Fußballgeschichte
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Zukunftsvisionen 1925: Fußball im Jahr 2000

Fußball im Jahr 2000, das ist mittlerweile Vergangenheit. 1925 war es noch Zukunftsvision und daher klingt der Artikel „What to expect in the year 2000“, der am 1. Mai 1925 im Mansfield Reporter erschien, spannend.

Wie war denn nun die Zukunftsvision? Wie stellte man es sich das Fußballspiel zur folgenden Jahrtausendwende vor?

Doch auf den ersten Blick wird man enttäuscht. Das verrät auch schon der Beginn des Titels: „Football Special. Exclusive Interview with a Martian“. Doch zwischen den Zeilen lässt sich viel über die Ideen und Wünsche des Verfassers, Sportjournalist L. V. Manning, herauslesen.

Worum geht es?

Der Artikel ist in Prosa verfasst und erinnert in seinem Beginn eher an Kafka:
Wie er in das Zimmer kam, kann ich nicht erklären. Ich weiß nur, dass er dort war, sich an meinem Tabak bediente und meinen Whisky und mein Soda wie ein normaler Sterblicher genoss. ‚Das wird eine tolle Geschichte‘, sagte er, ‚aber ich glaube nicht, dass man mir glauben wird, wenn ich zurückkomme.‘.

Es stellt sich heraus, dass L. V. Manning einen Sportjournalisten vom Mars vor sich hat, der die fußballfreie Zeit vor dem interplanetaren Pokalwettbewerb nutzt, um mal nach dem Fußballspiel auf der Erde zu schauen.

Die Umgangsformen – Whisky, Soda, Tabak – lassen darauf schließen, dass die Attribute die Fußballfans vom Mars und der Erde anno 1925 nicht unterscheiden.

Wohl aber Regel und Struktur: 850 Jahre dürfte die Entwicklung des Fußballs zwischen den „kultivierten Planeten“ und der Erde trennen, schätzt der Marsianer, der sich weder mit Namen vorstellt noch in Aussehen, Sprache oder anderem beschrieben wird.

Großer Aufschwung auf dem Mars: Die Labourpartei kommt an die Macht und verstaatlicht den Fußball

In den vergangenen 850 Jahren ist viel auf dem Mars passiert: Sehr erfolgreich hat sich besonders ein Punkt auf die Entwicklung des Fußballs ausgewirkt:

Die Labour-Partei auf dem Mars kam erstmals an die Macht und erkannte, dass Fußball ideal ist, um die „stärkste Macht“ zu werden. Sie machte sich den Fußball im Sinne der Menschen zu nutzen, erzählt der Marsianer.

Fußball wurde staatlich kontrolliert, Clubs gingen in Gemeindebesitz über – das bedeutete eine gute Konsolidierung des Staatshaushaltes durch die zahlreichen Einnahmen der Fußballspiele.

Große Wertsteigerung des Fußballs

Gleichzeitig begann die Zahlung von Spielern nach ihrem Wert. Pauschalbeträge gehörten der Vergangenheit an. Und Fußball erhielt eine Aufwertung, wurde eine universitäre Disziplin, gleichbedeutend mit Jura, Medizin und Kunst.

An allem großen Universitäten wurden Lehrstühle eingerichtet, und gelehrte Professoren hielten Vorlesungen über die Wissenschaft des Spiels, des Managements und des Schiedsrichterwesens. Ein qualifizierter Schiedsrichter (Klasse A) erhielt ein Jahresgehalt von 2.000 Pfund und wurde mit 45 Jahren in Rente geschickt.

Ein Völkerbund namens „Fußball-Liga

Titel

Kurzer Text

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Doch damit nicht genug: Es gab durch das Fußballspiel keine Kriege mehr. Auseinandersetzungen wurden auf dem Spielfeld geklärt: „Es entstand ein Völkerbund, der sich den Wettbewerbsgeist des Fußballs so geschickt zunutze machte, dass aus diesem Gremium schließlich eine Fußball-Liga der Nationen wurde. Es folgten die Abrüstung und alle Streitigkeiten, industrielle und andere, wurden auf dem Spielfeld beigelegt.

Aber nicht nur die Politik änderte das Fußballspielen, sondern auch eine Änderung der Abseitsregel. Denn diese „antiquierte Gesetz“ wurde „vor 483 Jahren“ auf dem Mars abgeschafft. Er prognostiziert Manning: „Eines Tages wird jemand auf die Idee kommen, das Spiel ohne Abseitsregeln zu spielen, und Sie werden feststellen, dass dies keine sehr tragischen Folgen für das Spiel haben wird.

Worum geht es wirklich?

Als der Journalist vom Mars erwähnen möchte, wie Spieler für das schwerste Verbrechen, das absichtliche Ballwegschlagen, bestraft wird, stellt sich heraus: Manning hat alles nur geträumt.

In dem Bericht diente der Marsianer nur der prosaischen Erzählung. Denn er gab sehr wohl Mannings Meinung und dessen Träume wieder. Und so macht der Titel wieder Sinn: Der Verfasser hatte die Hoffnung, dass Fußball im Jahre 2000 so aussah, wie der Marsianer es beschrieb.

Was wurde Realität? Was nicht?

Gegen wir daher die Punkte noch einmal durch.

Annahme: 

Das Konsumverhalten hat sich seit 1925 nicht geändert: Der Marsianer genießt eine Spirituose und eine Zigarre.

=> Nein, unser Konsumverhalten hat sich sehr wohl geändert. Sicher gibt es nationale Unterschiede. In Mitteleuropa gelten Brötchen und Bier als Attribute des Fußballfans.

Annahme: 

Mittlerweile können wir auf andere Planeten reisen und spielen nicht mehr auf nationaler Ebene, sondern gegen andere Planeten.

=> Nein, einen interplanetaren Wettbewerb gibt es nicht und wir wissen mittlerweile, dass es dazu auch nicht kommen wird.

Annahme:

Die Labourpartei kommt an die Regierung und dadurch wird das Fußballspiel stark verändert.

=> Nun, tatsächlich kam die (englische) Labourpartei an die Regierung. Kurzzeitig bereits 1924 und damit vor Entstehung des Artikels. 1929 bis 1931 war sie erneut an der Regierung. Aber sie nahm dieser Regierungsphase keinen Einfluss auf das Fußballspiel. Auch keine andere politische Partei.

Annahme:

Fußball wird verstaatlicht, die Einnahmen tragen zur Konsolidierung des Haushaltes bei.

=> Nein, so gar nicht. Aber es sagt doch so manches über L. V. Manning aus, der politisch offensichtlich der Labourpartei nahestand und der sozialistischen Idee der Verstaatlichung nicht ganz abgeneigt war.

Annahme:

Spieler werden mehr gewertschätzt und erhalten das Gehalt, das ihrem Wert entspricht.

=> Ja, Spieler erhalten tatsächlich mehr Geld, aber wohl mehr als sich Manning erträumte.

 

 

Annahme:

Das Spielen, Schiedsen und Leiten von Fußballspielen wird ein universitäres Fach, das in seiner Bedeutung ganz weit oben steht.

=> Jein: Es hat sich die Sportwissenschaften als universitäres Fach herausgebildet, das jedoch nicht mit Medizin oder Jura auf einer Ebene steht.

Annahme:

Auch das Schiedsrichtern wird ein (Haupt-)Beruf, der angemessen bezahlt wird. Zudem wird die Altersgrenze auf 45 Jahre begrenzt.

=> Kommt auf die nationalen und kontinentalen Vorgaben an. Das zeigt allein der Vergleich von Deutschland und England: In Deutschland ist es nur ein Nebenberuf, der etwas entlohnt wird, aber eine Altersgrenze bei 47 Jahren. In England ist es ein Hauptberuf, aber es gibt keine Altersgrenze.

Annahme:

Es gibt die Fußball-Liga der Nationen, die ein politischer Völkerbund ist. Daher gibt es keine zerstörerischen Kriege mehr, sondern eine Auseinandersetzung auf dem Fußballspielfeld.

=> Nein, nicht wirklich. Wenngleich man bei manchen Länderspielen durchaus politische Missstimmung bemerkt (wie auch anderweitig im Sport -> Link Ukraine/Russland kürzlich)

Annahme:

Die Abseitsregel wird abgeschafft.

=> Nein, die Abseitsregel gibt es weiterhin. Zwar wurde kurz nach Erscheinen der Artikels die Abseitsregel geändert – siehe Artikel „Elfmeter! Wie der Strafstoß in die Regeln kam“ – und die Abschaffung der Abseitsregel seitdem wiederholt diskutiert, doch eine Abschaffung gab es bislang nie. Wird auch erstmal kein Thema sein, da viel Geld in die semi-automatisierte Abseitstechnik gesteckt wurde.

Das Original

Für alle, die gerne den kompletten Bericht lesen möchten, hier in der gesamten Länge.

How he came to be in the room I don’t pretend to be able to explain. All I know is that he was there, helping himself to by tobacco and enjoying my whisky and soda like an ordinary mortal.

“It will be a great story,” he said, “but I don’t suppose they will believe me when I get back.”

“Are you from abroad?” I gasped, when I had pulled myself together a little.

“In a sense,” he admitted, “ I am a journalist and have come a long was to see your football. We have heard some weird tales about your game in Mars, so the Editor asked me to pop down and get a story, and – well, here we are.”

He ignored my gasps of horror. Obviously I was in the presence of a lunatic, or worse. My instinct was to dash for the door, but I. realized he was nearer to the exit than I, and I decided to humour him until help arrived.

“Tell me about it,” I murmured coaxingly, “I’m awfully interested in Mars, really.”

“Well, you see, our big season starts next month, and as we are all out for the inter-Planet Cup, this time, we thought there might be a wrinkle or two to pick up down here.

We mee Saturn in the first round,” he added, “and if we can’t slip some new stunt over, we don’t stand much chance. They are pretty good. You will remember what they did to Jupiter last – but perhaps you wouldn’t,” he broke off – to smile pityingly.  I let him go on. There wasn’t much else to be done.

“It’s extraordinarily quaint, your football. You are, I estimate, just about 850 years behind the civilized planets. There has been some talk of a challenge to your Football Association. We did in fact try to get in touch with you some years ago.” (Those “signals” we read about in 1913! I thought)

“Perhaps it is just a well we didn’t succeed. It would have been very difficult to fix things up. You see, your game is so very different to ours. Many hundreds of years ago our football, according to documents found, was exactly like yours.

The improvements began when the first Labour Government went into o—ce- The premier of those days – the celebrated Sir Ramsay McTillett – realized that, properly handled, football might be the most potent force on the planet. But perhaps you find this tedious.” my mad Martian exclaimed.

“Go on,” I begged. He was getting interesting.

State Controlled Football

“Once the Government got seriously to work,” he proceeded, “things moved quickly. From a Ministry of Football to State Controlled Football was an easy and natural development. It was realized that there was a vast revenue in football which was being lost to the State. Clubs ceased to be privately owned concerns. The Municipalities took them over, and very soon the ratepayers began to feel the benefit.

The Players Union welcomed the change. Playing conditions improved and so did wages. The barbarous flatrate of pay and the stupid old transfer laws were all swept aside. A man was paid what he earned. If he was a great artist, he was paid like one.

I believe back in those days there were great footballers who only earned [Pounds] 8 or [Pounds] 9 a week, while a music hall comedians were getting [Pounds] 200.

Then it is on record in one Martian Museum that sometimes players were transferred in mid-season for vast sums to save a club from relegation to a lower division. The wise men of those days realized the evils which must spring from such a sy[s]tem.

They saw the folly of allowing a manager who didn’t know his job to cover up his close season blunders by extravagant purchases when things were going wrong for his club. The remedy was simple. They passed a law forbidding any transfers during the playing season.”

“Did it work?” I ventured.

“Of course,” he said. “Why not? Managers then had to rely upon their judgment rather than their cheque book, and there was a great revival in the almost lost art of team management.

In due course, football with its new wage earning possibilities rose to be a profession equal in standing to the Law, Medicine or the Arts. There was a Chair established at all the great Universities and learned professors lectured on the science of playing, managing and referee-ing. A qualified referee (Grade A) was paid [Pounds] 2.000 a year and was pensioned at the age of 45.

Some sensation was caused the other days by the discovery of an ancient newspaper which proved beyond all doubt that once upon a time men refereed football matches without any payment at all. You may well look incredulous; I tell you these things are true.”

I hastened to reassure him that he proceeded.

“Far more important from the national point of view was the effect of these changes on the whole life of the planet. A League of Nations came into existence and utilized the football competitive spirit so cleverly that this body ultimately grew into a Football League of Nations. Disarmament followed, and all disputes, industrial and otherwise were settled on the playing field.”

No Offside Law

I thought it best to bring him back to the game. I asked him what has happened to the play itself ‘mid all these developments.

“Curiously enough the changes have not been so startling. We still use a ball, for instance” – (I was relieved to hear that) – “but it is not quite the same as yours. Our balls are made to suit the climatic conditions of the match. On a frost-bound ground your games are spoiled by a light ball which no one can control. Under these conditions the ball we use cannot bounce too high, yet it retains just the proper amount of “life” and “resilience”. In heavy going we use a ball which is equally suitable. It’s strange no one has thought of this simple improvement down here.” He mused.

„What about offside?“ I inquired. He smiled. „The last offside whistle was heard in Mars 483 years ago. I have been reading your newspapers. It’s astonishing. I wonder how much longer your spectators will go on suffering this antiquated law. Some day someone will think of playing the game with no offside rules applying, and you will realize that this will involve no very tragic consequences to the game.“

It seemed to me that such an enlightened sphere of players should never behave anything but perfectly, and it was with some surprise I heard my strange visitor say that all offenses on the field were reported to the Courts of Justice and dealt with under the criminal law. „The most serious crime is deliberately kicking the ball out of play and for this offense a man can be sentenced to –.“

It was at this point the pup must have sneezed. Anyhow that was the end of my dream.

 

Manning, L. V.: Football Special. Exclusive Interview with a Martian. What to expect in the year 2000. In: Mansfield Reporter (01.05.1925). S. 6.

Header: Photo by Thomas Ciszewski on Unsplash

Kategorie: Fußballgeschichte

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