Regelgeschichte
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Unentschieden? Wie man das siegende Team bestimmt(e)

Ein Spiel endet nach Ende der Spielzeit und Nachspielzeit unentschieden. Und jetzt? Verlängerung um weitere 30 Minuten und ggfs. anschließende „Kicks from penalty mark“ (KFPM) – das Elfmeterschießen in Deutschland – sind heute die gebräuchlichsten Varianten.

Aber es gab noch weitere Varianten, die ich hier vorstelle:

Münzwurf

Der Münzwurf war lange Zeit die gängige Methode, um das siegende Team zu ermitteln, wenn ein Entscheidungsspiel unentschieden ausging. Er war in zahlreichen Regeln der englischen public schools aufgeführt, sowie von Anfang an in den FA-Regeln (Ausnahme: 1866/67) als auch in den Sheffield FA Rules von 1871 und in den Laws of the Game des IFAB von 1886 bis 1970.

Seit 1898 wurde der Münzwurf nur noch bei letzterem verwendet, wenn das Spiel nach der Verlängerung unentschieden war.

 

Touchdown

Der Touchdown war Teil der Cambridge University Rules von 1863 (nicht in früheren Versionen) und der FA Rules in der Saison 1866/67. Die FA-Regeln übernahmen den Touchdown aus den Cambridge-Regeln, strichen ihn aber nach einem Jahr wieder.

In den beiden Regelwerken wurde nur sehr kurz beschrieben, wann und wie ein Touchdown erzielt werden konnte:

Er konnte erzielt werden, wenn der Ball ins Tor geht, und wurde für die Mannschaft gewertet, die den Ball dort zuerst berührt hatte. Die Anzahl der Touchdowns pro Team war jedoch nur bei Unentschieden von Bedeutung.

 

Rouge

Sehr ähnlich wurden Rouges erzielt, von denen etwas mehr bekannt ist. Sie wurden ab 1847 im Eton Field Game und von 1862 bis 1868 in den Sheffield FA Rules verwendet. Sie unterscheiden sich jedoch leicht vom Touchdown im Fußball:

In Eton 1847 war ein Ball rougefähig, wenn ein angreifender Spieler in Tornähe von einem Gegenspieler in Bedrängnis gebracht wird und dabei den Ball hinter die Torlinie geht [und zwischen den rouge-Fahnen seitlich oft das Tor].  Bei einem „cool kick“, d.h. einem Schuss in diesen Toraus-Bereich ohne Not, konnte kein Rouge erzielt werden.

Gleiches galt in Sheffield:

  • Entscheidend war, welches Team den Ball zuerst im Toraus berührte.
  • Ein Rouge konnte nur erzielt werden, wenn
    • der angreifende Spieler zuvor in Bedrängnis gebracht wurde und
    • der Ball zwischen Torpfosten und Rouge-Fahnen ins Toraus ging.
  • Die Rouge-Fahnen standen in Sheffield jeweils 25 yd neben den Torpfosten. Für Eton ist die Entfernung nicht angegeben.

Noch zwei Unterschiede:

1

  • Eton Field Game: Jedes Team konnte hinter jedem Tor ein Rouge erzielen
  • Sheffield FC: Nur das angreifende Team konnte hinter dem gegnerischen Tor ein Rouge erzielt. Auch hier nur dann, wenn der Ball „rougeable“ war, d.h. wenn zuvor der Spieler bedrängt wurde.

2

  • Sheffield FC: Der Ball war nicht mehr rougeable, wenn ein Spieler der verteidigenden Mannschaft den Ball zuerst berührte;
  • Eton Field Game: Der Ball war nicht mehr rougeable, wenn der Ruf „man down“ ertönte (sobald ein Spieler am Ball war)
    oder wenn ein Spieler den Ball berührte, der sich zuvor nicht im Spielfeld befand. Im letzteren Fall durfte ein Spieler der gegnerischen Seite den Ball berühren und erhielt ein Rouge.

Spielfortsetzung nachdem ein Rouge erzielt wurde:

  • In Eton: Freistoß 1 yd (= ca. 1 Meter) von der Mitte des eigenen Tores.
    Auch, wenn die Spielzeit bereits abgelaufen ist. Dann ist das Spiel erst zu Ende, wenn der Ball beim nächsten Mal aus dem Spiel oder im Tor ist. Der Standort der Gegenspieler ist nicht angegeben.
  • In Sheffield: Wiederanstoß vom Mittelkreis. Die Spieler des Teams, die das Rouge nicht erzielt haben, darf nicht weiter als 6 ft von den eigenen Torpfosten stehen.

In Sheffield, wie auch in Eton, zählte die Anzahl der Roughes nur, wenn die Anzahl der erzielten Tore ein Unentschieden ergab. War auch hier ein Unentschieden, wurde das Spiel in Sheffield per Münzwurf entschieden.

 

Auswärtstorregel

Die moderne Variante zur Ermittlung des Siegers beinhaltet die Auswärtstorregel, die von 1965 bis 2021 in UEFA-Wettbewerben galt: Die in Auswärtsspielen erzielten Tore zählen „mehr“ als die im Heimspiel erzielten. Nur wenn zwei exakt gleiche Ergebnisse erzielt wurden, wurde das Spiel mit einer Verlängerung fortgesetzt.

 

Golden Goal & Silver Goal (und „sudden death“)

In FIFA-Wettbewerben wurde von 1994 bis 2002 in der Verlängerung das sogenannte Golden Goal eingeführt, das 2002 durch das Silver Goal ersetzt wurde (bis 2004). Im Gegensatz zum Silver Goal, bei dem nach der ersten Hälfte der Verlängerung geprüft wurde, ob eine Mannschaft mehr Tore erzielt hatte, entschied das Golden Goal, das erste Tor der Verlängerung, über das siegende Team.

Doch diese Variante war im Fußball nicht neu. Bereits 1868 gab es den „sudden death“ im Cromwell Cup zwischen Sheffield FC und Garrick FC. Allerdings fiel bei diesem Spiel in den folgenden 30 Minuten kein Tor mehr. So wurde das Spiel anschließend nicht durch einen Münzwurf entschieden, sondern man spielte weiter, bis ein solches Golden Goal erzielt wurde.

Auch in Deutschland in (mindestens) den 1920er Jahren wurden Meisterschaftsspiele per sudden death entschieden.

 

Elfmeterschießen

Die Variante, die seit 1970 eine große Anzahl von Spielen entschieden hat, die nach 120 Minuten unentschieden waren, sind die Elfmeterschießen (bis 1974: Elfmeterpunkt). Seit ihrer Einführung sind sie nur geringfügig ergänzt und verändert worden, aber nicht viel. Grundsätzlich gilt für die Ausübung des Elfmeterschießens alles, was in Regel XIV – Elfmeter beschrieben ist.

1970 wurde folgendes Verfahren festgelegt:

  • Jede Mannschaft hat fünf Strafstöße auszuführen. Die Schüsse werden abwechselnd ausgeführt.
  • Wer den ersten Schuss ausführt, wird per Münzwurf entschieden
    • Seit 2003: Wer den Münzwurf gewinnt, kann entscheiden, ob seine Mannschaft den ersten oder zweiten Schuss ausführt.
  • Die Mannschaft, die die meisten Tore erzielt, wird zum Sieger erklärt
    • 1970-1974 durften nur die Spieler am Elfmeterschießen teilnehmen, die sich bei Spielende auf dem Feld befanden, seit 1974 dürfen Auswechslungen vor Spielende vorgenommen werden, sofern die maximale Anzahl der Auswechslungen während des Spiels nicht überschritten wurde.
    • 1974 wurde hinzugefügt, dass dies der Sieger des Spiels ist, nicht automatisch der Sieger eines Wettbewerbs.
  • Hat jede Mannschaft nach fünf Schüssen die gleiche Anzahl von Toren erzielt oder hat keine Mannschaft ein Tor erzielt, wird das Strafstoßschießen in der gleichen Reihenfolge fortgesetzt, bis jede Mannschaft die gleiche Anzahl von Schüssen ausgeführt hat und eine Mannschaft ein Tor mehr als die andere erzielt hat.
  • Jeder Strafstoss wird von einem anderen Spieler ausgeführt, und zwar erst dann, wenn alle teilnahmeberechtigten Spieler einer Mannschaft, einschliesslich des Torwarts, einen Strafstoss ausgeführt haben.
  • Jeder Spieler, der sich bei Spielende auf dem Spielfeld befand, darf während der Ausführung der Strafstöße jederzeit den Platz mit seinem Torwart tauschen
    • Seit 1974 gilt dies natürlich auch für Spieler, die vor dem KFPM legal ausgewechselt wurden
  • Alle Spieler außer den beiden Torhütern und dem ausführenden Spieler müssen während der Ausführung der Strafstöße innerhalb des Mittelkreises bleiben.
  • Der Torhüter, der Mannschaftskamerad des ausführenden Spielers ist, nimmt außerhalb des Strafraums hinter der parallel zur Torlinie verlaufenden Linie und mindestens zehn Meter von der Strafstoßmarke entfernt Position ein.

Weitere Ergänzungen:

  • Seit 1974: Fällt das Licht vor Ende des KFPM aus, wird das Ergebnis durch Münzwurf entschieden
  • Seit 2003: Schiedsrichter*innen achten darauf, dass auf beiden Seiten die gleiche Anzahl von Spielern anwesend ist (seit 2003).

 

KFPM, MLS-Version

Eine andere Variante des Elfmeterschießens

 

Eckstöße

Vor 1937 hat in Österreich und Irland der Eckstoß bei unentschiedenem Spiel entschieden.[1]Vgl. Koppehel, Carl: Meinung zu Tagesfragen. Fußballregeln endgültig gestaltet? Einstoß statt Einwurf? Was es noch gab – Ein englischer Aufruf. In: Deutsche Schiedsrichter-Zeitung 16/1937 … Continue reading

 

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Fotocredits
Das Foto von Markus Unger, CC-BY 2.0 URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Elfmeterschießen#/media/File:Penalty_kick_Lahm_Cech_Champions_League_Final_2012.jpg (letzter Zugriff: 27.10.2017) wurde als Grundlage ausgewählt und bearbeitet.

Fußnoten

Fußnoten
1 Vgl. Koppehel, Carl: Meinung zu Tagesfragen. Fußballregeln endgültig gestaltet? Einstoß statt Einwurf? Was es noch gab – Ein englischer Aufruf. In: Deutsche Schiedsrichter-Zeitung 16/1937 (16.08.1937). S. 176-177, hier S. 177.

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