, einen Kompromiss einzugehen, doch der Vorschlag die Cambridge Rules als Basis zu nehmen und nicht auf running und hacking zu bestehen, mache eine Einigung unmöglich und es sei zudem ein großer Fehler, weil renommierte, alte Fußballclubs so auf keinen Fall Mitglied in der FA werden wollen. Campbell spielte hier auf die Clubs in public school wie Rugby und Eton an.
Mittlerweile war ihm offenbar klar geworfen, dass er als Befürworter der kampfbetonten Regeln in der Minderheit war, doch er versuchte dennoch, den Druck zu erhöhen: Wenn die Regeln so angenommen werden, werden sich die Befürworter von hacking und running dazu verpflichtet fühlen, ihre Mitgliedschaft in der FA zu streichen und eine eigene Versammlung einzuberufen, zu der bewusst auch die Schulen einberufen werden 5)F.M. Campbell und die drei anderen Befürworter setzten ihre Warnung mit Inkrafttreten der FA Rules in die Tat um und traten aus der FA aus. Allerdings vereinbarten sie keine Versammlung, die Vereine spielten weiterhin unter ihren eigenen Regeln und vereinbarten vor Spielen gegen andere Vereine gemeinsame Regeln. Es dauerte sieben Jahre, bis es zu einem Treffen kam, um ihre Regeln zu vereinheitlichen und die Begegnungen so zu vereinfachen. F. M. Campbell war in dieses Unterfangen aber nicht involviert. Edwin Ash von Richmond FC und Benjamin Burns von Blackheath FC veröffentlichten einen Leserbrief und baten alle Clubs, die „the rugby-type game“ spielten zu einem Treffen am 4. Dezember 1870 und einem weiteren am 26. Januar 1871, in das Pall Mall Restaurant in London. Beim zweiten Treffen wurde die Rugby Football Union mit 21 Vereinen gegründet. Bis zum 22. Juni 1871 wurde das Regelwerk der Rugby FU ausgearbeitet und am 24. Juli bei einer außerordentlichen Generalversammlung angenommen. Tatsächlich wurde in diesem Regelwerk nicht nur das Beinstellen verboten, sondern auch hacking. Das führte aber nun nicht zu weiteren Aufsplitterungen..

Eine tiefe Kluft

Arthur Pember war wütend und ging Campbell an, ob er nur an den Treffen der FA teilgenommen hätte, um sofort auszutreten, wenn die Blackheath Rules nicht übernommen werden? Das sei keine faire und ehrliche Umgangsart („fair and honest way of dealing“). Campbell erwiderte und wiederholte, dass er bis zum Vorschlag bezüglich der Cambridge Rules zu einem Kompromiss bereit war, nachdem man diese bewusst nicht ordnungsgemäß in die Sitzung eingebracht hatte, weil man von der starken Minderheit in der Versammlung wusste, sieht er nun keine Möglichkeit für einen Kompromiss. Pember gereizter: Der Vorwurf, der Vorschlag sei bewusst nicht ordnungsgemäß eingereicht worden sei „ungentlemanly“ und Alcock wiederholte, dass der Vorschlag nicht früher erfolgen konnte, da das Regelwerk ja erst wenige Tage alt gewesen sei.

Campbell möchte die Sitzung erneut verschieben und zwar in die Weihnachtsferienzeit, damit auch die Vertreter von public schools an der FA-Versammlung teilnehmen können. Er wollte damit die Zahl der Befürworter steigern, um vielleicht doch eine geringe Mehrheit für running und hacking zu erreichen. Doch mit seinem Anfeinden gegen die Gegner des running und hacking – und das war die Mehrheit der Versammlung – hatte er sich augenscheinlich jedes Entgegenkommen und Gefälligkeiten verspielt. Pember stellte trotzdem abermals zur Abstimmung, ob running und hacking in die FA Rules aufgenommen werden und das Ergebnis war noch deutlicher als zuvor: Vier Vertreter stimmten für die Aufnahme, 13 dagegen. Damit war die Entscheidung nun endgültig: Man nahm die Cambridge Rules, aber übernahm sie nicht komplett, sondern passte sie im Sinne der Mehrheit der FA-Mitgliedern etwas an.

Campbell meldete sich neuerlich und fragte zynisch, warum man absichtlich public schools ignoriere. Pember antwortete trocken, dass diese eh nie von ihren eigenen Regelwerken Abstand nehmen würden, also als FA-Mitglieder gar nicht in Betracht kommen und daher nicht als Interessensgruppe zu beachten seien.

Die Versammlung wurde geschlossen und eine weitere eine Woche später anberaumt. Sie hatte nur einen Grund und so kam es: Das Regelwerk der FA wurde in dieser Sitzung, am 8.12.1863, verabschiedet.

Fußnoten   [ + ]

1. http://www.scottishsporthistory.com/uploads/3/3/6/0/3360867/meeting_attendees.pdf
2. Sykes University war dagegen nicht mehr im Ausschuss.
3. Siehe dazu: NN: Football Association. In: Supplement to Bell’s Life in London and Sporting Chronicle, 05.12.1863. S. 1. (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Football_Association_(Bell%27s_Life_in_London),_1863-12-05.png).
4. Zit nach. NN: The Football Association. In: Supplement to Bell’s Life in London, 05.12.1863. S. 1. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Football_Association_(Bell%27s_Life_in_London),_1863-12-05.png (letzter Zugriff: 31.07.2018). Originalzitat: „That it [die Regel] savous[!] far more of the feelings of those who liked their pipes and grog or schnaps more than the manly game of football. I think that the reason they object to ‘hacking’ is because too many of the members of the club began late in life, and were too old for that spirit of the game which was so fully entered into at their public schools and by public school men in after life.”.
5. F.M. Campbell und die drei anderen Befürworter setzten ihre Warnung mit Inkrafttreten der FA Rules in die Tat um und traten aus der FA aus. Allerdings vereinbarten sie keine Versammlung, die Vereine spielten weiterhin unter ihren eigenen Regeln und vereinbarten vor Spielen gegen andere Vereine gemeinsame Regeln. Es dauerte sieben Jahre, bis es zu einem Treffen kam, um ihre Regeln zu vereinheitlichen und die Begegnungen so zu vereinfachen. F. M. Campbell war in dieses Unterfangen aber nicht involviert. Edwin Ash von Richmond FC und Benjamin Burns von Blackheath FC veröffentlichten einen Leserbrief und baten alle Clubs, die „the rugby-type game“ spielten zu einem Treffen am 4. Dezember 1870 und einem weiteren am 26. Januar 1871, in das Pall Mall Restaurant in London. Beim zweiten Treffen wurde die Rugby Football Union mit 21 Vereinen gegründet. Bis zum 22. Juni 1871 wurde das Regelwerk der Rugby FU ausgearbeitet und am 24. Juli bei einer außerordentlichen Generalversammlung angenommen. Tatsächlich wurde in diesem Regelwerk nicht nur das Beinstellen verboten, sondern auch hacking. Das führte aber nun nicht zu weiteren Aufsplitterungen.